Bertrand Tavernier Edition – von Johannes Kösegi

Der französische Filmregisseur Bertrand Tavernier (1941-2021) ist kurz vor seinem 80. Geburtstag verstorben. Aus diesem Anlass veröffentlicht StudioCanal eine Sonderedition, die elf seiner besten Filme aus der Zeit von 1974 bis 2010 mit einer Gesamtlaufzeit von etwa 1500 Minuten enthält. Außerdem gibt es viele Extras, darunter Filmanalysen von Guillemette Odicino, Interviews mit Bertrand Tavernier, Philippe Noiret, Jean Rochefort, Eddy Mitchell, alternatives Ende, Trailer, hinter den Kulissen, Making of und geschnittene Szenen.

Geboren am 25. April 1941 in Lyon veröffentlichte Bertrand Tavernier bereits in den 1950er Jahren Filmkritiken und Interviews in Zeitschriften, eine Parallele zu den Regisseuren der Nouvelle Vague. Im Gegensatz zu diesen zog er jedoch keine scharfe Trennlinie zwischen neuem Autorenkino und Tradition, er war offen für beides. Ein Jurastudium brach er nach zwei Semestern ab, um sich ganz dem Film zu widmen. Gemeinsam mit seinem Schulfreund Volker Schlöndorff war er Regieassistent bei Jean-Pierre Melville, Claude Chabrol und Jean-Luc Godard. Sein Interesse und Engagement galten vor allem dem amerikanischen Kino mit Kollegen wie Samuel Fuller, Douglas Sirk oder King Vidor. Tavernier gilt als einer der besten französischen Geschichtenerzähler. Dabei wirft er einen genauen Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, formuliert Kritik an den gesellschaftlichen Institutionen und der Macht, die im politischen und philosophischen Denken der Zeit nach 1968 eine zentrale Rolle spielt. Oberflächlich betrachtet scheinen Taverniers Filme mit ihrer großen Themenvielfalt leicht zugänglich. Auf den zweiten Blick jedoch offenbaren sie viele intensive und suggestive Bilder, die unterhalten wollen und zugleich engagiert sind. Für sein beeindruckendes Lebenswerk erhält er 2015 den Goldenen Löwen.

Nach zwei Kurzfilmen 1964 und der Arbeit als und Regie- und Presseassistent für verschiedene andere Projekte ist „Der Uhrmacher von St. Paul“ 1974 Taverniers erster eigener Langspielfilm, basierend auf dem 1954 erschienen Roman „Der Uhrmacher von Everton“ von Georges Simeon. Im Lyoner Stadtteil Saint Paul führt ein Uhrmacher ein friedliches Leben, das er mit seiner Arbeit, seinen Freunden und seinem Sohn Bernard teilt. Doch dann begibt sich der Junge auf die Flucht, nachdem er einen Mann ermordet hat. Als er Inspektor Guiboud bei seinen Ermittlungen unterstützt, stellt der verzweifelte Vater fest, dass er nichts über seinen Sohn wusste. Der spannende Kriminalfilm erhielt 1974 den Silbernen Bären, außerdem wurde Philippe Noiret für seine Rolle als Uhrmacher mit dem Louis-Delluc-Preis und dem Etoil de Cristal ausgezeichnet. Dieser Film war der Beginn einer jahrzehntelangen Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Darsteller.

„Wenn das Fest beginnt“ (1976) war Taverniers zweiter Spielfilm als Regisseur und der erste, an dem er aktiv am Drehbuch mitwirkte. Der opulent ausgestattete Historienfilm, basierend auf den Büchern „Une fille de Régent“ von Alexandre Dumas und den Memoiren des französischen Politikers und Schriftstellers Louis de Rouvroy, gewann 1976 vier Césars in den Kategorien beste Regie, bester Nebendarsteller, bestes Drehbuch und bestes Szenenbild. Er spielt 1719 in Frankreich. Vier Jahre nach dem Tod Ludwigs XIV. ist Philippe von Orléans der Regent des minderjährigen Ludwig XV. Er kennt keine Tabus, sein Leben ist ganz auf leibliche Sinnesfreuden ausgerichtet. Dubois, ein amouröser und atheistischer Priester, versucht eine kleine Rebellion anzutreiben und will die Hungersnot auf dem Karrieresprung zum Erzbischof ausnutzen.

„Der Richter und sein Mörder“ (1976) spielt ebenfalls im historischen Frankreich. 1985 wird der aus der Armee entlassene Unteroffizier Bouvier nach einem gescheiterten Fluchtversuch in eine Heilanstalt eingewiesen. Nach seiner Entlassung geschehen grausame Morde an jungen Männern und Frauen. Provinzrichter Rousseau gelingt es, Bouvier als den Täter zu ermitteln. Sollte dieser als geisteskrank anerkannt werden, könnte er dem Todesurteil entkommen. Diese spannende Kriminalgeschichte stellt die bürgerliche Moral in Frage. Sie beruht auf der wahren Geschichte des Psychopathen und Serienmörders Joseph Vacher.

Ein ganz anderes Metier präsentiert Tavernier in „Ferien für eine Woche“ (1980). Sensibel inszeniert er hier die Existenzkrise einer Frau, die sich nicht zwischen beruflichem und privatem Leben entscheiden kann. Laurence (Nathalie Baye) ist eine junge und engagierte Lehrerin in Lyon. Doch Stress und Selbstzweifel führen sie an den Rand des Zusammenbruchs. Der Arzt verordnet ihr eine Woche Urlaub. Diese Zeit verbringt sie mit ihrem Liebhaber Pierre (Gérard Lavin) und versucht, Klarheit über ihre Zukunft zu bekommen. Wie „Der Uhrmacher von St. Paul“ entstand auch dieser Film in Lyon, der Geburtsstadt des Regisseurs. Er lief 1980 im Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes und brachte Nathalie Baye 1981 eine Nominierung als beste Hauptdarstellerin ein.

Als Vorlage für „Der Saustall“ (1981) diente der Pulp-Thriller Pop. 1280 von Jim Thompson. Tavernier verlagert die Geschichte vom literarischen Handlungsort Texas in die ehemalige französische Kolonie Senegal. Hier in Französisch-Westafrika ist Lucien Cordier Polizist in einem Dorf. Als sein Vorgesetzter, seine Frau und die örtlichen Ganoven ihm seine Mittelmäßigkeit vor Augen führen, reagiert er gewalttätig und wird zu einem von Gott inspirierten Vigilanten. Mit der gleichen stoischen Ruhe, mit er zunächst alle Demütigungen hingenommen hat, beginnt Cardier nun, seine Peiniger nacheinander umzubringen.

Das melancholische Familiendrama „Ein Sonntag auf dem Lande“ (1984) handelt von einem alternden Künstler, den die Selbsterkenntnis überfällt. Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Roman von Pierre Bost. Im Sommer 1912 lebt der talent- und erfolglose Maler und Kunsthändler Ladmiral mit seiner Haushälterin Mercedes zusammen, nachdem seine Frau gestorben war. Der traditionelle Sonntag im Kreise der Familie wird durch die Ankunft seiner fröhlichen und tatkräftigen Tochter Irène durcheinandergebracht. Bei ihrer Abreise wird dem Vater klar, dass seine Tochter genau das verkörpert, was er gerne geworden wäre.

Bertrand Tavernier hat auch Dokumentarfilme gedreht. Zusammen mit Patrick Rotman entstand 1991 „Der Krieg ohne Namen“ über den Krieg in Algerien, nach dem 1962 die französische Kolonialherrschaft beendet wurde. Acht Jahre hatten die Auseinandersetzungen gedauert. Es war ein Krieg ohne Namen, weil es sich offiziell nur um Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung handelte. Dreißig Jahre danach befragt Tavernier französische Veteranen über ihre Erfahrungen in Algerien und zeichnet damit ein eindringliches Porträt einer „unsichtbaren Generation“. Der vierstündige Film verwendet kein Archivmaterial und keine offiziellen Dokumente, sondern lässt stattdessen die Soldaten zu Wort kommen.

„Auf offener Straße“ (1992) ist ein halbdokumentarischer Polizeithriller über den brutalen Alltag von Drogenfahndern. Er wurde für vier Césars nominiert. Lulu ist ein knallharter Drogenfahnder, der sich weder an die Regeln hält noch vor seinen schwachen und korrupten Vorgesetzten kuscht. Lulu blüht in dieser gewalttätigen Welt auf, in der er nur mit viel Mut und Verstand die Defizite seiner Truppe überwinden kann. Trotz dieses rücksichtlosen Arbeitsumfeldes gelingt es ihm, seine Menschlichkeit zu bewahren.

Das realistisch inszenierte Sozialdrama „Es beginnt heute“ (1999) wurde bei den Filmfestspielen in Berlin uraufgeführt. Es gewann insgesamt zwölf Auszeichnungen, darunter den Ökumensichen Filmpreis des Norwegischen Filmfestivals. Der Idealst Daniel ist ein engagierter Leiter einer Schule in einem sozialen Brennpunkt in Nordfrankreich. Bei vielen Familien wäre eine schnelle Hilfe geboten, doch die zuständigen Stellen sind überlastet und die Politiker interessieren sich nur für Statistiken. Dennoch kämpft Daniel für ein besseres Leben seiner Schützlinge.

Mit „Der Passierschein“ (2002) schuf Tavernier einen großangelegten Spielfilm mit dramatischen und burlesken Facetten. Das Biopic spielte weltweit über 1,7 Millionen Dollar ein und gewann sieben Preise, darunter zwei Silberne Bären in Berlin für den besten Schauspieler und die beste Filmmusik. Im besetzten Frankreich hat die deutsche Firma Continental das Sagen im Filmgeschäft. Regieassistent und Résistance-Aktivist Jean Devaivre arbeitet für Continental, wo er „zwischen die Zähne der Wölfe geraten und nicht zerkaut“ werden kann. Der umtriebige Drehbuchautor Jean Aurenche nutzt jede Gelegenheit, um nicht für den Feind zu arbeiten. Für beide stellt die Kriegszeit einen Kampf ums Überleben dar.

Das über zweistündige opulente Historiendrama „Die Prinzessin von Montpensier“ (2010) des gleichnamigen Literaturklassikers von Madame de La Fayette, in dem eine bildschöne Prinzessin im Frankreich des 16. Jahrhunderts Spielball politischer Ränkespiele wird, wurde in Cannes mit einem César für die besten Kostüme prämiert. 1562 wütet in Frankreich ein erbitterter Glaubenskrieg zwischen Hugenotten und Katholiken. Inmitten dieser Unruhen verliebt sich die hübsche Marie de Mézières in den wagemutigen Herzog Henri de Guise. Aber Maries Vater beschließt, sie mit dem wohlhabenden Fürsten Philippe von Montpensier zu verheiraten. Schon kurz nach der Hochzeit gibt Philippe seine attraktive Frau in die Hände des Lehrmeisters Francois de Chabannes. Ungewollt löst die junge Prinzessin eine blutige Fehde zwischen den Männern aus. Die mit viel Feingefühl verfilmte Liebesgeschichte wurde mit einem César für die besten Kostüme ausgezeichnet.