Wim Wenders Filme – Rezension Johannes Kösegi

2 Filme von Wim Wenders neu auf Blu-ray Disc

„Der Stand der Dinge“ und „Lisbon Story“

Der deutsche Filmemacher Wim Wenders gehört zu den prägenden Figuren des Neuen Deutschen Films. Geboren wurde er 1945 in Düsseldorf, seine Jugend verbrachte er am Rande des Ruhrgebiets in Oberhausen, wo er nach eigenem Bekenntnis wie ein amerikanischer Teenager mit Flipper, Billard und Rock ‚n‘ Roll aufwuchs. In der Nachkriegszeit wurde er somit eher von der amerikanischen Pop-Kultur als von deutschen Klassikern geprägt. Auslöser für seine spätere Tätigkeit war eine 8-mm-Kamera, die er im Alter von zwölf Jahren von seinem Vater geschenkt bekam. Während seines Studiums an der Hochschule für Fernsehen und Film in München entstanden erste Kurzfilme.

Kino bedeutete für Wenders anfangs ein Fenster zur Welt. Seine Filme sollen zum Schauen anregen auf Menschen, Landschaften in Städten und der Natur. So lassen sich viele seiner besten und bekanntesten Filme in die Rubrik „Road Movie“ einordnen. Darin spielen oft heimatlose Helden, die ohne Verpflichtungen umherziehen und Probleme damit haben, sich mit ihren Mitmenschen zu arrangieren. Stilistisch vorherrschend in vielen Wenders-Filmen sind ruhige, überlange Einstellungen, die dem Zuschauer Zeit lassen, das Geschehen auf sich einwirken zu lassen. Dadurch sieht man die Welt um sich herum oft mit ganz anderen Augen.

Als einer der bedeutendsten deutschen Regisseure von internationalem Rang führt Wim Wenders abseits vom Hollywood-Mainstream US-amerikanische und europäische Filmtraditionen zu einem individuellen Stil zusammen. Atmosphärische Momentaufnahmen, bildgewaltige Landschaftspanoramen und poetische Reflexionen verdichtet er zu anspruchsvollen Arbeiten über einsame Menschen auf der Sinnsuche. Es ist nicht nur für Wenders-Fans sehr erfreulich, dass StudioCanal zwei seiner Filme in hochauflösender Qualität erstmals auf Blu-ray Disc herausbringt. Wenders selbst war begeistert von den neuen Abtastungen, die für ihn teilweise schöner aussehen als je eine Filmkopie von ihnen. Als Extras gibt es zu jedem Film aufschlussreiche Audiokommentare von Wim Wenders, außerdem geschnittene Szenen und geistreiche Interviews von Roger Willemsen mit dem Regisseur.

Beide Filme verbindet, dass sie sich mehr oder weniger selbstreflektorisch mit dem Filmemachen beschäftigen. Dafür gibt es berühmte Vorbilder wie Jean-Luc Godards „Die Verachtung“ oder Federico Fellinis „Achteinhalb“. Außerdem spielt Portugal als Drehort und Kulisse eine entscheidende Bedeutung. Als westlichstes Land in Europa mit Blickrichtung nach Amerika stellt es eine Verbindung dar zu „Paris, Texas“. Die feinfühlige Studie „Der Stand der Dinge“ (1982, 123 Minuten) über das amerikanische Kunstkino wurde mit dem Goldenen Löwen in Venedig und beim Deutschen Filmpreis mit dem Filmband in Gold und Silber für Kamera und Produktion ausgezeichnet. Ein amerikanisch-europäisches Filmteam dreht in einem portugiesischen Küstenort das Remake eines Science-Fiction-Klassikers. Als jedoch das Geld aus der Traumfabrik ausbleibt, stagnieren die Dreharbeiten. Das Team muss ausharren und warten. Als die Untätigkeit in dem kleinen Hotel unerträglich wird, macht sich Regisseur Friedrich Munro auf den Weg nach Hollywood, um den Produzenten zur Rede zu stellen und für die Fortsetzung seines Films zu kämpfen. Der belgische Hauptdarsteller Patrick Bauchau („James Bond 007 – Im Angesicht des Todes“, „The Cell“, „Ray“) spielt auch im zweiten Film „Lisbon Story“ (1995, 105 Minuten) mit, hier an der Seite von Rüdiger Vogler, den Wenders gerne in vielen seiner Filme wie etwa „Bis ans Ende der Welt“, „In weiter Ferne, so nah!“ oder „Ein Hauch von Sonnenschein“ eingesetzt hat. Toningenieur Phillip Winter erhält eine Einladung nach Lissabon von seinem Freund, dem Regisseur Friedrich Monroe, um vor Ort an dessen neuem Filmprojekt mitzuwirken. Als er jedoch dort eintrifft, fehlt von Friedrich jede Spur. Winter beschließt, auf eigene Faust loszuziehen und Töne für Friedrichs Film einzufangen. Mit geschärften Sinnen begibt er sich auf eine spannende Entdeckungsreise durch die Straßen Lissabons, in deren Verlauf er die Liebe findet und dem Charme der Stadt erliegt. In dieser Mischung aus Drama, Musikfilm und Road Movie liefern außer dem gelungenen Ton-Design viele schöne Bilder nebenbei eine ideale Fremdenverkehrswerbung für die portugiesische Hauptstadt.