Russland von oben – Bericht von Johannes Kösegi

„Russland von oben“ und „Russland – im Reich der Tiger, Bären und Vulkane“ – Beeindruckende Naturdokumentationen aus dem größten Land der Erde

Russland ist das mit Abstand größte Land der Erde. Mit 17 Millionen Quadratkilometern Fläche ist es doppelt so groß wie die USA und etwa fünfzigmal größer als Deutschland. Von Kaliningrad an der Ostsee bis zur Meerenge der Beringstraße, in Sichtweite zu Alaska, erstreckt es sich über 11 Zeitzonen und bei Abkürzung über den Nordpol 7.000 Kilometer Luftlinie. Das Team der vielfach preisgekrönten Serie „Deutschland von oben“ um Petra Höfer und Freddie Röckenhaus hat in neun Monaten eine Dauerflugreise über das Riesenreich zwischen Europa und Asien absolviert.

Der Flug über ein unglaubliches Land zeigt menschenleere Landschaften und Millionenmetropolen, wilde Tiere, Wüsten, Wälder und Wasserfälle, begleitet die legendäre Transsibirische Eisenbahn von den Sümpfen Sibiriens über Nowosibirsk bis nach Wladiwostok und gewährt einen einzigartigen Blick auf den Baikalsee, das größte Süßwasserreservoir der Erde, und das Wolgadelta, das größte Flussdelta Europas.

Wie bei „Deutschland von oben“ gibt es auch hier eine mehrteilige Fernsehserie aus der Reihe „Terra X“ des ZDF und daraus zusammengeschnitten einen Kinofilm mit den spektakulärsten Ausschnitten mit Szenen, die auf einer breiten Kinoleinwand besonders schön zur Geltung kommen. Als Zuschauer fühlt man sich wie ein Vogel, der vorbei an felsigen Gebirgsmassiven oder zwischen Wolkenkratzern hindurch fliegt. Der ästhetische Reiz der Aufnahmen von Helikopter-Kameramann Peter Thompson („Der Herr der Ringe“) ist ein spannender und unterhaltsamer Genuss. Die meisten Bilder fesseln auch ohne Kommentar und lassen den Traum vom Fliegen für etwa zwei Stunden wahr werden. Die fünfteilige TV-Serie (225 Minuten) ist bei polyband, der Kinofilm (125 Minuten) bei Eurovideo auf Blu-ray Disc erschienen.

Dieses riesige Reich aus der Vogelperspektive zu zeigen, erforderte in vielen Bereichen Pionierarbeit. Manche unzulänglichen Orte hat zuvor vermutlich kein Mensch gesehen. Gedreht wurde aus Hubschraubern mit den besten Luftbild-Spezialkameras. Dabei entstanden spektakuläre Aufnahmen von unberührten Landschaften, zauberhaften Städten, wilden Tieren, Wüsten und Wäldern, aber auch von harter Arbeit in der Kälte Sibiriens, vom Leben im ewigen Eis und kargen Gebirgsregionen.

Aus der Geschichte ist uns im Westen vielleicht der europäische Teil Russlands diesseits des Urals mit Sankt Petersburg, Moskau und der Wolga am ehesten vertraut. Hier leben zwei Drittel der Russen. Über die alten Handelsstädte des Goldenen Rings geht es über den Lauf der Wolga, vorbei an Kazan, Wolgograd und Astrachan, bis zu ihrer Mündung im Kaspischen Meer. Im 200 Kilometer breiten Wolga-Delta, überwintern jährlich mehr als zehn Millionen Vögel.

Im tiefen Süden des Landes imponieren das mächtige Kaukasus-Gebirge, die Republik Dagestan und die Stadt Rostow an der Mündung des Don. Die russischen Landschaften im Süden bieten beeindruckende Gebirgszüge und Kulturen, die hierzulande nahezu unbekannt sind. Wie beispielsweise das am höchsten gelegene Dorf Russlands im Kaukasus oder Derbent, die älteste Stadt des Landes. Auch die höchste Wanderdüne der Erde befindet sich hier. Die Republik Dagestan am Kaspischen Meer bildet Russlands Verbindung zum Orient. Im Norden Dagestans grenzen die Steppen Kalmückiens an. Hier prägen Kamelherden das Landschaftsbild, und die Hauptstadt der Region, Elista, ist bereits buddhistisch geprägt.

Sibirien ist für manche ein Sehnsuchtsort, geprägt von weiter Wildnis, für andere ist es verbunden mit viel Leid und Zwangsarbeit. Aus der Luft betrachtet wirken die mehr als zehn Millionen Quadratkilometer unendlich und präsentieren sich in einer Weite, die selbst für Luftbildkameras schwer zu fassen ist. 36 Mal passt die Bundesrepublik Deutschland in die Fläche Sibiriens, das statistisch gesehen nur von drei Einwohnern pro Quadratkilometer bewohnt wird. Im sibirischen Boden lagern wertvolle Bodenschätze. Norilsk, einer der weltführenden Rohstofflieferanten, ist berühmt für Nickel und die Umweltverschmutzung, die mit dessen Produktion einhergeht. Bei Mirny wurde mit 525 Metern eines der tiefsten Tagebaulöcher der Welt geschaffen, um Diamanten zu fördern. Die Kamera begleitet die Transsibirische Eisenbahn auf ihrem Weg in den fernen Osten und folgt einer Nomadengruppe ins Frühlingslager durch das Altai-Gebirge.

Kamtschatka im fernen Osten Russlands beeindruckt mit 29 aktiven, 150 nicht aktiven Vulkanen und unzähligen Geysiren. Die riesige Halbinsel ist größer als Deutschland und wird von weniger als einer halben Millionen Menschen bewohnt. Aus der Vogelperspektive lassen sich viele wilde Tiere beobachten, darunter Braunbären, Elche und Adler. Auf der kleinen Insel Tjuleni tummeln sich Tausende von Seebären, Seelöwen und Lummen auf engstem Raum, während vor der Küste von Magadan bis Wladiwostok Orcas auf Jagd gehen und Buckelwale nach Nahrung suchen. Die Reise geht weiter entlang der unerschlossenen Ostküste von Magadan nach Süden bis nach Wladiwostok an der Grenze zu Nordkorea.

Über 25.000 Kilometer erstreckt sich die russische Küste allein entlang der Arktis. Hier wird es häufig so kalt, dass die Hilfe eines Atomeisbrechers nötig ist, um den Schiffen ihren Weg zu bahnen. An dieser eisigen Küste liegt die Halbinsel Jamal mit riesigen Erdgasvorkommen und den Ureinwohnern, den Nenzen. Unweit davon kann man die einzigartigen Muster des Lena-Deltas bewundern, die der vom Dauerfrost durchzogene Boden ins Land zeichnet. Weiter östlich auf der Landspitze Cape Schmidt in der Tschuktschensee kurz vor der Beringstraße tummeln sich Eisbärfamilien und Walrosse. Auf der Insel Wrangel lebten die letzten Mammuts in Eurasien, heute sind dort Eisbären und Moschusochsen zuhause.

Bei der Fernsehserie „Russland von oben“ empfiehlt sich die Bundleversion von polyband mit der spektakulären Naturdokumentation „Russland – Im Reich der Tiger, Bären und Vulkane“ (91 Minuten) des bewährten Teams um Jörn Röver von NDR Naturfilm. Dazu gibt es etwa 90 Minuten Extras mit Interviews und Making-ofs.

Was in „Russland von oben“ von der Natur nicht alles gezeigt werden konnte, findet in dieser idealen Ergänzung ebenso spektakulär gefilmt ausreichend Platz. Den sechs Kamerateams um Henry M. Mix sind sensationelle Landschafts- und Tieraufnahmen in Regionen gelungen, die bis vor Kurzem noch militärisches Sperrgebiet und für Filmemacher verboten waren. Die Zahlen sprechen für sich: dreieinhalb Jahre Produktionszeit, 10 Kamerateams, 50 Stunden Flugaufnahmen, 600 Stunden Rohmaterial, 1.200 Drehtage, 100.000 Reisekilometer. Nördlichster Drehort Insel Wrangel im Arktischen Meer, südlichster Drehort Insel Furugelm im Japanischen Meer, westlichster Drehort Schutzgebiet Kabardino Balkarsky im Westkaukasus, östlichster Drehort, Halbinsel Kamtschatka in der Beringsee, höchster Drehort 5.000 Meter über NN am Elbrus im Kaukasus, niedrigster Drehort 30 Meter unter NN in der Kaspi-Senke im Kaukasus, kältester Drehort minus 50° C in Jakutien, heißester Drehort plus 40° C in Dagestan. Es gibt viele Filmpremieren, darunter Bergwisente im Kaukasus, Amur-Tiger am Strand, kämpfende Moschusochsen auf Wrangel, wilde Russische Desmane (seltene Wassermaulwürfe), Baikalrobben unter Wasser, um Fische balgende Riesenseeadler. Die Dreharbeiten waren selbst für erfahrene Tierfilmer eine enorme Herausforderung. Über zwei Jahre arbeitete das Team in der russischen Wildnis. Für alle Beteiligten war es von Beginn an eine Reise ins Unbekannte. Wobei die Unstimmigkeiten mit dem russischen Geheimdienst und den Behörden vor Ort meistens glimpflich abliefen. Die Dreharbeiten dagegen hatten es wirklich in sich: Dem Kaukasus-Team wurden nach einem Sturzregen Zelte und Lebensmittel weggespült. Nachschub kam erst Tage später an. Die Flugaufnahmen fanden während der russischen Militäraktion gegen Georgien statt. So wurde der Kameramann verhört und kurzfristig das gesamte Filmmaterial beschlagnahmt. Das Ural-Team stürzte mit einem Heißluftballon ab. Der Kameramann fiel aus dem Korb und brach sich das Schulterblatt. Zudem kenterte mitten im Winter ein Schlauchboot mit Kameraausrüstung. Der Kameramann vom Sibirien-Team wurde fast von einem stürzenden Pferd erdrückt. Der Kameramann vom Arktis-Team entkam nur knapp einem hungrigen Eisbären. Im „Tal der Geysire“ entkam das Kamtschatka-Team nur knapp einer Schlammlawine, die wenige Meter vor dessen Hütte zum Stehen kam. Glücklicherweise kamen alle Teams dieser ungewöhnlichen Naturdokumentation sicher und wohlbehalten zurück.

Auch hier entstanden viele der Aufnahmen aus der Luft. Dank modernster Ausrüstung, Kameratechnik und unendlicher Geduld sind atemberaubende Bilder entstanden. Die abenteuerliche Reise von über 9.000 Kilometern vom europäischen Teil des Riesenreiches bis in den Fernen Osten beginnt im sibirischen Winter. Auf der Halbinsel Kamtschatka, einer der vulkanisch aktivsten Regionen der Erde, wird das Land in einem Kreislauf von Schöpfung und Zerstörung immer wieder neu geformt. Am anderen Ende Russlands, ragen, eingerahmt vom Schwarzen und Kaspischen Meer, die gewaltigen Berggipfel des Kaukasus über 5.000 Meter in die Höhe. Die steilen Felsen sind die Heimat des Kaukasischen Steinbocks, auf den Hochebenen leben die letzten Bergwisente der Erde. Nordöstlich des Kaukasus erstreckt sich über 2.000 Kilometer der Ural, in dessen Nadelwäldern viele Braunbären hausen. Jenseits des Urals erstreckt sich die Taiga Sibiriens. Knapp zehn Prozent der Landmasse der Erde umfasst dieser Teil Russlands mit Temperaturschwankungen von 80 Grad zwischen Sommer und Winter. Tiere, die hier überleben wollen, müssen extrem widerstandsfähig sein. Im Süden liegt der tiefste und älteste See der Welt, der Baikalsee. Er ist der Lebensraum der scheuen Baikalrobben, der einzigen Süßwasserrobbenart der Erde. Ein ganz anderes Bild bietet der Ferne Osten Russlands. Ussurien ist das Reich des Amur-Tigers. Sensationelle Aufnahmen zeigen erstmalig diese größte Raubkatze der Erde am Strand des Pazifiks.