„Die Regenschirme von Cherbourg“und „Die Mädchen von Rochefort“ – Rezension von Johannes Kösegi

Französische Musicalfilme von Jacques Demy

Einmal mehr zeigt das französisch-deutsche Filmlabel StudioCanal seine Markführerschaft bei Kultfilmen aus Frankreich. Die beiden originellsten französischen Musicalfilme erscheinen in einer Kollektion erstmals zusammen auf Blu-ray Disc. „Die Regenschirme von Cherbourg“ (1963) und „Die Mädchen von Rochefort“ (1967) sind Teil einer Trilogie, die 1961 mit „Lola, das Mädchen aus dem Hafen“ begann. Regisseur Jacques Demy wurde 1931 geboren und begann 1955 mit Kurzfilmen.

Mit seinem ersten Langfilm „Lola, das Mädchen aus dem Hafen“ erinnerte er an den Max-Ophüls-Film „Lola Montez“. 1964 konnte er endlich sein lang geplantes Musical „Die Regenschirme von Cherbourg“ umsetzen. Der Film ist nicht sein letzter Film mit gesungenen Dialogen, es folgen noch„Die Mädchen von Rochefort“ (1967) und „Ein Zimmer in der Stadt“ (1982). Musik war stets ein elementares und expressivesElement seines Schaffens. Später arbeitete er zeitweise auch in Hollywood, konnte aber nicht mehr an die frühen Erfolge anknüpfen. 1990 starb Jacques Demy an den Folgen von AIDS.

Der berühmte Musicalfilm „Die Regenschirme von Cherbourg“ wird bis heute von Filmkritikern als Demys Meisterwerk bezeichnet. Bereits unmittelbar nach seinem Erscheinen sorgte der Film für Furore, gewann in Cannes die Goldene Palme und wurde für insgesamt vier Oscars nominiert, darunter für die beste Musik. „Die Regenschirme von Cherbourg“ist das gelungene Ergebnis eines innovativen Experiments. Im ersten französischen Farbfilm im Rezitativstil wird jedes Wort von Gesangsprofis, nicht von den Darstellern, gesungen, mit Melodien des Chanson- und Jazz-Meisters Michel Legrand.Geneviève (Catherine Deneuve), die Tochter einer Witwe mit einer kurz vor der Pleite stehenden Regenschirmboutique und der Automechaniker Guy (Nino Castelnuovo) wollen heiraten, doch der Algerienkrieg leitet1957 ihr Leben in eine andere Richtung. Als Guy desillusioniert aus dem Militärdienst zurückkehrt, ist seine Freundin, die er schwanger zurückgelassen hatte, längst mit einem Diamantenhändler verschwunden. Demys bezauberndster Film blieb ein einmaliger Glücksfall für den Regisseur, der später oft als naiv und eskapistisch missverstanden wurde. Es ist ein Klassiker voller bittersüßer Wahrheit, Klugheit und Finesse.

Als Jacques Demy 1962 begann, mit „Die Regenschirme von Cherbourg“ an seiner eigenen Vorstellung einer Musicalverfilmung zu arbeiten, ging für ihn ein bereits lang gehegter Wunsch in Erfüllung, denn bereits „Lola, das Mädchen aus dem Hafen“ sollte ursprünglich gesungen werden. Im Gegensatz zu amerikanischen Filmmusicals, die meistnach Broadway-Vorlagen entstanden, schuf Demy eine eigene filmische Form. Alle Dialoge werden gesungen, ohne sich dabei einem einheitlichen Versmaß unterzuordnen oder Worte zu reimen. Es gibt keine Soloarien oder Duette, welche die Handlung unterbrechen und in Liedform die Gefühlswelten verdeutlichen könnten. Demys rezitativisch gesungenen Dialoge sind ganz anders, sie könnten auch gesprochen sein. Die Musik wurde vor den Dreharbeiten in monatelanger Arbeit mit dem Komponisten und mehrfachen Oscar-Preisträger Michel Legrand aufgenommen. Jede Figur hat ein eigenes musikalisches Thema mit an jeweilige Situationen angepassten Variationen. Am Set inszenierte Demy seine Schauspieler nach diesen musikalischen Vorgaben, ein Storyboard gab es nicht.Auch die Kulisse unterscheidet sich von herkömmlichen Musicals. Cherbourg ist eine typische Kleinstadt an der Küste mit engen Gassen, Hafenanlagen, Geschäften und Kneipen. Dabei spielen Farben und Tapeten, passend zu den Kostümen, eine besondere Rolle. Die Frauen sind eher in rosa, die Männer blaugrün oder schwarz-weiß gehalten.

Die logische Fortsetzung schuf Demy vier Jahre spätermit dem über zwei Stunden langenFilm „Die Mädchen von Rochefort“, wieder mit Catherine Deneuve in einer Hauptrolle. Unterstützt wird sie von dem berühmten amerikanischen Tänzer, Schauspieler und Sänger Gene Kelly („Ein Amerikaner in Paris“, „Singing in the Rain“). Die Stadt Rochefort bereitet sich auf ihre Feier zum 300-jährigen Jubiläum vor. Auch die wohl bekanntesten Zwillingsschwestern der Stadt, Delphine (Catherine Deneuve)und Solange (Françoise Dorléac), Besitzerinnen der ortsansässigen Ballettschule, werden mit einer Nummer auftreten. Sie sind auf der Suche nach ihrer großen Liebe und finden den Traum vom Glück. Auch in diesem Musicalfilm spielen die Farben eine bedeutende Rolle. Für die spezielle Farbdramaturgie wurden ganze Häuserfassaden in Weiß, Hellblau, Rosa, Türkis und Gelb gestrichen, passend zu den stilisierten Kostümen. Außer Danielle Darrieux wurden alle Protagonisten mit den Stimmen von Profisängern synchronisiert. Michel Legrand erhielt für seine Kompositionen 1969 eine Oscar-Nominierung für die beste Musik. Zwischen den Gesangsnummern gibt es in diesem Film auch Episoden, in denen nur gesprochen wird, ähnlich den deutschen Singspielen wie Mozarts „Zauberflöte“ oder Beethovens „Fidelio“.