Drei Filmzyklen von Eric Rohmer mit vielen preisgekrönten Meisterwerken – Rezension von Johannes Kösegi

Zum 100. Geburtstag des Nouvelle-Vague-Mitbegründers

Am 21. März 2020 wäre ein großer französische Regisseur 100 Jahre alt geworden: Jean-Marie Maurice Schérer, besser bekannt unter dem Namen Eric Rohmer. Neben Francois Truffaut, Jean-Luc Godard und Jacques Rivette zählt er zu den wichtigsten Vertretern der französischen Nouvelle Vague und 1950 zum Mitbegründer der legendären Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“. Damals benutzte er erstmals das Pseudonym Eric Rohmer, inspiriert von dem Schauspieler und Regisseur Erich von Stroheim und dem Schriftsteller Sax Rohmer. Der auch als Meister des Dialogs bekannte Rohmer ist für die Unterteilung seines filmischen Schaffens in Zyklen bekannt.

StudioCanal präsentiert anlässlich seines 100. Geburtstags seine drei großen Filmzyklen „Moralische Erzählungen“, „Komödien und Sprichwörter“ und „Erzählungen der vier Jahreszeiten“ mit den DVD-Premieren „Die Bäckerin von Monceau“, „Die Karriere von Suzanne“ und „Die Frau des Fliegers“.

Eric Rohmer wurde am 21. März 1920 im zentralfranzösischen Tulle, Département Corrèze, geboren. Nach einem Literaturstudium in Paris arbeitete er einige Jahre als Gymnasiallehrer in Clermont-Ferrand. Mitte der 1940er-Jahre zog er nach Paris, wo er ab 1942 als freier Journalist tätig war. Seit 1948 engagierte er sich im Ciné-Club des Quartier Latin in Paris, wo er auf zwei junge Cinephile traf, mit denen er für die Filmzeitschrift „Gazette du Cinéma“ schrieb: Jacques Rivette und Jean-Luc Godard. Für die beiden, die später zu den Hauptvertretern der Nouvelle Vague zählten, war Rohmer, der um fast zehn Jahre Ältere, ein Vorbild und Lehrer. Ab 1951 begann Rohmer für die von André Bazin herausgegebenen „Cahiers du Cinéma“ zu schreiben, deren Chefredakteur er von 1957 bis 1963 war. In dieser Zeitschrift veröffentlichte er 1957 zusammen mit Claude Chabrol die erste Monografie über Alfred Hitchcock. Rohmers erster Spielfilm „Im Zeichen des Löwen“ (1959), produziert von Claude Chabrol, hatte nicht den gleichen Erfolg wie die ersten Filme seiner jungen Freunde der Nouvelle Vague, worauf er sich weiterhin den „Cahiers du Cinéma“ widmete.

In den 1960er-Jahren verändert Eric Rohmer die Sehgewohnheiten des französischen Publikums radikal. Zugleich schafft er seinen eigenen, ganz persönlichen Stil. Neben der Natürlichkeit, die seine Werke ausstrahlen, zeichnet sich Rohmers Schaffen durch eine Genauigkeit in Wort und Gestik sowie schlichte und sparsame Stilmittel aus. Rohmer ist ein stiller Beobachter, der seine Protagonisten zur Selbsterkenntnis ermutigt. Er gilt als „Archäologe unserer Zeit“, der vor allem die Bourgeoisie und ihre Eigenheiten unter die Lupe nimmt. Die Liebe als intellektuell anregendes Spiel steht im Zentrum seines filmischen Schaffens. Seine Charaktere sind oft widersprüchlich, nuanciert und auf ihre ganz eigene Weise sympathisch. Der scheinbaren Einfachheit seiner Inszenierungen steht eine präzise Auseinandersetzung mit dem menschlichen Dasein gegenüber. Beides verleiht Rohmers Filmen, die alle von seiner eigenen Produktionsfirma „Les Films du Losange“ produziert wurden, eine faszinierende Zeitlosigkeit.

Nach dem kommerziellen Misserfolg seines ersten Films begann Rohmer 1962 mit dem Dreh des Zyklus „Moralische Erzählungen“ (1962-1972, Lauflänge 460 Minuten). Den sechs Filmen liegen ähnliche Handlungsmuster zugrunde. Die Moral eines an eine Frau gebundenen Protagonisten wird durch dessen Begegnung mit einem anderen, gegensätzlichen Frauentypus einer Bewährungsprobe ausgesetzt. Diese Modellsituation wird besonders deutlich in seinem erfolgreichsten Film „Meine Nacht bei Maud“ (1969), der ihm zum internationalen Durchbruch verhalf. Auch „Claires Knie“ (1970) gewann mehrere internationale Preise. Außerdem gehören zu dem Zyklus der Kurzfilm „Die Bäckerin von Monceau“ (1962), „Die Karriere von Suzanne (1963), Die Sammlerin (1967) und Die Liebe am Nachmittag (1972).

In den 1980er-Jahren wurde Rohmer ökonomisch unabhängiger und veränderte gleichzeitig seinen Drehstil durch einfachere Produktions- und Drehbedingungen, 16-mm-Film, Direktton und junge Schauspieler. Insgesamt scheint damit sein Kino „leichter“ geworden zu sein. Ironisch gefärbt, jedoch weniger streng konstruiert sind die sechs Filme des zweiten Zyklus „Komödien und Sprichwörter“ (1981-1987, Lauflänge 582 Minuten). Im Zentrum stehen die oft widersprüchlichen, unmotiviert scheinenden Verhaltensweisen der Figuren in unterschiedlichen sozialen Milieus. Aus diesem Zyklus sind am bekanntesten „Pauline am Strand“ (1982) und „Das grüne Leuchten“ (1986), mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet. Nachdem Rohmers erster Filmzyklus „Moralische Erzählungen“ je eine männliche Perspektive ins Zentrum gestellt hatte, wendet sich „Komödien und Sprichwörter“ verstärkt weiblichen Hauptfiguren zu. Thematisch bleibt Rohmer der Erkundung romantischer Beziehungen treu und beleuchtet anhand der Schicksale seiner Protagonistinnen die Verzweigungen und Erkenntnismomente des Gefühlslebens. Jedem Film wird dabei ein Sinnspruch vorangestellt, der die Filmhandlung umrahmt, dabei aber auch immer wieder konterkariert und damit Raum für die Interpretation und Diskussion lässt. „Pauline am Strand“ (1982) gewann auf der Berlinale den Silbernen Bären. Die 15-jährige Pauline verbringt ihre Ferien mit ihrer älteren Cousine Marion an der Atlantikküste. Die attraktive Marion hat gerade eine gescheiterte Ehe hinter sich, hofft aber weiterhin auf die große Liebe. Pauline dagegen will endlich ihre ersten Erfahrungen mit Männern machen. Diese lassen nicht lange auf sich warten und bald ist sie hin- und hergerissen und verwickelt sich und alle Beteiligten in ein Verwirrspiel aus Liebe, Lust und Leidenschaft, bei dem Moralvorstellungen gelegentlich zu kurz kommen. Beim Film-Festival in Venedig wurden sowohl „Die schöne Hochzeit“ (1982) als auch „Das grüne Leuchten“ (1986) ausgezeichnet. Als DVD-Premiere ist enthalten „Die Frau des Fliegers oder Man kann nicht an nichts denken“ (1981), außerdem „Vollmondnächte (1984) und „Der Freund meiner Freundin“ (1987). Als Extras gibt es Interviews mit Eric Rohmer zu den Filmen.

Rohmers dritter und letzter Zyklus „Erzählungen der vier Jahreszeiten“ (1990-1998, Lauflänge 446 Minuten) erscheint erstmals in HD-Qualität auf Blu-ray Disc. Im Gegensatz zu den vorherigen Zyklen ist er in sich geschlossen. Auch wenn die Figuren und Schauspieler in keinem der vier Teile die gleichen sind, so widmet sich jeder Film einem ähnlichen Thema: Meist geht es um eine Entscheidung, die einer der Protagonisten treffen muss. Märchenhaft beleuchtet werden die ernsten und heiteren Spiele der Geschlechter, die Liebe und die Qual der Entscheidungen. Nach „Frühlingserzählung“ (1989) und „Wintermärchen“ (1992) ist „Sommer“ (1996) eine typische Urlaubsromanze. Der schüchterne Mathematikstudent Gaspard verbringt seinen Urlaub in der Bretagne und wartet eigentlich auf seine Freundin Lena. Doch dann begegnen ihm zwei andere Frauen, die ihn ebenso faszinieren. Für Gaspard wird es zunehmend schwer, sich wirklich auf eine der drei einzulassen. Als letzter Film entstand 1998 „Herbstgeschichte“.

Ab und zu brach Rohmer aus der Struktur seiner Zyklen aus und unternahm einen Ausflug in die deutsche Romantik in der Kleist-Verfilmung „Die Marquise von O.“ (1976) mit Bruno Ganz, oder in die altfranzösische Epik mit „Perceval le Gallois“ (1978). Im hohen Alter von über 80 Jahren stellte Rohmer noch drei Filme fertig, das Historiendrama „Die Lady und der Herzog“ (2001), den Thriller „Triple Agent“ (2004) und „Les amours d’Astrée et de Céladon“ (2007). Eric Rohmer starb kurz vor seinem 90. Geburtstag am 11. Januar 2010 in Paris.