Jean Cocteau – Die Orpheus-Trilogie – von Johannes Kösegi

Jean Cocteau (1889-1963) konnte seinen traditionellen Hang zur Poesie in vielen verschiedenen Künsten ausdrücken. Er war nicht nur Regisseur, sondern auch Dichter, Schriftsteller, Theaterautor, Illustrator, Maler und Bildhauer. Durch den Komponisten Eric Satie gelangte Cocteau in den Kreis avantgardistischer Vertreter von Literatur und Kunst, darunter Picasso und Strawinsky. Seine künstlerische Entwicklung begann neoromantisch über futuristische und dadaistische Versuche, bis er in den 1920er Jahren seinen Stil als Surrealist gefunden hatte. Cocteau versuchte eine filmische Poesie zu verwirklichen, die sich grundsätzlich vom Theater, Roman oder der Zeichnung unterscheiden sollte. Mit seinen Filmen will er das Publikum wie in einem Wachtraum in eine Art kollektive Hypnose versetzen.

Sein Metier sind die fließenden und mythologisch aufgeladenen Übergänge von Fiktion und Realität, von Traum und Wirklichkeit und schließlich vom Leben zum Tod. In der Orpheus-Trilogie, die jetzt bei StudioCanal in einer Edition auf Blu-ray Disc erscheint, führt uns der Regisseur in sein surrealistisches Universum ein, wo Statuen zum Leben erwachen, Körper mit Gedichten gefüttert werden und der Tod die Sterblichen beneidet. Jean Cocteau beschwört in dieser Trilogie seine eigene Reflexion, indem er den antiken griechischen Mythos von Orpheus an die heutige Zeit anpasst. So erzählt er von der Inspiration, den Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten eines Künstlers. Diese drei singulären Werke, entstanden zwischen 1930 und 1960 mit einer Gesamtlaufzeit von 227 Minuten, haben das französische Kino durch ihren einzigartigen Stil, ihren visionären Spezialeffekten in prächtigem Schwarz-Weiß und mit ihrer Kühnheit geprägt. Neben Jean Cocteau selbst wirken als Schauspieler Francoise Arnoult und Enrique Rivero mit. Als Extras gibt es die Dokumentationen „Eine halluzinogene Poetik“ und „Jean Cocteau – Der letzte Pharao.

„Das Blut eines Dichters“ (1930), ursprünglich als Zeichentrickfilm geplant, ist Cocteaus erster öffentlich gezeigter Spielfilm und gewann einen NBR-Preis. Im Zimmer eines Dichters erwacht plötzlich eine armlose Statue zum Leben. Sie lädt den Dichter ein, durch einen Spiegel zu springen und dort eine andere Welt zu entdecken. Seltsame Orte und Charaktere präsentieren sich ihm. Der Dichter reißt sich von dieser verdrehten Faszination los und kehrt nach einigen Schwierigkeiten in sein Zimmer zurück. Dieses poetische Avantgarde-Werk zwischen Realem und Surrealem nimmt sein Publikum durch die gekonnte Nutzung der tricktechnischen Möglichkeiten des Mediums mit auf eine skurrile Reise. Dieser „realistische Dokumentarfilm über unwirkliche Ereignisse“ (Cocteau) ist voller poetischer Einfälle, skurriler Widersprüche und paradoxer Erfindungen. Wegen des Skandals um Luis Buñuels Film „Das goldene Zeitalter“ (1930), der ebenfalls durch das Produktionsteam de Noailles finanziert wurde, konnte die Premiere von „Das Blut des Dichters“ erst im Januar 1932 in Paris stattfinden.

Mit „Orpheus“ (1949) hebt Cocteau die antike Sage von Orpheus und Eurydike in die Gegenwart der 1950er Jahre. Dabei verarbeitet er zugleich persönliche Schicksalsschläge wie den frühen Tod seines Freundes Raymound Radiguet. Im Paris der 1950er Jahre gerät der berühmte Dichter Orpheus in einem Café in eine Schlägerei. Provoziert wurde der Streit von einer Prinzessin, die Orpheus auffordert, ihr ins Schloss zu folgen. Doch sie ist nichts anderes als eine Todesbotin. Auf der Suche nach Inspiration folgt der Dichter der Prinzessin durch ein Spiegelportal aus der Welt der Toten ins Reich des Todes. Cocteau spielt faszinierend mit Mythen und Bildern und schafft eine Welt der Halbschatten und Rätsel, in der Spiegel zur Tür ins Jenseits oder schwarz uniformierte Motorradfahrer zu Todesboten werden. Das Irreale dringt in die Realität ein. Der Tod wandert durch Paris, das Jenseits gibt sich mit seinen Ritualen von Verhören und Verhandlungen betont diesseitig. Dieser Film bedeutete den Durchbruch für die junge Chansonette Juliette Gréco, die später in Filmen wie „Bonjour Tristesse“ (1965) und „Onkel Toms Hütte“ (1965) mitwirkte. Er wurde 1950 mit einem BAFTA-Award, einer Nominierung und dem Großen Preis bei den Filmfestspielen in Venedig ausgezeichnet.

Auch der avantgardistische Experimentalfilm „Das Testament des Orpheus“ (1960) als Abschluss der Orpheus-Trilogie wurde für einen BAFTA-Award nominiert. Cocteau begibt sich im Kreis alter und neuer Freunde auf eine Zeitreise durch sein poetisches Universum. Im Anblick seines Todes schaut der Poet zurück auf seine Arbeit fernab von Zeit und Wirklichkeit. Er lässt sein Leben vorbeiziehen und entsinnt sich auf seine Inspirationen und Obsessionen. Jean Cocteaus letzter Langfilm ist ein avantgardistisches Kunstdrama unter der Mitwirkung vieler bekannter Filmgrößen. In seinem letzten Spielfilm vor seinem Tod 1963 übernimmt der Regisseur selbst die Hauptrolle des Orpheus an der Seite von Jean Marais in der Rolle des Ödipus. In weiteren Rollen sind Künstlerkollegen wie der Schauspieler Yul Brynner und der Maler Pablo Picasso zu sehen. Es ist Cocteaus Abschiedsgeschenk an das Kino und zugleich die Synthese des Lebenswerkes eines vielseitigen Künstlers.