Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt – Staffel 3 (1980-1989) – Rezension von Johannes Kösegi

Aufregendes Jahrzehnt an der Spree

Keine Stadt der Welt hat eine so spannende Geschichte zu bieten wie die deutsche Hauptstadt Berlin. Besonders zur Zeit der Teilung wurde hier neben Stadt- auch Weltgeschichte geschrieben. Mittlerweile ist Berlin eine Metropole wie viele andere mit über drei Millionen Einwohnern. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) erzählt in einer Chronik der Superlative die Geschichte Berlins in ursprünglich geplanten 40 mal 90 Minuten, Jahr für Jahr von 1961 bis 1999, vom Jahr des Mauerbaus bis zum Ende des Jahrhunderts, zehn Jahre nach dem Mauerfall. Ausgestrahlt in vier Staffeln wird im ständigen Gegenschnitt aus dem West- und Ost-Berliner Alltag berichtet. Die Serie ist derart beliebt, dass der rbb nach dem Ende der vierten Staffel am Samstagabend mittlerweile wieder mit der Ausstrahlung der 1960er begonnen hat und bald noch eine fünfte Staffel mit dem ersten Jahrzehnt im neuen Jahrtausend folgen wird.

Herzstück der Dokumentationen ist das Archivmaterial aus West und Ost, die Berichterstattung des Senders Freies Berlin (SFB) in der Abendschau für den Westen und die Bestände des Deutschen Rundfunkarchiv (DRA) mit dem Filmmaterial des DDR-Fernsehens. Die geteilte Stadt ist Weltstadt und Kiez, Weltpolitik und Alltag, Schauplatz kleiner und großer Geschichten. All das ist festgehalten in den Höhepunkten aus unzähligen Sendungen des Senders Freies Berlin (SFB) und des DDR-Fernsehens, jeweils unterschiedlich politisch gefärbt. Auch alteingesessene Berliner können hier noch viel Neues entdecken und lernen.

Nach der Ausstrahlung der dritten Staffel von „Berlin-Schicksalsjahre einer Stadt“ im RBB-Fernsehen in HD erscheinen alle Folgen in einer Box mit 10 DVDs bei rbb Media und Studio Hamburg. Bild- und Tonqualität des überwiegend historischen Filmmaterials lassen nichts zu wünschen übrig. Die dritte Staffel mit 10 Folgen hat eine Laufzeit von 15 Stunden und erzählt die bewegten Jahre von 1980 bis 1989. Im Wechsel von Schauspielerinnen aus Ost und West ist nach Katharina Thalbach (1960er) und Katja Riemann (1970er) in dieser Staffel Katrin Sass die Sprecherin.

Die 1980er Jahre sind geprägt von Vergnügungssucht und Zukunftsangst, Neuer Deutscher Welle und Wettrüsten. Die Teilung der Stadt scheint endgültig, in Ost und West wird Berlin zum Zentrum alternativer Lebensentwürfe. Doch am Ende des Jahrzehnts erzwingen die Bürger der DDR friedlich die Öffnung der Grenze. So geschieht, was viele nicht für möglich gehalten haben, der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung von Berlin und ganz Deutschland.

1980 erhöht die DDR den Mindestumtausch drastisch, so dass für West-Berliner der Besuch von Freunden und Familie in der „Zone“ teurer wird. Der DEFA-Film „Solo Sunny“ wird bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Im Niemandsland des Potsdamer Platzes wird der Zirkus „Tempodrom“ eröffnet. Gründerin Irene Moessinger erzählt von der Verwirklichung ihres Lebenstraums. Umwelt-Aktivist Tom Sello erinnert sich, wie in West-Berlin das erste Mal Smogalarm der Stufe 1 ausgerufen wird, während es bei ihm in Ost-Berlin offiziell keine Luftverschmutzung gibt. Auf dem Höhepunkt der Neuen Deutschen Welle gründet sich die West-Berliner Band „Ideal“. Bassist Ernst Ulrich Deuker spricht über ihren Aufstieg. Wohnungsnot gibt es bereits damals in beiden Teilen der Stadt. In West-Berlin beginnt die Ära der Hausbesetzer, in Ost-Berlin spricht man vom „Schwarzwohnen“.

1981 erreicht der Häuserkampf in West-Berlin seinen Höhepunkt und fordert sogar einen Toten. Christine Ziegler erzählt von der Hausbesetzer-Szene und wie sie selbst eine ehemalige Fabrik in Kreuzberg besetzt und zur „Regenbogenfabrik“ umgestaltet hat. In Berlin-Friedrichshain eröffnet das Sport- und Erholungszentrum (SEZ). Schwimmmeister Reinhard Haar berichtet von langen Schlangen am Einlass des Schwimmbads, um endlich ein Wellenbad zu erleben. In West-Berlin zieht Hans-Jochen Vogel gegen Richard von Weizsäcker in den Wahlkampf um das Amt des Regierenden Bürgermeisters und verliert die Wahl. In Ost-Berlin kommt es zum deutsch-deutschen Gipfel, als Generalsekretär Erich Honecker Bundeskanzler Helmut Schmidt empfängt.

1982 besucht der amerikanische Präsident Ronald Reagan den Westteil der Stadt, in Ost-Berlin wird das neue Bettenhaus der Charité eingeweiht und Oppositionelle um Pfarrer Rainer Eppelmann und Bürgerrechtler Robert Havemann fordern im „Berliner Appell“ Abrüstung und Meinungsfreiheit in der DDR. An die Straßenschlachten, die der Reagan-Besuch auslöst, erinnert sich der hier stationierte US-Soldat Ebylee Davis. Der Schauspieler Winfried Glatzeder („Die Legende von Paul und Paula“, „Tatort“) erzählt von den letzten Wochen in der DDR, bevor er Mitte des Jahres mit seiner Familie ausreisen darf. Die Berliner Luft wird dick, sodass in West-Berlin Smog-Alarm der Stufe 1 ausgerufen wird.

Mit Aerobic und Pop-Gymnastik erfasst 1983 die Fitness-Welle West und Ost. Während die West-Hälfte der Stadt Aerobic macht, schwitzt die andere Hälfte bei der Pop-Gymnastik. Moderator und Vorturner Karl-Heinz Wendorff erinnert sich, wie er die Ost-Berliner auf Trab hielt. Der Deutschrocker Udo Lindenberg tritt beim großen internationalen Friedensfestival der FDJ auf. Organisatorin Elke Bitterhof erzählt von seinem Lampenfieber und der Hoffnung auf Veränderung, die sie mit dieser Nacht verbindet. Die West-Berlinerin Eva Quistorp und die Ost-Berlinerin Almut Ilsen erinnern sich an den gemeinsamen Kampf gegen das Wettrüsten und Demonstrationen für den Frieden auf beiden Seiten der Mauer. Sänger Wolfgang Lippert erzählt, wie „Erna kommt“ für ihn zum Durchbruch und in der DDR zum Hit des Jahres wurde. Schwulenaktivist Stefan Reiß erzählt von der Angst vor der neuen tödlichen Krankheit AIDS. Er gründet in West-Berlin die Deutsche Aidshilfe e.V.

1984 besetzen 55 DDR-Bürger die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen. In West-Berlin wird Eberhard Diepgen Regierender Bürgermeister, und der ehemalige Boxmeister Bubi Scholz erschießt seine Frau. Sein Anwalt und Freund Karl-Heinz Knauthe erinnert sich daran, wie das Ehe-Drama die Stadt erschütterte. In Ost-Berlin wird der neue Friedrichstadtpalast mit einem Star-Aufgebot eingeweiht. Und im DDR-Fernsehen bekommt Wolfgang Lippert seine erste Samstag-Abendshow: „Meine erste Show“. Die DDR boykottiert die Olympischen Spiele von Los Angeles. Die Ost-Berliner Schwimmerin Birgit Meineke erinnert sich an die größte Enttäuschung ihrer sportlichen Karriere.

1985 wird die Versöhnungskirche im Todesstreifen an der Bernauer Straße gesprengt, auf der Glienicker Brücke findet der größte Agentenaustausch des Kalten Krieges statt und in West-Berlin ist erstmalig Prinzessin Diana zu Besuch. Der Ost-Berliner Pfarrer Johannes Hildebrandt berichtet, wie er die Grenzorgane der DDR mit einer selbst ausgestellten Genehmigung austrickst, um die Zerstörung dokumentieren zu können. Eberhard Fätkenheuer ist einer von 25 CIA-Spionen, die aus DDR-Haft gegen vier Ost-Agenten ausgetauscht werden und erzählt, was ihm die Freilassung nach sechs Jahren im Gefängnis bedeutet. Der West-Berliner Filmemacher Wieland Speck erinnert sich an das Party- und Kulturleben der Stadt und den legendären Club „Dschungel“. In Ost-Berlin löst der amerikanische Film „Beat Street“ eine Breakdance-Welle aus, auch bei Hip-Hop-Fan Thomas Eichler, der bei der Premiere des Streifens im Kino „Kosmos“ mit dabei ist.

1986 kommt der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow nach Ost-Berlin zu Besuch und wird von vielen Ost-Berlinern wegen seines Reformkurses als Hoffnungsträger gefeiert. In West-Berlin wird ein Bombenanschlag auf die Diskothek „La Belle“ verübt, der drei Tote und 250 Verletzte fordert. Die Kellnerin Brunhild Freiwald erinnert sich an die Detonation und wie sie von einer herunterstürzenden Wand begraben wird. Nach einem Unfall im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl fürchten sich die Berliner vor der Atomwolke. Im Ost-Teil der Stadt gibt es plötzlich reichlich Gemüse. Der Ostberliner Umweltaktivist Carlo Jordan erzählt vom wachsenden Umweltbewusstsein vieler DDR-Bürger und der Gründung einer Umweltbibliothek in der Zionskirche.

1987 ist doppeltes Stadtjubiläum, Ost und West feiern um die Wette. Die Stadtbezirksarchitektin Kristina Laduch erzählt, wie die Hauptstadt der DDR für die 750-Jahr-Feier herausgeputzt wird, während der Rest der Republik weiter verfällt. Noch nie kamen so viele West-Stars nach Ost-Berlin, von Udo Jürgens über Nana Mouskouri bis José Carreras. Der Journalist Thomas Otto erinnert sich besonders intensiv an die Auftritte von Bob Dylan und Carlos Santana. Der Westberliner Polizeibeamte Helmut Sarwas berichtet von brennenden Straßen in Kreuzberg am Abend des 1. Mai, wo es erstmals zu schweren Krawallen kommt. Bei seiner Rede vor dem Brandenburger Tor fordert der amerikanische Präsident Ronald Reagan den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow auf, die Mauer einzureißen. Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen erinnert sich an diesen historischen Schlüsselmoment.

1988 formiert sich in Ost-Berlin zunehmend Widerstand gegen die Staatsmacht. Die Bürgerrechtlerin Freya Klier und der Liedermacher Stephan Krawczyk werden zur Ausreise aus der DDR gezwungen. Freya Klier erzählt von ihrer Abschiebung und dem Leben auf der anderen Seite der Mauer. An der Ost-Berliner Ossietzky-Oberschule werden Schüler wegen kritischer Wandzeitungsartikel von der Schule geworfen und mit Abitur-Verbot belegt. Der damals 16-jährige Kai Feller erinnert sich an die dramatischen Ereignisse. In West-Berlin fliehen rund zweihundert Hüttendorf-Bewohner bei der Räumung des Lenné-Dreiecks vor der Polizei über die Mauer nach Ost-Berlin. Uwe Rada berichtet, wie es zur einzigen Massenflucht von West nach Ost kam. US-Rocklegende Bruce Springsteen tritt vor 200.000 Menschen in Berlin-Weißensee auf. Der Sänger der DDR-Rockband „City“ Toni Krahl spricht über die Faszination der West-Stars. Neu in Ost-Berlin ist die vietnamesische Vertragsarbeiterin Thu Fandrich. Sie erzählt von Ankunft und Leben in der DDR.

1989 fällt endlich die Mauer und Berlin ist wieder vereint. Zuvor protestieren in Ost-Berlin die Menschen gegen das SED-Regime wegen Wahlbetrugs bei den Kommunalwahlen, und immer mehr Menschen verlassen die DDR. Der Comic-Zeichner OL, bürgerlich Olaf Schwarzbach, beschreibt die Stimmung zwischen Stagnation und Aufruhr. In West-Berlin wird Walter Momper zum neuen Regierenden Bürgermeister gewählt und erzählt von einem historischen ersten Jahr im Amt. Auf dem Kurfürstendamm findet die erste Love-Parade statt, angemeldet als politische Demonstration für „Friede, Freude, Eierkuchen“. Die Organisatoren Danielle de Picciotto und Dr. Motte sprechen über Hoffnungen und Träume im Sommer 1989. Der Schauspieler Matthias Freihof erzählt von der Premierenfeier des ersten „Schwulenfilms“ der DDR am 9. November. Erst nach der Veranstaltung erfährt er, dass die Mauer gefallen ist. Der Journalist Jan Carpentier erinnert sich, wie seine Reportage aus der Waldsiedlung Wandlitz über die Privathäuser der Politbüro-Mitglieder Empörung hervorruft und in die Fernsehgeschichte eingeht.