Charite Staffel III – Bericht von Johannes Kösegi

Fortsetzung der Klinikserie im geteilten Berlin

Die „Charité“ in Berlin ist Deutschlands größte Krankenanstalt und gilt seit über 100 Jahren als eine der renommiertesten Kliniken der Welt. Hier haben die größten Mediziner und Forscher ihrer Zeit gelehrt, geforscht und geheilt. Nachdem der auf historische Stoffe spezialisierte Filmproduzent Nico Hofmann bereits zwei erfolgreiche Staffeln mit einer Mischung aus fiktionalen und auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichten herausgebracht hat, folgt jetzt die dritte Staffel mit Geschichten dieser Klinik.

Nach der Zeit im 19. Jahrhundert mit berühmten Gelehrten wie Rudolf Virchow und Robert Koch und der Zeit im Dritten Reich mit dem Chirurgen Ferdinand Sauerbruch steht in der aktuellen Staffel die Zeit Anfang der 1960er Jahre im Zentrum, als der Mauerbau Berlin für viele Jahre teilte. Weniger Medizingeschichte als in den früheren Folgen, dafür mehr Zeitgeschichte im Spiegel eines großen Krankenhauses werden hier gezeigt. Nach der Ausstrahlung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit überaus großen Sehbeteiligungen bringt Universum Film die komplette dritte Staffel auf einer Blu-ray Disc heraus.

Sie umfasst sechs Folgen à 50 Minuten mit einem neuen Darstellerensemble, darunter Nina Gummich („Babylon Berlin“), Nina Kunzendorf („Ökozid“), Philipp Hochmair („Vorstadtweiber“), Uwe Ochsenknecht („Männer“), Uwe Preuss („Deutschland 83-89“), Max Wagner („Der Fall Collini“), Franz Hartwig („Unsere wunderbaren Jahre“) und Anatole Taubman („Traumfabrik“). Regie führte Christine Hartmann, die bereits einige „Tatorte“ und „Polizeirufe“ inszeniert hat. Sie wurde unterstützt von Fachberatern, darunter der Medizinhistoriker Professor Thomas Schnalke, Leiter des Medizinhistorischen Museums der Charité, Oberarzt Dr. Sven Hartwig, Abteilungsleiter Forensische Toxikologie der Charité, Oberarzt Dr. Rainer Herrn, Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik der Charité sowie Professor Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité.

Nach dem Mauerbau liegt das weltbekannte Berliner Krankenhaus Charité unmittelbar am Grenzgebiet. Ab dem 13. August 1961 bestimmt die Mauer die Abläufe und den Arbeitsalltag im gesamten Klinikbereich. Die dritte Staffel erzählt von einer Zeit, in der die Ärzte moralisch, politisch und persönlich an ihre Grenzen gehen und Haltung zeigen müssen. Die Charité droht personell auszubluten, da es immer mehr Ärzte und Pflegepersonal in den Westen auswandern. Die politischen Ereignisse spalten auch die Belegschaft, darunter Dr. Ella Wendt (Nina Gummich), die sich der Erforschung der Krebsfrüherkennung verschrieben hat. Renommierte Kollegen, allen voran der berühmte österreichische Serologe Professor Otto Prokop (Philipp Hochmair), legen der jungen Ärztin Steine in den Weg. Die Charité erlebt einen historischen Umbruch mit einem Generationen- und Geschlechterkampf in der medizinischen Forschung aber auch im Zuge des politischen Zeitgeschehens. Dabei spielen auch politische Ideale und die Rolle der Charité in der DDR eine Rolle. Nebenbei erfährt man von der Emanzipationsgeschichte, wenn selbstbewusste Ärztinnen in der DDR neue Wege in Forschung und Therapie beschreiten.

Unter der Leitung des herausragenden Serologen und Gerichtsmediziners Professor Otto Prokop forscht Dr. Ella Wendt nachts an einem Verfahren zur Krebsfrüherkennung. Tagsüber bewältigt sie mit ihrem ehemaligen Kommilitonen Dr. Alexander Nowack den Klinikalltag in der Inneren Medizin. Doch die politischen Ereignisse erschüttern das gegenseitige Vertrauen. Besonders als Ella sich zunehmend auf den Chirurgen Dr. Curt Bruncken einlässt, der sie mit seinem Freiheitsdrang und seiner rebellischen Art fasziniert. Dem gegenüber steht die Kinderärztin und Sozialistin Ingeborg Rapoport, die mit ihren Bemühungen, die Säuglingssterblichkeit zu senken, mit dem konservativ denkenden Gynäkologen Professor Helmut Kraatz aneckt.

Leider wurde die Begleitdokumentation „Die Charité – Ein Krankenhaus im Kalten Krieg“ von Dagmar Wittmers nicht auf die Blu-ray Disc aufgenommen. Sie trägt sehr zum Verständnis der teils fiktionalen Filmgeschichte bei und ist noch eine gewisse Zeit in der ARD-Mediathek zu sehen. Hier werden die vorgeführten Persönlichkeiten teils im Original gezeigt. Der Mauerbau ändert die Situation an der Charité. Nach dem Ende des Krieges war sie zunächst ein Ort der bürgerlichen Eliten, die in Anpassung und Opportunismus geübt waren. Aus den Göttern in Weiß werden nicht über Nacht Götter in Rot. Medizinische Koryphäen, die eine kurze Phase der Entnazifizierung überstanden haben, bleiben oft in ihren alten Positionen. Diese Kontinuität beherrscht das Klima im Vorzeigekrankenhaus der noch jungen DDR.

Der österreichische Forensiker und als „Blutgruppenpapst“ bekannte Otto Prokop wechselt von der Universität Bonn an die Charité und übernimmt dort die Gerichtsmedizin. Andere, wie der Biochemiker Mitja Rapoport und die Kinderärztin Ingeborg Rapoport, entscheiden sich bewusst für das sozialistische Land. Zweimal wurden sie vertrieben, zunächst durch die Nazis, weil sie Juden waren. Später mussten sie die USA in der McCarthy-Ära verlassen, weil sie als Kommunisten verfolgt wurden. In der DDR und an der Charité finden sie die vermeintliche Alternative zu dem Deutschland, das Faschismus und Rassenverfolgung hervorgebracht hat.

Die Krankenstadt in der Mitte Berlins liegt direkt an der Grenze zwischen dem sowjetischen und britischen Sektor. Im August 1961 wird der Außenzaun der Charité mit Stacheldraht abgeriegelt und von Grenztruppen bewacht. Alle Fenster der Kliniken in Richtung Westen werden eilig mit Pappen abgedichtet und später zugemauert. Viele Ärzte und Schwestern der Charité waren Westberliner. Jetzt bleibt ihnen nur der Umzug in die DDR oder die Kündigung. Die meisten von ihnen verlassen ihr Krankenhaus. Im Klinikalltag läuft in den ersten Monaten nach dem Mauerbau kaum mehr etwas so, wie es war. Eine eigene Herz-Lungen-Maschine muss beschafft werden, da solche Operationen nun nicht mehr in West-Berlin durchgeführt werden können. Ärzte und Wissenschaftler der Charité entfalten Ehrgeiz und Ethos, den guten Ruf des Hauses trotz Mangelwirtschaft und schwieriger Finanzlage zu bewahren. Ingeborg Rapoport hat es als Ärztin schwer, sich mit neuen Ideen durchzusetzen. Sie will die Neugeborenen schon unmittelbar nach der Geburt betreuen und so die Säuglingssterblichkeit senken. Schließlich gelingt ihr der große Durchbruch und sie erhält den ersten Lehrstuhl für Neonatologie in ganz Europa. Der Kardiologe Joachim Witte knüpft über die Grenze hinweg Kontakte zur West-Berliner Firma Biotronik und entwickelt auf eigene Faust den ersten eigenen Herzschrittmacher der DDR. Das bringt ihm anfangs Misstrauen und Ärger ein, rettet aber vielen Patienten das Leben. Im Spannungsfeld des Kalten Krieges wird die Charité zum Prestigeobjekt der DDR. Der Film erzählt die Geschichte der Charité von der Stalin-Ära über den Mauerbau bis zum Mauerfall 1989. Ingeborg Rapoport gibt 2016 im Alter von 104 Jahren ihr letztes Interview. Darin spricht sie leidenschaftlich über die beste Zeit ihres Lebens während der Jahre an der Charité.