Filmgeschichte Weltweit – Rezension von Johannes Kösegi

„Filmgeschichte weltweit“ als Neuausgabe

Ambitioniertes Projekt zum Jahrhundertjubiläum des Kinos

1993 startete das British Film Institute (BFI) ein ambitioniertes Projekt. Einige der renommiertesten Regisseure weltweit wurden beauftragt, bis zum 100. Geburtstag des Kinos im Jahre 1995 je einen Beitrag zur Filmgeschichte ihres Landes zu schaffen. Formelle Vorgaben gab es nicht, Ansatz, Methode und Umfang der Filme blieben den Regisseuren freigestellt.

Das beachtenswerte Ergebnis mit semifiktionalen, dokumentarischen und essayistischen Beiträgen, deren Spieldauer zwischen fünfzig Minuten und knapp vier Stunden variiert, ist nicht nur für Filmenthusiasten interessant. Die 16 Filme von 15 Regisseuren, darunter Martin Scorsese, Edgar Reitz, Stephen Frears, Jean-Luc Godard erscheinen jetzt überarbeitet bei absolut Medien in einer preiswerten Sonderausgabe auf 7 DVDs mit einer Gesamtspieldauer von über 21 Stunden.

Folgende Länder und Regionen werden genauer unter die Lupe genommen: USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Japan, Irland, Skandinavien, Australien, Neuseeland, Lateinamerika, China, Korea, Indien, Polen, Russland und Italien. Martin Scorsese liefert eine subjektive vierstündige Führung durch das US-amerikanische Kino, Nagisa Oshima lässt 100 Jahre japanisches Kino vorüberziehen, Mad-Max-Regisseur George Miller begleitet durch den australischen, Stephen Frears durch den britischen, Mrinal Sen durch den indischen Film des vergangenen Jahrhunderts. Edgar Reitz verehrt die Großmeister deutscher Filmkunst, Stanley Kwan erklärt das chinesische Kino im Zeichen von Gender und Körperpolitik, Jean-Luc Godard mag keine cineastischen Feierstunden, bis wiederum Martin Scorsese eine grandiose Reise ins Italien Fellinis, Antonionis und Viscontis antritt.

Auswahl, Zusammenstellung, Kommentierung und Komposition der etwa 700 eingespielten Filmausschnitte betonen die unterschiedlichen persönlichen Sichtweisen der Regisseure. Bereits die Titel der einzelnen Beiträge verraten etwas die Ambitionen ihrer Macher. So bezeichnet Martin Scorsese seine US-Dokumentation „A personal journey through American movies“ und seinen Italien-Beitrag „Il mio viaggio in Italia“. Edgar Reitz lässt unterschiedliche Größen des deutschen Films von Leni Riefenstahl bis Wim Wenders, von Frank Beyer bis Alexander Kluge ihre je eigenen Beiträge zur wechselhaften Geschichte des Kinos eintragen. So entstehen trotz des ursprünglich einheitlich vorgegebenen Grundgerüsts sehr unterschiedliche individuelle Beiträge, was die Länder und Darstellung betrifft. Dass dabei nicht nur der Mainstream erwähnt wird, sondern auch alternative Kunstformen, ist ein positiver Nebeneffekt. Insgesamt stehen eher subjektiv thematische, motivgeschichtliche, politische, genre-orientierte statt objektiv chronologische Beiträge im Vordergrund.

So liest Stanley Kwan die Filmgeschichte Chinas im Horizont von Körperpolitik und Gender, für Nelson Pereira dos Santos ist der Film ein Schauplatz der Begegnung von Existenz und Gesellschaft, Jang Sun-Woo untersucht die drastische Wechselwirkung von Zeitgeschichte und Filmgeschichte im koreanischen Kino, Sergej Selyanovs Essay versteht den russischen Film als Umdeutung des totalitären Ungeistes und George Miller sieht den australischen Film typologisch geprägt von der Figur des zwangsexilierten Sträflings und Pioniers.

Einige Beiträge wirken eher selbstreflexiv. Stig Björkman etwa lässt nicht nur die Filmgeschichten der skandinavischen Länder Revue passieren, sondern problematisiert das Verhältnis von Regisseur und Schauspieler, die Funktion des Dokumentarfilms und die Bedeutung von Regisseurinnen für das Kino des Nordens. Paweł Łoziński befragt polnische Kinogänger aller Altersklassen nach ihren cineastischen Vorlieben, während sich der gesellschaftskritische Jean-Luc Godard mit dem (Un)Sinn des Kino-Feierunternehmens beschäftigt und nebenbei eine Gegengeschichte des vergessenen französischen Films und seiner literarischen Propheten fordert.

Filmwissenschaftlicher werden vielleicht einiges vermissen oder Lücken entdecken. Es fehlen etwa das spanische, afrikanische oder israelische Kino, außerdem transnationale Filmemacher von Ernst Lubitsch bis Raul Ruiz oder Gattungen wie der Animationsfilm. Dieses Filmprojekt ist dennoch gutgemeint, gutgemacht und gelungen, auch wenn es nicht enzyklopädisch alles abdecken will und kann, was in dieser Form unmöglich gewesen wäre.

Die Neuausgabe von „Filmgeschichte weltweit“ von 2020 wartet mit einigen technischen Verbesserungen auf. So werden die englischsprachigen Beiträge aus Großbritannien, Irland, Australien, Neuseeland oder Scorseses Italien-Beitrag nicht nur in der deutschen, sondern auch in der BFl-originalen Fassung präsentiert. Man kann jetzt auch die Filmtitel aller eingespielten Filmbeispiele sehen. Die Überarbeitung und Vereinheitlichung der eingeblendeten Filmtitel lässt sich leider nicht bei allen Filmen durchführen. Bei einigen Beiträgen aus China, Indien oder Italien sind sie ins Ausgangsmaterial eingebrannt und dadurch unveränderlich.

Hier die 16 einzelnen Beiträge auf den 7 DVDs in Kürze.

DVD 1: USA

„Martin Scorseses Reise durch den amerikanischen Film“; USA, Großbritannien, 1995; 225 Minuten. Vorgestellt werden wichtige Genres wie Western, Gangsterfilm, Musicalfilm, das Studiosystem oder der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm.

DVD 2: Asiatisches Kino

China: „Yang and Yin – Das Spiel der Geschlechter im chinesischen Kino“; Hongkong, Großbritannien 1996; 79 Minuten. Rollen- und Kleidertausch haben eine ebenso lange wie einmalige Tradition im chinesischen Kino.

Japan: „100 Jahre japanisches Kino“; Japan, Großbritannien, 1995, 52 Minuten. In einer bewegenden Montage von Filmausschnitten zeigt Nagisa Oshima, wie der japanische Film erst nach und nach und in Ablösung vom traditionellen Theater zu einer eigenständigen Sprache findet.

Korea: „Korea – Kino im Aufbruch“; Südkorea, Großbritannien, 1995, 52 Minuten. Es gibt eine enge Beziehung zwischen der Geschichte Koreas im 20. Jahrhundert und der Entwicklung des koreanischen Films. In einem Land, das bis vor kurzem noch kolonialisiert war und autoritären Militärregierungen unterstand, war auch die Filmindustrie jeder Art von Unterdrückung und Kontrolle ausgesetzt. Somit bietet dieser Film einen sehr persönlichen Einblick in ein verborgenes Kapitel der Filmgeschichte zwischen Propaganda und Zensur und endet mit einer Demonstration für die Freilassung aller politischen Gefangenen.

DVD 3: Westeuropa

Großbritannien: „Typisch britisch“; Großbritannien, 1995, 52 Minuten; Regie: Stephen Frears, Mike Dibb; Tea-Time mit Stephen Frears als einem der bedeutendsten Regisseure des New British Cinema, mit dem Kritiker Gavin Lambert, und den Regisseuren Michael Apted und Alan Parker.

Irland: „Irland – Sind wir allein?“ Großbritannien, 1995, 51 Minuten. Es gibt zweifellos mehr ausländische Filmemacher, die Filme über und in Irland drehten, als irische Filmemacher selbst. Regisseur Donald Taylor Black erwähnt die ständige Anpassung des irischen an das britische Kino. Anhand von teilweise noch nie gezeigtem Archivmaterial wird gefragt, wie die Kluft zwischen dem Wusch nach typisch irischen Stoffen und den Erwartungen eines internationalen Publikums geschlossen werden kann.

Frankreich: „2 x 50 Jahre französisches Kino“; Schweiz, Frankreich, Großbritannien, 1995, 50 Minuten. Dieser Film von Jean-Luc Godard ist mehr als ein Dokumentarfilm. Er stellt das Prinzip des Jubiläums in Frage und stellt das Vergessen frei. Haben die Menschen noch eine Erinnerung an jene Regisseure oder Schauspieler, die ein Jahrhundert Kino prägten? Welche Bedeutung und welche Wirkung hatte das Schaffen der Brüder Lumière, eines Georges Meliès oder der Brüder Pathé? Entstanden ist ein Stück Kinogeschichte, das die Leerstellen mit bedenkt und doch die großen Regisseure, Theoretiker, Schriftsteller und Historiker, die den französischen Film maßgeblich beeinflussten, in Wort und Bild zur Sprache bringt.

DVD 4: Mittel- und Osteuropa

Deutschland: „Die Nacht der Regisseure“; Deutschland, Großbritannien 1995, 87 Minuten. Der Beitrag von Edgar Reitz präsentiert Perspektiven auf die bewegte deutsche (Film-)Geschichte. Mit Enno Patalas, ehemals Leiter des Münchner Filmmuseums, erweckt Reitz eine imaginäre Kinemathek zum Leben, in der Film als Sieg der Phantasie über die Wirklichkeit gefeiert wird. Im großen Vorführsaal gibt sich die Elite des deutschen Films ein Stelldichein.

Polen: „100 Jahre polnisches Kino“; Polen, Großbritannien 1995, 61 Minuten. Das polnische Kino ist Dank der Arbeit von Regisseuren wie Krzysztof Kieślowski oder Andrzej Wajda in den vergangenen Jahrzehnten hierzulande sehr präsent gewesen. Sie stehen in einer langen Tradition. Seit den 1930er Jahren waren Schauspieler wie Lidia Wysocka, Jadzia Andrzejewska, Mira Ziminska und Stanislaw Sielanski sehr populär.

DVD 5: Russland, Indien, Lateinamerika

Russland: „Die Idee Russland“; Russland, Großbritannien, 1995, 61 Minuten. Das russische Kino wollte nicht primär unterhalten, sondern es wollte die Welt verändern. Sergej Selyanov führt in seinem Beitrag zur Filmgeschichte aus, wie die russischen Visionäre von der staatlichen Utopie vereinnahmt werden und zeigt Ausschnitte aus zahlreichen Revolutionsfilmen. Im Zentrum dieser Reise stehen die Anfänge des russischen Films und der sogenannten russischen Idee sowie deren ideologische Kehrseite.

Indien: „And the show goes on“; Indien, Großbritannien, 1996, 54 Minuten; Indien produziert alljährlich etwa 800 Spielfilme in 16 verschiedenen Sprachen, besitzt die größte nationale Filmindustrie, die sich in Bombay (Bollywood) niedergelassen hat. Von dieser immensen Produktion finden nur sehr wenige Filme ihren Weg ins Ausland. Geboten wird ein umfassender Überblick seit den Anfängen 1912 über die 1930er Jahre bis zum Realismus eines Satayajit Ray. Wenngleich das Mainstream-Kino mit Tanz, Stars und Musik weiter zur Traumfabrik ausgebaut wurde, schufen Regisseure wie Oskiroti und Padmananbhan neue Typen indischer Charaktere

Lateinamerika: „Kino der Tränen“; Brasilien, Mexiko, Großbritannien, 1995, 52 Minuten. Nelson Pareira dos Santos, der als einer der Hauptvertreter des brasilianischen Cinema Novo gilt, gestaltete seinen Beitrag zur Filmgeschichte als zeitgenössisches Drama. Ausgangspunkt ist die Begegnung des jungen Studenten Yves mit dem berühmten alternden Schauspieler-Regisseur Rodrigo Ferreira und ihre gemeinsame Reise zum Mexikanischen Filminstitut. Die Recherche ist eine persönliche Suche Rodrigos. Als er vier Jahre alt war, starb seine Mutter in der Nacht, in der sie in Tränen aufgelöst von einer Kinovorstellung nach Hause kam. Welchen Film hatte sie gesehen, bevor sie starb?

DVD 6: Skandinavien, Australien, Neuseeland

Skandinavien: „Kino der Neugier“; Schweden, Island, Norwegen, Dänemark, Finnland, Großbritannien, 1995, 51 Minuten. Regisseur Stig Björkman wird in einem Patchwork von Interviews und Filmausschnitten dem lebendigen, vielfältigen und dynamischen Filmschaffen der skandinavischen Länder gerecht, ohne die Eigenheiten zu nivellieren.

Australien: „40.000 Jahre Träumen“; Australien, Großbritannien, 1997, 67 Minuten. In Australien begleitet die Kinoproduktion nahezu in Echtzeit das Entstehen einer jungen Nation. Für George Miller sind Filme zunächst visuelle Musik, öffentliche Träume und Mythen wie die Liedtexte der weißen Australier, die zurückgreifen auf die Tradition der Lieder der Aborigines.

Neuseeland: „Kino der Unruhe“; Neuseeland, Großbritannien, 1995, 52 Minuten. Die neuseeländische Filmgeschichte erlebt eine späte, erstaunliche Entwicklung. Sie kreuzt sich immer wieder aufs Neue mit dem Leben des Schauspielers Sam Neill.

DVD 7: Italien

„Meine italienische Reise“; Italien, USA, Großbritannien, 236 Minuten. Martin Scorsese, der bekannte amerikanische Regisseur mit italienischen Wurzeln legt dar, welchen Einfluss das italienische Kino auf ihn hatte.