Beethoven – Bericht von Johannes Kösegi

Beethoven (1927) – Beeindruckender Stummfilm zum Jubiläumsjahr in HD-Qualität digital restauriert

Wegen vieler anderer Probleme, die den Planeten zurzeit beschäftigen und kulturelle Aktivitäten in der Öffentlichkeit weitgehend lahmgelegt haben, ist leider fast in Vergessenheit geraten, dass wir in diesem Jahr eines der größten Musikers der Geschichte gedenken. Zum Abschluss des Beethoven-Jahres erscheint rechtzeitig zu dessen 250. Geburtstag am 17. Dezember 2020 die Stummfilm-Biografie „Beethoven“ von Hans Otto Löwenstein (1927, 71 Minuten) mit Fritz Kortner in der Titelrolle. Der Film wurde 2019 vom Filmarchiv Austria digital restauriert und in HD-Qualität aufbereitet.

Die Musik wurde 2020 von Malte Giesen im Auftrag von ZDF und arte neu komponiert, der Soundtrack entstand in Koproduktion mit der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach und dem Kulturamt der Stadt Eisenach. Dirigent ist Aurélien Bello, als Solist am Klavier wirkt Fabio Martino. Neben Fritz Kortner spielen Lillian Gray (Giulietta Guicciardi), Ernst Baumeister (Joseph Haydn), Wilhelm Schmieder (Fürst Lichnowsky) und Dely Drexler (Therese von Brunswick).

Der österreichische Stummfilm „Beethoven“ entstand zum 100. Todestag des Komponisten (26. März 1927) und ist ein schönes Beispiel früher medialer Verwertung populärer Künstlerbiografien. Er wurde im Sommer 1926 in den Listo-Film-Ateliers in Wien-Schönbrunn gedreht und erlebte am 18. Februar 1927 seine Kino-Premiere. Er zeigt die wichtigsten Stationen in Beethovens Leben, musikalisch untermalt mit Motiven aus seinen Sinfonien, Klaviersonaten, Klaviertrios oder der Oper „Fidelio“. Fritz Kortner (1892-1970) in der Titelrolle zeichnet Beethoven als prometheische Lichtgestalt und Rebell, der die historischen Erschütterungen seiner Zeit in großen Orchester- und Chorwerken verarbeitet. In seiner Musik klingt auch die Tragik, die sein Leben überschattet und weshalb er oft missverstanden wird.

Die neu unterlegte Musikfassung von Malte Giesen (Jahrgang 1988) bietet bekannte Motive teilweise in klanglicher Verfremdung und nicht immer perfekt passend zu den gezeigten Bildern. Die filmische Erzählung beginnt mit Beethovens Kindheit in Bonn und seinem Musikstudium bei Joseph Haydn in Wien. Im weiteren Verlauf zeichnet sie das Bild eines produktiven Komponisten, der zeitlebens in unglücklichen Liebesgeschichten verfangen ist, die hier etwas überbewertet erscheinen. Vor allem die Begegnung mit Giulietta Guiccardi, die als wenig talentierte Klavierschülerin den Komponisten halb in den Wahnsinn treibt, wird im Film ausführlich als Kinofiktion geschildert. Als großzügiger Förderer tritt der Musik-Mäzen Fürst Lichnowsky auf, was der Realität entspricht. Großen Raum nimmt die Schilderung seines fatalen Gehörleidens ein, das Beethoven im Alter von 28 Jahren ereilt und das ihn in eine schwere persönliche Krise stürzt. Er wird zunehmend misanthropisch und zieht sich immer mehr in die Welt seiner Klänge zurück, bis er im Alter von 57 Jahren stirbt.

Die restaurierte Fassung ist die Exportversion mit französischen Texttafeln, die in ihrer Textgestalt auch Romain Rolland zitiert, der die französische Beethoven-Rezeption wesentlich geprägt hat. Diese um zehn Minuten gekürzte französische Version ist die einzige erhaltene Fassung des Films. Die verloren gegangene Originalfassung mit dem Untertitel „Zum Gedächtnis des hundertjährigen Todestages des Sängers der Ewigkeit“ hatte eine Länge von 80 Minuten und ging ausführlicher auf die Werke der großen Schaffensphase, vor allem die fünfte und neunte Sinfonie ein.

Der Film ist ein schönes Exemplar der populären romantisierenden Beethoven-Rezeption zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er zeigt Beethovens Lebensweg vom Genie zum unglücklichen Liebhaber, der sein Liebesleid in seinem künstlerischen Schaffen kompensiert. Beethoven wurde im 19. Jahrhundert ähnlich wie Goethe als prometheisches Genie gefeiert. Das Kino der Stummfilmzeit geht leichtfertiger mit dem Geniebegriff um und erfindet Frauengeschichten um den angeblich misanthropischen Meister. In dieser Manier ist auch der österreichische Film „Eroica“ (1950) von Karl Hartl gehalten mit Beethoven als Titan und ungeschicktem Liebhaber. Später folgten noch andere filmische Versuche der Beethoven-Biografie, so Abel Gances französischer Film von 1938 mit Harry Bauer in der Titelrolle, während in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sogar die Dekonstruktion des Geniebegriffs erfolgte, etwa in Maurizio Kagels „Ludwig van“ zum Beethoven-Jahr 1970. Insgesamt entstanden seit 1913 etwa 30 Filme über Beethovens Leben oder Werke. Seine Musik wurde in vielen Filmen etwa der Regisseure Alfred Hitchcock („Mord – Sir John greift ein“, 1930), Jean-Luc Godard („Eine verheiratete Frau“, 1964) oder Stanley Kubrick („Clockwork Orange“, 1971) als Filmmusik verwendet.