Infam – Rezension von Johannes Kösegi

Hochklassige Theaterverfilmung von William Wyler

Erstmals in HD-Qualität erscheint die dramatische Komödie „Infam“ (Originaltitel „The Children’s Hour) auf Blu-ray Disc. William Wyler inszenierte 1961 in Schwarzweiß das Theaterstück „Kinderstunde“ („The Children’s Hour“) von Lillian Hellman für das Kino. In seiner darstellerischen Eindringlichkeit ist es vergleichbar mit „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ von Richard Brooks, einem Farbfilm von 1958. Als Bonus zu dem 108-minüten Film gibt es den interessanten englischen Audiokommentar des Filmkritikers Neil Synyard, allerdings ohne deutsche Untertitel.

Mit den Hauptdarstellern Audrey Hepburn („Frühstück bei Tiffany”, „Ein Herz und eine Krone“, „Charade“), Shirley MacLaine („Zeit der Zärtlichkeit“, „Das Appartement“, „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“) und James Garner („Detektiv Rockford – Anruf genügt“, „Maverick“, „Gesprengte Ketten“, „Wie ein einziger Tag“) ist der Film hervorragend besetzt. Dank ihrer brillanten Schauspielkunst wird der Film zu einer spannenden wie tiefgründigen Auseinandersetzung um gesellschaftliche Vorurteile. Shirley MacLaine wurde für ihre Darstellung 1962 für einen Golden Globe Award als beste Schauspielerin nominiert. Der Film erhielt fünf Oscar-Nominierungen in den Kategorien „Beste weibliche Nebenrolle“ (Fay Bainter), „Beste Kamera“ (Schwarzweiß), „Beste Ausstattung“ (Schwarzweiß), „Beste Kostüme“ (Schwarzweiß) und „Bester Ton“. 1962 wurde Shirley MacLaine mit dem Laurel Award ausgezeichnet.

Das Theaterstück „The Children’s“ Hour von Lillian Hellman hatte 1934 am Broadway Premiere und war der erste große Erfolg der jungen Schriftstellerin. Das Stück spielt eigentlich in Schottland, wurde aber für den Film in die Vereinigten Staaten verlegt. William Wyler hatte den Stoff schon einmal 1936 unter dem Titel „These Three“ nach einem Drehbuch von Lillian Hellman verfilmt. Wyler musste jedoch auf Drängen des Filmstudios United Artists, das aufgrund der Thematik lesbischer Liebe ein Verbot befürchtete, so viele Änderungen am Drehbuch vornehmen, dass er seinen späteren Film von 1961 als erste Version ansah. Dieses Werk endet im Gegensatz zur ersten Fassung ohne erzwungenes Happy-End. Miriam Hopkins ist in beiden Versionen mit von der Partie, 1936 als Martha Dobie und 1961 als deren Tante Lily Mortar.

Karen und Martha leiten ein exklusives Mädcheninternat. Als sie eine boshafte Schülerin zurechtweisen, nutzt das rachsüchtige Mädchen eine zufällig aufgeschnappte, harmlose Bemerkung, um seine Lehrerinnen zu verleumden und ihnen unmoralisches Verhalten in Form von lesbischer Liebe vorzuwerfen. Bald kreisen skandalöse Gerüchte um die Schule und die Auswirkungen lassen nicht lange auf sich warten. Sie sind ebenso zerstörerisch wie tragisch.

„Infam“ ist zeitlos und heute noch so aktuell wie in den 1960er Jahren, denn er zeigt, zu welch verheerenden Folgen gesellschaftliche Vorurteile und falsche Behauptungen führen können. Noch heute wirkt das bewegende Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen in dieser sorgfältig wie sensibel inszenierten Geschichte. Der Film zeigt die verheerenden Auswirkungen, wenn individuelle Konflikte und gesellschaftliche Vorurteile aufeinanderstoßen.