Mike Leigh Edition – von Johannes Kösegi

Der mit sieben Oscars dekorierte, 1943 geborene Regisseur Mike Leigh ist einer der bekanntesten britischen Filmemacher und gehört zu den bedeutendsten Vertretern des New British Cinema. Selbst aus einer russischen Migrationsfamilie stammend, war seine Kindheit und Jugend geprägt durch das Leben in einem Arbeiterviertel. Daraus schöpft er auch Inspiration für seine Filme. Er verbindet das Alltägliche mit dem Außergewöhnlichen und berichtet als sensibler Beobachter vom ganz normalen Wahnsinn des kleinbürgerlichen Existenzkampfes. Durch seine realistischen und sozialkritischen Darstellungen des britischen Arbeitermilieus erlangt er auch internationale Bekanntheit. Leigh, der zunächst an der Royal Academy of Dramatic Art Schauspiel studierte und sein Regiedebüt 1965 am Theater feierte, blickt aus mittlerweile 50 Jahre als Film- und Fernsehregisseur zurück.

Sein Arbeitsstil fällt in mehrfacher Hinsicht aus dem üblichen Rahmen des Filmgeschäfts. Er engagiert seine Darsteller mit einer nur vagen Vorstellung von Handlung und Figuren eines geplanten Filmprojekts. Die Charaktere, ihre Beziehungen untereinander, die Erzählweise und die Dialoge entstehen nach langen Improvisationen und Diskussionen im gesamten Team. Stilistisch gibt es keine langen Schwenks, schnelle Schnitte oder Spezialeffekte. Damit erreicht er oft die Intimität eines Fernsehspiels. Wegen seiner ungewöhnlichen improvisierenden Arbeitsweise hat Leigh immer wieder Probleme, Fördergelder zu erlangen. Eine neue Mike Leigh Edition auf Blu-ray Disc enthält fünf seiner wichtigsten Werke aus dem Zeitraum von 1996 bis 2014 mit einer Gesamtlaufzeit von über 700 Minuten und vielen Extras.

„Lügen und Geheimnisse“ (1996) ist eine intensive, authentisch inszenierte Tragikomödie über große und kleine Geheimnisse in einer Familie. Hortense, eine junge schwarze Londonerin, begibt sich nach dem Tod ihrer Adoptiveltern auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Überrascht findet sie heraus, dass ihre „Erzeugerin“ Cynthia eine Weiße ist, die mit ihrer Tochter Roxanne in recht einfachen Verhältnissen lebt. Nach schwierigem Anlauf entwickelt sich zwischen den beiden eine Mutter-Tochter-Beziehung. Doch wie soll Cynthia ihrer Familie klarmachen, dass sie eine schwarze Tochter hat? Vor den Dreharbeiten verabredete sich Mike Leigh individuell mit allen Hauptdarstellern und klärte sie lediglich über den Wissensstand ihres Charakters zu Beginn des Films auf. Dadurch sollte die größtmögliche Spontanität der Reaktionen auf die im Laufe des Films aufkommenden Geheimnisse gewährleistet werden. Ohne falsches Pathos wird hier der Zerfall des alten Empire vorgeführt am Beispiel der unteren Mittelschicht am Rande der Gesellschaft, mit deutlicher Sympathie für die Benachteiligten und Vergessenen in der Ära von Margaret Thatcher. Die Botschaft dieses intimen Films, dass Geheimnisse und Lügen eine Familie zerstören können, wird abgemildert durch die unspektakuläre Heldenhaftigkeit der Charaktere. Der Film war 1997 in fünf Kategorien für den Oscar nominiert und wurde 1996 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Für ihre eindrückliche Darstellung der Cynthia erhielt Brenda Blethyn zudem den Golden Globe und den BAFTA-Preis als beste Hauptdarstellerin.

„All or Nothing“ (2002) ist ein entlarvendes Drama über die Tristesse und Hoffnungslosigkeit zweier Familien aus einem sozialen Brennpunkt im Süden Londons. Der Taxifahrer Phil und seine Frau Penny führen ein bedauernswertes Leben mit ihren verhaltensauffälligen Kindern. Ihr Alltag ist geprägt von Frust, unausgesprochenen Gefühlen und fehlender Kommunikation. Auch ihren Freunden ergeht es nicht anders im Leben. Erst ein trauriger Schicksalsschlag lässt Pennys Familie wieder zusammenwachsen. Mike Leigh mit einer Sympathie für die englische Unterschicht erzählt möglichst realitätsnah von den Verlierern der Gesellschaft, aber auch von kleinen Hoffnungsschimmern, die etwas Licht in ihren oft trüben Alltag bringen. Der Film gewann den London Film Critics Circle Award als bester britischer Film des Jahres, wurde für die goldene Palme in Cannes nominiert und brachte dem Regisseur im Rahmen der Europäischen Filmpreise eine Nominierung in der Kategorie beste Regie ein.

„Vera Drake“ (2004) ist ein brillant gespieltes Drama voller Mitgefühl über ein absolutes Tabuthema der 1950er Jahre und darüber hinaus. Die selbstlose Hausfrau Vera Drake (Imelda Staunton) kümmert sich liebevoll um ihre kranke Mutter und ihre zwei Kinder. Als ihr dunkles Geheimnis hilft sie verzweifelten Frauen und führt kostenlose Abtreibungen durch, was in England damals illegal war. Sie selbst sieht darin kein Verbrechen, doch als es eines Tages zu Komplikationen kommt, bekommen die Behörden davon Wind und für Vera droht eine Welt zusammenzubrechen. Mike Leigh war für seine unkonventionellen Regiemethoden bekannt. So informierte er im Voraus nur die Hauptdarstellerin Imelda Staunton über die Thematik des Films. Sie beschrieb die Arbeit mit Leigh als offenen Prozess ohne vorgefertigtes Ziel. Der Charakter der Vera Drake wurde innerhalb eines halben Jahres vor Drehbeginn durch Diskussionen, Improvisationen und eine intensive Recherche kreiert. „Vera Drake“ wurde ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen in Venedig und dem BAFTA-Preis 2005 für Imelda Staunton als beste Hauptdarstellerin.

Auch in „Another Year“ (2011) gelingt es dem Regisseur die Magie des Alltags durch komplexe, zugleich charmante Figuren darzustellen. Ein Jahr im Leben von Tom und Gerri verläuft im Rhythmus der Natur. Einen Großteil ihrer Zeit widmen sie ihrem Schrebergarten. Durch ihre Herzenswärme und Gastfreundschaft wird ihr kleines Häuschen zu einer wahren Zufluchtsstätte für Freunde und Verwandte in allen möglichen Lebenskrisen. Da ist Gerris Arbeitskollegin Mary, die in Selbstmitleid versinkt, weil sie kein Glück mit den Männern hat und mit ihrer ständigen Plapperei allen auf die Nerven geht. Oder Ken, dessen Motto „Less Thinking, More Drinking“ sein T-Shirt ziert. Und dann taucht noch Toms Bruder Ronnie auf, der im Winter seine Frau verloren hat. Es geht hier um eine gereifte Beziehung, in der die flammende Leidenschaft erloschen zu sein scheint und stattdessen von der Wärme vertrauter Zärtlichkeit bestimmt wird. Der Film brachte eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch, während Lesley Manville dreimal als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde. Das Bonusmaterial enthält Interviews mit Regisseur Mike Leigh und den Darstellern.

Das Filmporträt „Mr. Turner – Meister des Lichts“ (2014) zeigt die letzten 25 Lebensjahre des bedeutendsten britischen Künstlers der Romantik und Wegbereiters des Impressionismus. William Turner (1775-1851) war als Künstler zielstrebig und kompromisslos, revolutionär in seinem Ansatz, vollendet in seinem Handwerk und vorausschauend in seiner Vision. Das opulente Biopic erzählt von der Stärke und Zerbrechlichkeit eines visionären Genies, das als Mensch exzentrisch, unberechenbar und bisweilen ungehobelt sein konnte. Gelungen ist hier die Darstellung der Balance zwischen charakterlichen Abgründen und menschlicher Verletzlichkeit. Kameramann Dick Pope arrangiert Landschaftseinstellungen als eigenständige Kunstwerke. Dafür erhielt er in Cannes eine Auszeichnung für seine technischen Leistungen, während Timothy Spall als bester Darsteller den Europäischen Filmpreis in Riga gewann. Außerdem wurde der Film dreimal für den Oscar nominiert. Die Extras enthalten einen Audiokommentar von Regisseur Mike Leigh, „Die Farbwelt des Mr. Turner“, zusätzliche Szene und Trailer.