Alice im Wunderland (1933) – Rezension von Johannes Kösegi

Technisch aufwändig produzierter Fantasy-Film

Der englische Schriftsteller Caroll Lewis (1832-1898) ist ein Pionier der Nonsensliteratur, der Kunst des Absurden und des Surrealismus. Mit seiner Erzählung „Alice im Wunderland“ schrieb er 1865 das weltweit erfolgreichste Kinderbuch, das noch vor Joanne Roalings „Harry Potter“ rangiert. Mit einem weiteren Teil „Hinter den Spiegeln“ (1872) ist es bis heute nach Shakespeares Werken und der King-James-Bibel der meistzitierte englische Text. So verwundert es nicht, dass dieser Stoff sehr oft verfilmt wurde, von der frühen Stummfilmzeit 1903 bis 2016.

Eine frühe und originelle Adaption für das Kino erschien 1933 bei Paramount Pictures unter der Regie von Norman Zenos McLeod mit Joseph Leo Mankiewicz („Julius Cäsar“, „Cleopatra“) und William Cameron Menzies als Drehbuchautoren. Bei StudioCanal erscheint der 73-minütige Film in der englischen Originalversion mit deutschen Untertiteln auf DVD.

Die kleine Alice folgt im Traum einem weißen Kaninchen in dessen Bau und gerät in das unterirdische „Wunderland“. Hier begegnet sie merkwürdigen Wesen und Fabeltieren, darunter die Cheshire-Katze, die sich in Luft auflöst und nur ihr Grinsen zurücklässt, lebende Spielkarten, der Märzhase und eine falsche Suppenschildkröte. Sie leben nach einer eigenen Unsinnslogik, der die Titelheldin (Charlotte Henry) ihre in der Schule gelernte Erwachsenenlogik entgegensetzen möchte, was immer wieder scheitert. Die Bewohner von Wunderland stehen ihr meist feindselig gegenüber. Die Größeren drohen sie zu fressen, die Kleinen fürchten, von ihr gefressen zu werden. Nach und nach geraten die Werte der viktorianischen Gesellschaft und grundlegende Ordnungskriterien durcheinander: Raum und Zeit, Rationalität und Moral, die Hierarchie von Mensch, Tier und Sache sowie die Logik der Sprache. Auch Alice, die mithilfe eines Zauberpilzes ihre Größe verändern kann und im allgemeinen Chaos zwischen kindlichen Trieben und vernünftigen Gedanken hin und hergerissen wird, kann sich ihrer eigenen Identität nicht sicher sein. So gerät ihre märchenhafte Traumwelt manchmal fast zum Albtraum. Schließlich macht Alice mit einigen zornigen Worten dem Spuk ein Ende. Zurück in der Realität erzählt sie den Traum ihrer Schwester. Heutige Generationen kennen vor allem den Disney-Zeichentrickfilm von 1951 mit seinen idyllischen und niedlichen Aspekten. Doch die frühere Version von 1933 mit für die damalige Zeit überraschenden Filmtricks liegt durch seinen Surrealismus viel näher an der Vorlage mit ihren absurden Momenten. Diese gelungene Live-Action-Verfilmung bringt einige der denkwürdigsten Figuren von Carrolls bizarrem Universum auf die Leinwand. Gespielt werden die Figuren wie der verrückte Hutmacher, Humpty Dumpty, die Grinsekatze und viele mehr von Hollywood-Stars wie Cary Grant („Arsen und Spitzenhäubchen“, „Leoparden küsst man nicht“) oder Gary Cooper („Zwölf Uhr mittags). So ist dieser technisch aufwändig produzierte Fantasy-Film dank seiner spektakulären Sets und einfallsreichen Kostüme ein zeitloses Vergnügen für Jung und Alt.