Charlie Chaplin – Complete Collection – Rezension von JOhannes Kösegi

Die Hauptwerke und viele Extras auf 12 DVDs

Mit der neuen „Charlie Chaplin – Complete Collection“ bringt StudioCanal die wohl umfassendste Filmsammlung des genialen Komödianten und Regisseurs heraus. Auf insgesamt 12 DVDs sind nicht nur zehn bedeutende Hauptwerke Chaplins von 1918 bis 1957 enthalten, auch frühe und weniger bekannte Filme besonders aus der Stummfilmzeit zeigen immer wieder die Vielseitigkeit eines der bedeutendsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Zur gesamten Lauflänge von über 1100 Minuten kommt noch viel Bonusmaterial. Unter anderem sprechen berühmte Regisseure wie Bernardo Bertolucci, Constantin Costa-Gavras, Claude Chabrol, Luc und Jean-Pierre Dardenne und Abbas Kiarostami über den Komiker. Auf zwei Bonus-DVDs sind die frühen Meisterwerke „Der Pilger“, „Ein Hundeleben“, „Gewehr über!“, „Zahltag“, „Die müßige Klasse“, „Vergnügte Stunden“ und „Auf der Sonnenseite“ zu sehen.

Als weitere Extras gibt es Dokumentationen von Alain Bergala, Serge Le Péron, Serge Bromberg, Philippe Truffault, Serge Toubiana und Edgardo Cozarinsky, Outtakes, „Der Traumprinz“, geschnittene Szenen, Sydney Chaplins Making-of in Farbe, „Charlie als Friseur“ (1919), „Der Professor“ (1919), Einführungen des Chaplin-Biografen David Robinson zu allen Filmen, Fotogalerien und Trailer. Das 30-minütige „Chaplin-ABC“ zeigt zusammengeschnittene kuriose Filmszenen zu Stichworten von „Animalisches“ bis „Zuchthaus“.

In chronologischer Reihenfolge sind in dieser „Complete Collection“ folgende Filme in bester Bild- und Tonqualität als Hauptwerke enthalten: „Der Vagabund und das Kind“ (1921), „Die Nächte einer schönen Frau“ (1923), „Goldrausch“ (1925), „Der Zirkus“ (1927), „Lichter der Großstadt“ (1928), „Moderne Zeiten“ (1936), „Der große Diktator“ (1940), „Monsieur Verdoux“ (1947), „Rampenlicht“ (1952) und „Ein König in New York“ (1957). Der früheste Film „Die Nächte einer schönen Frau“, auch als „Eine Frau in Paris“ bekannt, ist eine Ausnahme, weil Chaplin hier nur in einer Nebenrolle als Dienstmann am Bahnhof auftritt. In diesem Meilenstein der Filmgeschichte beweist er, wieviel er als Regisseur auch vom ernsten Filmschauspiel versteht. In allen anderen Filmen ist er der unbestrittene Star vor und hinter der Kamera und wird auf diese Weise trotz der Teamarbeit am Set zum absoluten Solisten.

Charlie Chaplin möchte mit seinen Komödien das Publikum nicht nur zum Lachen bringen, sondern auch zum Nachdenken anregen. Ab seinem ersten Langfilm „Der Vagabund und das Kind“ (1921) werden seine Stummfilm- und späteren Tonfilmkomödien zu Tragikomödien. Der Tramp, ein einsamer Außenseiter, muss in einer vom Fortschrittsglauben bestimmten, industrialisierten Welt immer um seine soziale Integration kämpfen. Ein obdachloser Mann mit Schnauzer und Hut wird in „Goldrausch“ (1925) zur Leitfigur einer Zeit, die von Armut, Hunger und Verzweiflung geprägt ist. Anfangs wird das Thema der Unterdrückung eher allegorisch behandelt, später nimmt der Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Charlie Chaplin immer mehr Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen. Den Höhepunkt der Politisierung erreicht er in „Moderne Zeiten“ (1936) und „Der große Diktator“ (1940).

Chaplins berühmtester Film „Goldrausch“ wurde 1958 zu einem der zwölf besten Filme aller Zeiten gekürt. Ende des 19. Jahrhunderts stürzt sich Charlie in das gefahrvolle Leben der Goldschürfer in Alaska mit Hunger, Kälte und Einsamkeit. Ein Schneesturm verschlägt ihn in ein Lager. Dort trifft er den steckbrieflich gesuchten Halunken Black Larson und den Goldgräber Jim. Gemeinsam erleben sie ein gefährliches Abenteuer, als der Sturm die Hütte über den steilen Abhang weht. Später können sie eine Mine gemeinsam ausbeuten und werden reich. Auch in der Liebe hat Charlie nach anfänglichen Schwierigkeiten am Ende Glück. Formal ist Chaplin hier auf der Höhe seiner Meisterschaft. Viele Szenen sind in die Filmgeschichte eingegangen, etwa der Brötchentanz, der Verzehr eines Schuhs und die Hütte über dem Abgrund, die nur durch ein dünnes Seil gehalten wird.

In „Moderne Zeiten“ arbeitet der Tramp in einer Fabrik am Fließband. Weil er mit dem unmenschlichen Arbeitstempo nicht mithalten kann, wird er entlassen. Auf der Straße gerät er in eine Demonstration und wird prompt als vermeintlicher Rädelsführer verhaftet. Als Charlie aus dem Gefängnis freikommt, trifft er ein Straßenmädchen und verliebt sich in sie. Aber auch ihr droht das Zuchthaus, weil sie Brot gestohlen hat. Später wird er Kellner in dem Café, in dem seine Freundin tanzt. Als sie wegen Landstreicherei gesucht wird, können beide fliehen. Erschreckend realistisch werden hier die bedrohlichen Maschinen und die monotone Fließbandarbeit gezeigt. Selbst die Nahrungsaufnahme geschieht maschinell, auch wenn es nur wie ein Testlauf aussieht. Dieser Film übt Kritik an der modernen industriellen Technik und ist zugleich ein Abgesang auf den bekanntesten Tramp der Stummfilmära.

„Der große Diktator“ entlarvt den deutschen Faschismus und seine Protagonisten schonungslos. Tomania wird von dem dummen, eitlen und selbstfälligen Diktator Hynkel regiert. Erbarmungslos drangsaliert er die Juden des Landes. Doch davon ahnt der jüdische Friseur, der ihm wie ein Zwillingsbruder gleicht, nichts. Bei einem Flugzeugabsturz hat der Friseur sein Gedächtnis verloren und war danach jahrelang in einem Hospital. Nun kämpft der kleine Mann mutig gegen Hynkels Schergen. Chaplins erster Dialogfilm ist eine vernichtende Satire über einen zynischen Demagogen und zugleich eine pointierte Slapstick-Revue. Berühmt sind Chaplins Tanz mit der Weltkugel und seine aufbrausende, aber unverständliche Rede, bei der sich sogar die Mikrofone verbiegen. Weil hier Hitler und andere Nazigrößen lächerlich gemacht werden, gab es auch einige Kritiker. Ohne Zweifel ist Charlie Chaplin in der Doppelrolle als Diktator und jüdischer Friseur ein großer Wurf gelungen.

Die drei weniger bekannten Filme aus der Nachkriegszeit zeigen, dass Chaplin neben Slapstick und Komödie auch das ernste Fach perfekt beherrscht. In „Monsieur Verdoux“ glänzt er als mörderischer Heiratsschwindler, der reichen alten Frauen ihr Vermögen abschmeichelt und sie danach umbringt. Er stellt sich als sanfter Mörder dar, der zuvor beim großen Bankenkrach seine Stellung verloren hat, und jetzt sein mörderisches „Gewerbe“ skrupellos wie eine schöne Kunst betreibt. Dabei ist die Verwandtschaft von Verdoux mit dem Tramp des frühen Chaplin unverkennbar. Beide müssen um ihr Überleben kämpfen. In „Rampenlicht“, seinem vielleicht privatesten Film, glänzt Chaplin als alternder Clown, der auf dem Höhepunkt seines Erfolges nach einer Herzattacke stirbt. Im letzten Film der Sammlung „Ein König in New York“ rechnet Chaplin persönlich mit den USA ab, wo er des Kommunismus bezichtigt wurde, dem angeblich größten aller Übel. Dabei nimmt Chaplin auf kabarettistische Weise das Werbefernsehen, Hollywood, den Cinemascope-Film und den „American Way of life“ aufs Korn. In Westdeutschland wurde der Film erst etwa 20 Jahre nach seiner Premiere uraufgeführt. Man hatte zunächst befürchtet, er könnte beim Publikum für eine antiamerikanische Stimmung sorgen.