„Der weiße Scheich“ und „Die Nächte der Cabiria“ – Rezension von Johannes Kösegi

Zum 100. Geburtstag von Federico Fellini zwei frühe Meisterwerke neu 4K-restauriert auf Blu-ray Disc

Federico Fellini (1920-1993) wird weit über seine italienische Heimat hinaus als einer der größten Filmregisseure verehrt. Anfangs war er sogar im Ausland bekannter als zuhause. Seine lebendigen Bilderwelten, geprägt durch ikonischen Surrealismus, schlauen Humor und einen geradezu magischen Sinn für das Kuriose sind nach wie vor bahnbrechend. Filmemacher wie Woody Allen, Pedro Almodóvar oder David Lynch sehen in Fellini ein Vorbild. Zu Fellinis 100. Geburtstag hat StudioCanal in der Arthaus-Reihe seine beiden frühen Meisterwerke „Der weiße Scheich“ (1952) und „Die Nächte der Cabiria“ (1957) aufwändig in 4K restauriert und erstmals auf Blu-ray Disc veröffentlicht.

Fellini galt zeitlebens als Satiriker der italienischen Gesellschaft und Kritiker des Katholizismus. Er ist Visionär, Träumer und leidenschaftlicher Erzähler zugleich, in seinem originellen Werk zelebriert er den Karneval des Lebens. Diese Grundhaltung zeigt er bereits in seinem ersten Film „Der weiße Scheich“ oder „Die bittere Liebe“ von 1952. Die Idee zu der Geschichte bekam er vom Kollegen Michelangelo Antonioni („Blow up“). Wenn Fellini auch erst mit späteren Filmen wie „La Strada“ oder „La dolce vita“ Weltruhm erlangte, so kann man bereits in diesem Debütfilm die typischen Merkmale seiner Kunst erkennen. Während ihrer Hochzeitsreise in Rom planen Wanda (Brunella Bovo) und Ivan (Leopoldo Trieste) eine Privataudienz beim Papst, die ihnen Ivans Onkel wegen guter Beziehungen ermöglichen will. Doch Wanda hat anderes im Sinn. Sie ist eine große Verehrerin von Fotoromanen und möchte den Hauptdarsteller Fernando Rivoli, der als „Weißer Scheich“ auftritt, kennenlernen. Es gelingt ihr, sich unbemerkt von ihrem Mann dem Filmteam anzuschließen. Ivan hat große Schwierigkeiten, seinen Verwandten das Verschwinden seiner Frau zu verheimlichen. Verzweifelt irrt er durch die Stadt, um sie zu suchen. Er lernt dabei auch die Prostituierte Cabiria kennen, gespielt von Fellinis Frau Giulietta Masina, die fünf Jahre später die Hauptrolle in „Die Nächte der Cabiria“ übernehmen wird. Wanda hat inzwischen ihr Idol Fernando Rivoli (Alberto Sordi) näher kennengelernt, erschrickt aber vor seinen Annäherungsversuchen und ist von der unromantischen Wahrheit hinter den Groschenromanen enttäuscht.

Voller Verzweiflung stürzt sie sich in den Tiber, wird aber gerettet und gelangt schließlich nach einigen Missverständnissen zu ihrem Mann ins Hotel zurück. Die Zeit reicht gerade noch zum Kleiderwechsel, sodass der Audienz beim Papst nichts mehr im Wege steht. Das offene Ende lässt eine positive Fortsetzung des jungen Ehelebens erwarten. Der Film ist eine satirische und sarkastische Komödie, die besonders die Illusionen der Traumfabrik von Fotoromanen entlarven will. Nebenbei übt Fellini eine deutliche Kritik an der italienischen Gesellschaft der Nachkriegszeit mit ihren Sehnsüchten und Träumen. Nino Rotas Musik passt hervorragend zu dieser Stimmung. Das Bonus-Material enthält ein Interview mit der amerikanischen Fellini-Biographin Charlotte Chandler und einen Einblick in die Fellini-Sammlung der Lilly Library in der Universität von Indiana, die unter anderem das Originalskript von „La Strada“ besitzt.

Fellinis Ehefrau Giulietta Masina mimt hier zum ersten Mal die Cabiria, die fünf Jahre später die Hauptfigur im Oscar-prämierten „Die Nächte der Cabiria“ wird. Außerdem bildet Fellinis Regiedebüt den Auftakt einer jahrzehntelang andauernden Zusammenarbeit mit dem Komponisten Nino Rota, der bis zu seinem Lebensende 1979 an sämtlichen seiner Filme mitwirkte. Mit „Die Nächte der Cabiria“ gewann Fellini nach „La Strada“ seinen zweiten Oscar und die Goldene Palme in Cannes. Die Hauptrolle spielt dabei erneut Fellinis Ehefrau Giulietta Masina, dieses Mal als schlagkräftige Prostituierte, die in den Straßen Roms das Glück sucht und als Seelenverwandte der Figur der Gelsomina aus „La Strada“ gilt. Für ihre Darbietung wurde Masina in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet. In ihrer Rolle als Prostituierte Maria Ceccarelli, genannt „Cabiria“, wird sie gerade noch rechtzeitig vor dem Ertrinken gerettet. Mittellos und wieder auf der Straße lernt sie Alberto (Amedeo Nazzari), einen reichen Schauspieler, kennen. Sie verbringen den Abend gemeinsam, aber als Albertos Freundin zurückkehrt, muss Cabiria wieder auf die Straße. Dieser Film wurde 1958 mit einem Oscar als bester ausländischer Film ausgezeichnet. Für ihr intensives Spiel wurde Giulietta Masina mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1957 in Cannes als beste Darstellerin. Das Bonusmaterial enthält ein Interview mit dem Filmhistoriker Phil Kemp.