Die Dinge des Lebens – Bericht von Johannes Kösegi

Melodram „Die Dinge des Lebens“ erstmals auf Blu-ray Disc

Romy Schneiders erste Zusammenarbeit mit Claude Sautet

Mit der weiblichen Hauptrolle in „Die Dinge des Lebens“ begann 1970 für den deutschen Filmstar Romy Schneider die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem französischen Regisseur Claude Sautet. Aus der lieben „Sissi“ war mittlerweile eine ernstzunehmende Charakterdarstellerin geworden, die ihre kurze, sehr erfolgreiche Karriere nach einigen deutschen Heimatfilmen im Nachbarland Frankreich fortsetzte. Bei StudioCanal erscheint dieser beeindruckende 85-minütige Film erstmals auf Blu-ray Disc. Als Bonus gibt es die Dokumentation „Symphonie métallique“, ein Making-of von „Die Dinge des Lebens“.

Für Claude Sautet war „Die Dinge des Lebens“ nach zwei Genrefilmen die erste erfolgreiche Regiearbeit. Im thematischen Zentrum seines Werks steht der französische Mittelstand, gekennzeichnet durch Geselligkeitsformen, Vitalität, Hedonismus, soziale Konflikte und Krisen. Da Sautets Filme meist typische Männerfilme sind, steht hier eigentlich nicht Romy Schneider im Mittelpunkt, sondern ihr älterer Liebhaber, gespielt von Michel Piccoli. Beide sollten bald ein festes Filmpaar im französischen Kino werden. Piccoli verkörpert den Architekten Pierre Bérard, dessen letzte 24 Stunden in Rückblenden gezeigt werden, bevor er bei einem Autounfall ums Leben kommt. Eindringlich führt der Regisseur mit seiner typischen unpathetischen Bildersprache vor, was ein Mensch im Angesicht des Todes denkt und fühlt. Bilder aus dem Unterbewusstsein sollen zeigen, was einem Menschen in dieser einmaligen Situation der letzten Lebensminuten durch den Kopf gehen. Ein zwiespältiger Charakter und eine ausgeprägte Entscheidungsschwäche haben Pierre in eine akute Krise getrieben. Emotional ist er hin- und hergerissen zwischen der vertrauten Vergangenheit mit seiner Frau Catherine (Lea Massari), dem gemeinsamen Sohn und einer verlockenden Zukunft durch die neue Liebesbeziehung mit der schönen Hélène (Romy Schneider).

Beide haben einen langen Aufenthalt in Tunis geplant, doch Pierre ist wieder einmal unentschlossen und möchte stattdessen mit seinem Sohn in Urlaub fahren. Zwischen Pierre und Hélène beginnt es zu kriseln. Pierre denkt über sein Leben nach, schreibt ihr einen Brief, in dem er mit ihr Schluss machen möchte. Er macht sich eines Abends mit dem Auto nach Rennes auf. Als er an einer Hochzeitsgesellschaft vorbeikommt, kommt ihm der Gedanke zu heiraten. Er gibt den Brief deshalb nicht auf, sondern hinterlässt Hélène telefonisch eine Nachricht, dass sie sehnsüchtig in einem Hotel erwartet werde. Er will sie heiraten, denn er möchte für den Rest seines Lebens nicht alleine sein.

Auf der Weiterfahrt kommt es dann zu dem verhängnisvollen Unfall. Pierre fährt mit hohem Tempo auf einen liegengebliebenen Lastwagen auf, sein Wagen überschlägt sich mehrmals. Pierre wird herausgeschleudert, das Auto landet an einem Baum und geht in Flammen auf. Er liegt auf einer Wiese wie im Koma und erinnert sich, vermittelt durch seine Stimme im Voice-over, an sein vergangenes Leben mit den beiden Frauen und seinem Sohn. Er spürt keine Schmerzen und denkt immer wieder an den Brief an Hélène, den er unbedingt zerreißen möchte. Bilder der Handlungsrealität vermischen sich mit surrealen Bildern von Pierres Innenwelt. Die Perspektive springt dabei zwischen der Außenwelt mit dem Unfallort und den Schaulustigen, und Pierres Innenperspektive mit seinen Gedanken über die Dinge des Lebens. Momente des Wachseins wechseln mit Dämmerzuständen, in denen sich Fantasiebilder in sein Unterbewusstsein einprägen. Dabei träumt er von einer Hochzeit mit Hélène.

Ein Krankenwagen bringt ihn in eine nahegelegene Klinik. Sein Bewusstsein schwindet, in inneren Monologen denkt er über Dinge nach, die er noch erledigen möchte. Seine letzten Minuten ohne volles Bewusstsein sind gedehnt, ein gelungener Kunstgriff, den es so nur im Film gibt. Eine Krankenschwester übergibt Pierres persönlichen Gegenstände an Catherine. Diese liest den Brief und zerreißt ihn, während Hélène auf dem Weg ins Krankenhaus ist.

Mit „Die Dinge des Lebens“ ist Sautet ein eindringliches, psychologisch sensibles und poetisches Melodram gelungen. Michel Piccoli überzeugt in der Rolle des ambivalenten, nach außen hin kühlen, doch innerlich brodelnden Pierre, Romy Schneider spielt mit großer Hingabe seine Geliebte Hélène. Die suggestive Kraft der Filmmusik von Philippe Sarde passt perfekt zur Filmhandlung. Mark Rydell versuchte 1994 mit „Begegnungen – Intersection“ ein Remake mit Richard Gere und Sharon Stone in den Hauptrollen, das jedoch bei Weitem nicht an das technisch und ästhetisch brillante Original Sautets heranreicht.