Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt – Rezension von Johannes Kösegi

Staffel 2 (1970-1979)

Fortsetzung der Stadtchronik der Superlative 

Wohl kaum eine Stadt weltweit hat eine so spannende Geschichte zu bieten wie die deutsche Hauptstadt Berlin. Besonders zur Zeit der Teilung wurde hier nicht nur Stadt- sondern Weltgeschichte geschrieben. Mittlerweile ist Berlin eine Metropole wie viele andere mit über drei Millionen Einwohnern.

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) erzählt in einer Chronik der Superlative die Geschichte Berlins in 40 mal 90 Minuten, Jahr für Jahr von 1961 bis 1999, vom Jahr des Mauerbaus bis zum Ende des Jahrhunderts, zehn Jahre nach dem Mauerfall. Ausgestrahlt in vier Staffeln wird im ständigen Gegenschnitt aus dem West- und Ost-Berliner Alltag berichtet. Herzstück der Dokumentationen sind die Archivmaterialien aus West und Ost, die gesamte Berichterstattung des Senders Freies Berlin (SFB) mit seiner Abendschau für den Westen und die Bestände des Deutschen Rundfunkarchiv (DRA) mit dem Filmmaterial des DDR-Fernsehens.So zeigen die Dokumentationen den Berliner Alltag auf beiden Seiten der Mauer. Die geteilte Stadt ist immer Weltstadt und Kiez, Weltpolitik und Alltag, Schauplatz kleiner und großer Geschichten. All das ist festgehalten in den Höhepunkten aus unzähligen Sendungen des Senders Freies Berlin (SFB) und des DDR-Fernsehens, jeweils unterschiedlich politisch gefärbt. Selbst viele Berliner werden hier noch viel Neues entdecken und lernen. 

Nach der Ausstrahlung der zweiten Staffel von „Berlin-Schicksalsjahre einer Stadt“ im RBB-Fernsehen in HD erscheinen alle Folgen in einer Box mit 10 DVDs bei rbb Media und Studio Hamburg. Bild- und Tonqualität des überwiegend historischen Filmmaterials lassen nichts zu wünschen übrig. Die zweite Staffel mit 10 Folgen hat eine Laufzeit von 880 Minuten und erzählt die bewegten Jahre von 1970 bis 1979. Die Filme entstanden unter der Regie von Thomas Zimolong, Tim Evers, Artem Demenok, Gabriele Denecke, Karoline Kleinert, Ulrike Gerster, Lutz Pehnert, und Ulf Kalkreuth,Sprecherin ist die beliebte Schauspielerin Katja Riemann.

Die 1970er Jahre sind ein Jahrzehnt des Aufbruchs, zwischen Fortschrittsglauben und Tradition, Freizügigkeit und Prüderie. Terror erschüttert die Stadt im Westen, Hoffnung auf Liberalisierung bewegt die Berliner im Osten. Die sozialliberale Entspannungspolitik sorgt für neue Nähe.Millionen Jugendliche treffen sich bei den Weltfestspielen der Jugend in Ost-Berlin, die West-Berliner erleben wie heute noch in der ganzen Stadt Wohnungsnot und wehren sich gegen eine Stadterneuerung, die oft Abriss bedeutet. Die Trimm-Dich-Bewegung löst eine Fitness-Welle aus, David Bowie wohnt in Schöneberg, die Disko-Welle rollt und in Ost-Berlin eröffnet der Palast der Republik.

1970 wird der Kaufhausbrandstifter Andreas Baader mit Hilfe der Journalistin Ulrike Meinhof in West-Berlin befreit und es schlägt die Geburtsstunde der RAF. Zwischen Sowjets und den Westalliierten kommt es zu Verhandlungen um den Status der geteilten Stadt. In West-Berlin sympathisiert der Musiker Reinhard Mey mit den Studentenprotesten. Neue Symbole gibt es im Osten der geteilten Stadt mit dem monumentalen Lenin-Denkmal und dem Vorzeigehaus „Interhotel Stadt Berlin“. Der angehende Journalist Hartmut König erzählt, wie er mit Liedtexten versucht, die DDR ein bisschen bunter zu machen.

1971 gibt es einen Machwechsel in Ost-Berlin. Der Saarländer Erich Honecker löst den Sachsen Walter Ulbricht ab. Zum ersten Mal seit 19 Jahren können Ost- und West-Berliner wieder miteinander telefonieren und Frank Schöbel erobert mit „Wie ein Stern“ den Schlagerhimmel. In West-Berlin demonstrieren Frauen unter dem Motto„Mein Bauch gehört mir“ gegen den Abtreibungs-Paragraphen 218. In Kreuzberg wird das erste Haus besetzt und der Hertha-Kapitän Uwe Witt erinnert sich an den größten Bundesliga-Skandal.

1972 besucht Kubas Regierungschef Fidel Castro die Hauptstadt der DDR.Ost-Berliner dürfen endlich ohne Visum nach Polen und in die CSSR reisen. Ein neues Passierscheinabkommen ermöglicht West-Besuche in Ost-Berlin und das DDR-Fernsehen startetdie neue Unterhaltungsshow „Ein Kessel Buntes“. Die Terrorvereinigung „Bewegung 2. Juni“ überzieht West-Berlin mit einer Reihe von Sprengstoffanschlägen und Banküberfällen. Der Name der Bewegung geht auf das Todesdatum von Benno Ohnesorg zurück, der bei einer Demonstration am 2. Juni 1967 in West-Berlin von dem PolizistenKarl-Heinz Kurraserschossen wurde. Nikolaus Pallat von der Band „Ton Steine Scherben“ erinnert sich an diese hochpolitische Zeit.Es war eine der einflussreichsten deutschenRockgruppen dieser Zeit. Frontmann und Sänger Rio Reiser war damals ein musikalisches Sprachrohr derLinksalternativen.

Die Schauspielerin Ruth Reinecke erinnert sich an die Hauptstadt der DDR im Ausnahmezustand während der Weltfestspielen der Jugend 1973. Für das „Woodstock des Ostens“ reist auch eine West-Berliner Delegation der Jungen Union unter Leitung von Klaus-Rüdiger Landowsky in den anderen Teil der Stadt. Die Ölkrise heizt die Benzinpreise an und führt zu drastischen politischen Sofortmaßnahmen. Autofreie Sonntage führen zu gähnender Leere auf der West-Berliner Stadtautobahn.Im Osten wird ein Palast zu Ehren der Republik gebaut, im Westen wird der sanierungsbedürftige Sportpalast abgerissen. 

1974 tritt Bundeskanzler Willy Brandt wegen eines Ost-Berliner Spions zurück. Seit 1969 wurde im Norden der Stadt auf einem ehemaligen Raketenschießplatz in der Jungfernheide gebaggert und gebaut. Am 1. November 1974 öffnet der neue Flughafen Tegel, der den traditionsreichen Flughafen Tempelhof ablösen soll. Doch in den ersten Monaten nach der Eröffnung dockt kaum ein Flugzeug an den modernen Fluggastbrücken an. Die Alliierten Airlines scheuen den Umzug von Tempelhof wegen der hohen Kosten.Probleme mit Flughäfen sind also nichts Neues in Berlin. Mit seinem Hit „Über den Wolken“ prägt Reinhard Mey den Freiheitsbegriff einer ganzen Generation auf beiden Seiten der Mauer. 

1975 wird der West-Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz von Terroristen entführt. Polizeipräsident Klaus Hübner erinnert sich,wie der Staat mit der „Bewegung 2. Juni“ über die Freilassung verhandelt hat.Der West-Berliner Senat verhängt ein Zuzugsverbot für Ausländer in den Stadtteilen Kreuzberg, Tiergarten und Wedding um Ghettobildung zu verhindern. Im Ost-Teil der Stadt wird mit einem Weltkongress das Internationale Jahr der Frau gefeiert. Die Ost-Berliner Journalistin Helga Niestroj berichtet von der Doppelbelastung als berufstätige Mutter und die vermeintliche Freiheit der Frauen in der DDR. 

1976 wird in Ost-Berlin der Palast der Republik feierlich eingeweiht, Rocklegende David Bowie zieht im Sommer nach West-Berlin und arbeitet in den Hansa-Studios. Toningenieur Eduard Meyer erinnert daran. Am 13. August 1976 feiert die DDR-Staatsführung 15 Jahre „Sicherung der Staatsgrenze“ und macht die Mauer an vielen Stellen noch dichter.Ende des Jahres weist die DDR-Regierung Wolf Biermann nach einem Konzert in Westdeutschland aus. Als einer der ersten unterzeichnet der DDR-Schriftsteller Rolf Schneider einen offenen Brief gegen diesen Vorgang und berichtet, wie damit eine Protestwelle ausgelöst wird. Auch der westdeutsche ARD-Korrespondent Lothar Loewe muss Ost-Berlin Ende des Jahres wegen kritischer Berichterstattung verlassen. 

1977 während des „Deutscher Herbstes“ erreicht der RAF-Terrorismus seinen Höhepunkt mit der „Offensive 77“. In Ost-Berlin wird Kaffee aufgrund gestiegener Weltmarktpreise zur Mangelware.Harte Drogen überschwemmen Deutschland. 1977 sterben in West-Berlin 84 Menschen an einer Überdosis Heroin. Das sind 30 mehr als 1976 und fast ebenso viele wie in den Jahren 1971 bis 1975 zusammen.Im West-Fernsehen geht die Vorabendserie „Drei Damen vom Grill“ an den Start und wird zum Quotenrenner.Der Schauspieler und Sänger Manfred Krug verlässt die DDR und die „Puhdys“ spielen zum ersten Mal in West-Berlin. 

1978 kommt die englische Queen zum zweiten Mal nach West-Berlin, und Freddie Mercury sorgt in der Deutschlandhalle für Begeisterung. In Marzahn am östlichsten Rand der Stadt wird der Schlüssel zur millionsten Wohnung von Staatschef Erich Honecker persönlich überreicht. Eine Flugzeugentführung in Tempelhof endet glimpflich.

1979 feiert die DDR ausschweifend ihr 30-jähriges Bestehen. Der ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen erinnert sich an den Besuch des sowjetischen Parteichefs Leonid Breschnews anlässlich der Feierlichkeiten in Ost-Berlin. Im anderen Teil der Stadt weiht die Architektin Ursulina Schüller-Witte das Internationale Congress Centrum (ICC) ein, das teuerste Gebäude in der Geschichte West-Berlins, und die Alternative Liste tritt zum ersten Mal bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus an. Der Sänger Toni Krahl von der Ost-Berliner Band „City“ berichtet vom Pendeln zwischen den Systemen, zwischen Auftritten in Ost und West.