Berlin – Schickssalsjahre einer Stadt – Staffel 1 – Rezension von Johannes Kösegi

Zunächst einmal vielen Dank für die Übersendung der nun folgenden drei Rezensionen:

Staffel 1 (1961-1969) – Stadtchronik der Superlative

Wohl kaum eine Stadt weltweit hat eine so spannende Geschichte zu bieten wie die deutsche Hauptstadt Berlin. Besonders in der Zeit der Teilung wurde hier nicht nur Stadt- sondern auch Weltgeschichte geschrieben. Mittlerweile ist Berlin eine Metropole wie viele andere mit über drei Millionen Einwohnern.

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat in einem historischen Projekt über die Geschichte Berlins selbst Historisches geleistet, indem er in vier Staffeln und 40 Folgen mit je 90 Minuten Dauer die Geschichte Berlins Jahr für Jahr von 1961 bis 1999 erzählt. Nach der Ausstrahlung der ersten Staffel von „Berlin-Schicksalsjahre einer Stadt“ im RBB-Fernsehen in HD-Qualität erscheinen alle Folgen, leider „nur“ auf DVD und nicht auf Blu-ray Discs bei rbb Media und Studio Hamburg. Aber die Bild- und Tonqualität des überwiegend historischen Filmmaterials lassen auch auf diesem Medium nichts zu wünschen übrig. Die erste Staffel mit 9 Folgen hat eine Laufzeit von 810 Minuten und erzählt die bewegten Jahre von 1961 bis 1969. Die Filme entstanden unter der Regie von Gabriele Denecke, Tim Evers, Karoline Kleinert, Thomas Zimolong und Lutz Pehnert, Sprecherin ist die beliebte Schauspielerin Katharina Thalbach.

28 Jahre lang teilt die Mauer die politischen Systeme und die Menschen in Ost und West. Die geteilte Stadt ist immer Weltstadt und Kiez, Weltpolitik und Alltag, Schauplatz von historischen Ereignissen und privaten Erlebnissen. Die 1960er Jahre sind geprägt vom Mauerbau und abenteuerlichen Fluchten. Es ist die Zeit des Wiederaufbaus, Rock’n Roll, der Miniröcke und großer Studentenproteste. Viele Prominente besuchen die Stadt in diesem Jahrzehnt, darunter John F. Kennedy, Nikita Chruschtschow, Martin Luther King oder Queen Elizabeth II. Das Farbfernsehen wird zunächst in West- und zwei Jahre später auch in Ost-Berlin eingeführt.

1961 geschieht auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges mit dem Bau der Mauer etwas für Viele Unvorstellbares. Am Brandenburger Tor steht der Volkspolizist Günter Ganßauge. Er berichtet von den Vorbereitungen und Planungen zum Bau der Mauer. Die Physiotherapeutin Rosemarie Platz erzählt, wie sie an der Bernauer Straße im letzten Moment zu ihrem Verlobten nach West-Berlin flieht. Doch nicht nur Politik bewegt die Berliner. Auch in den Tanzlokalen und Diskotheken wird der Klassenkampf ausgetragen. Twist tanzt man im Westteil der Stadt,Lipsi ist der Modetanz im Osten. Der erste Flug ins All des sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin erregt die Gemüter und die Berliner erleben eine totale Sonnenfinsternis.

1962 ist das Jahr zahlreicher Fluchten von Ost nach West. Im Januar fliehen 28 Menschen durch einen Tunnel, bei einer weiteren Tunnelflucht im Dezember versucht die Stasi mit einer Sprengzündung alle Fliehenden zu töten. Jutta Grabert erzählt von ihrer spektakulären Flucht im Juni 1962 auf einem Schiff der Weißen Flotte, zusammen mit ihrem sechsmonatigen Baby. Der Reporter Alexander Kulpok erinnert sich an die Empörung, die der Tod des jungen Grenzflüchtlings Peter Fechter auslöst. Trotz dieser Tragödien geht der Alltag weiter. Der ganze Stolz der DDR ist der neu eröffnete Zentralflughafen in Schönefeld, im West-Teil der Stadt ist erstmals Live-Fernsehen dank Satellit „Telstar 1“ aus Übersee möglich, und die Berliner Sängerin Conny Froboess landet mit „Zwei kleine Italiener“ einen bundesweiten Hit.

1963 ist für Berlin ein Jahr mit prominenten Gästen. US-Präsident Kennedy besucht in seinem Todesjahr West-Berlin und hält eine Rede vor dem Schöneberger Rathaus mit dem berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“. Nur zwei Tage später trifft Kreml-Chef Nikita Chruschtschow in Ost-Berlin, der 

Hauptstadt der DDR, ein. Werner Heine, ehemaliger Berliner Profifußballer, erinnert sich an den Besuch von Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa beim Europapokalspiel DDR gegen Ungarn. In West-Berlin spielt Hertha BSC wie heute noch in der ersten Bundesliga. Kurz vor Weihnachten macht das Passierscheinabkommen die Mauer für wenige Tage durchlässiger und Verwandte aus dem Westen können in den Ost-Teil der Stadt reisen.

1964 versammeln sich eine halbe Million Jugendliche beim Deutschlandtreffen in Ost-Berlin, Martin Luther King besucht beide Teile der Stadt und der Beat-Rhythmus beherrscht die ganze Stadt. Rund 10.000 Jugendliche kommen aus dem Westen zum Deutschlandtreffen der Jugend nach Ost-Berlin. Sigmar Krause, der erste Leiter des DDR-Jugendradios DT64, erinnert sich an die Aufbruchsstimmung und die Organisation des Marathon-Programms. Gesine Schuppan schwärmt noch heute von der Atmosphäre der Gottesdienste von Martin Luther King in Ost-Berlin. Ende des Jahres ermöglicht eine neue Passierscheinregelung erstmals Ost-Rentnern den Besuch von Verwandten in Westdeutschland.

1965 ist für Berlin ein Jahr mit vielen prominenten Gästen. Louis Armstrong ist im Osten der Stadt. Sein Begleiter, der große Jazz-Experte der DDR, Karlheinz Drechsel, erinnert sich an das legendäre Konzert im Friedrichstadtpalast. Die englische Queen besucht West-Berlin und im Ost-Teil wünscht sich die Schülerin Gisela Tatsch-Daust vor dem Bildschirm in eine andere Welt. Musiker Olaf Leitner spielt mit seiner Band als Vorgruppe der Rolling Stones und erlebt, wie Stones-Fans die Berliner Waldbühne in Trümmer legen. Politisch läuft es weniger erfreulich. Sowjetische Kampfflugzeuge donnern über West-Berlin und auf dem „Kahlschlag“-Plenum des ZK der SED werden zahlreiche Bücher, Theaterstücke und Filme verboten, die dem Einfluss des westlichen Zeitgeistes zugeschrieben werden.

1966 herrscht Aufbruchsstimmung in der Stadt. Studenten demonstrieren gegen den Krieg in Vietnam. Peter Brandt, der Sohn des bis Dezember 1966 Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt, berichtet von den Forderungen der Protestierenden. Die Berliner Hochzeit des Jahres findet im Studentenmilieu statt. Rudi und Gretchen Dutschke geben sich das Ja-Wort. Ein sowjetisches Militärflugzeug stürzt in den Stößensee im britischen Sektor Berlins, die SED-Führung feiert den 5. Jahrestag der Grenzschließung mit einer großen Militärparade und Hochspringer Joachim Kirst berichtet von der ersten Jugendspartakiade in Ost-Berlin.

1967 gehen in West-Berlin die Studenten auf die Barrikaden, die Kommune 1 gründet sich und während des umstrittenen Schah-Besuchs stirbt der Student Benno Ohnesorg durch eine Polizeikugel. In Ost-Berlin wird einepolitischeLiedgruppe von „Hootenanny-Klub“ in „Oktoberklub“ umbenannt. Die Mitbegründerin und spätere Liedermacherin, Bettina Wegner, erinnert sich an die Vereinnahmung der Singbewegung und ihren Widerstand dagegen. Die Charlottenburgerin Lilli Brandies hingegen erzählt von einem erfolgreichen Prostest. Die Bewohner des Kaiserdamms machen die Umbenennung in Adenauerdamm rückgängig. Im Westen wird das Farbfernsehen eingeführt.

1968 ist das Jahr der Studenten-Proteste gegen den Vietnam-Krieg und die Springer-Presse in West-Berlin. Das Attentat auf Rudi Dutschke löst die größte Straßenschlacht aus, die die Bundesrepublik bisher erlebt hat. Ost-Berlin wird erschüttert durch das gewaltsame Ende des Prager Frühlings. Bettina Wegner, damals Schauspiel-Studentin und gerade Mutter geworden, erzählt, wie sie mit Flugblättern gegen den Einmarsch erwischt und dann verhaftet wird. Jenseits allen Protests dreht Schauspieler Peter Alexander zusammen mit dem niederländischen Schlagersänger Heintje im Schlosspark Glienicke die Komödie „Zum Teufel mit der Penne“.

1969 geht in die Geschichte ein durch die Mondlandung und zum 20. Geburtstag der DDR die Eröffnung des Fernsehturms am Alexanderplatz in Ost-Berlin, mit 368 Meter bis heute das höchste Gebäude in Deutschland. Und US-Präsident Nixon kommt nach West-Berlin. Rias-Reporter Harro Zimmer erzählt, wie die Raumfähre Apollo 11 seine eigene Hochzeit überschattet. Zwei Jahre nach der Bundesrepublik wird in der DDR das Farbfernsehen eingeführt.