Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn – Rezensionen von JOhannes Kösegi

Überzeugender Abenteuerfilm von 1938

Mark Twain (1835-1910) zählt zu den herausragenden Autoren der amerikanischen Erzählliteratur und gilt als Hauptvertreter des Realismus. Ernest Hemingway bezeichnete ihn als Vorbild der modernen amerikanischen Epik. Schon in seinen frühen reisejournalistischen Schriften entwickelte Twain die für ihn charakteristische antiromantische Satire, die von der Alten Welt bis zum fernen Westen der USA der Gesellschaft einen Spiegel vorhielt.Mit „Tom Sawyers Abenteuer“ schuf Mark Twain einen realistischen Bildungs- und Initiationsroman, der sogleich großen Erfolg erzielte und mit „Huckleberry Finns Abenteuer“ zu den bekanntesten Jugendbüchern zählt.

Der durch großen humoristischen Einfallsreichtum und eine an der Vortragskunst geschulte heimische Sprache geprägte Roman wurde nicht zuletzt durch die differenziert ausgestaltete Sprache der Jungen zum Klassiker der amerikanischen Jugendliteratur, der in unzählige Sprachen übersetzt wurde und weltweites Echo fand. Die beiden Romane über Tom Sawyer und Huckleberry Finn wurden in mehreren Ländern sehr oft verfilmt. 1938 brachte James Taurog eine 87-minütige Kinoversion heraus, die jetzt erstmals als ungeschnittene Fassung, abgetastet und restauriert vom 35-mm-Film bei Studio Hamburg erscheint. Die legendäre Lina Carstens, die 1968 im berühmten ZDF-Vierteiler von Wolfgang Liebeneiner die Tante Polly verkörperte, spricht hier die vertraute Synchronstimme derselben Rolle. Es ist die die dritte Verfilmung einer langen Reihe von weiteren Verfilmungen von 1917 bis 2013 um Mark Twains berühmte Titelhelden.

Tom Sawyer, lebt mit seiner Cousine Mary und seinem selbstgefälligen Halbbruder Sid bei seiner Tante Polly in einer kleinen Stadt am Ufer des Mississippi. Immer wieder muss Tante Polly, eine Frau mit einem großen Herzen, Tom zur Ordnung rufen, da er anderen nur allzu gern Streiche spielt. Eines Tages rauben Dr. Robinson, Indianer-Joe und Muff Potter angetrunken ein Grab aus.Während ihrer Aktion bricht ein Streit zwischen den Männern aus und Indianer-Joe ersticht Dr. Robinson.Kurze Zeit später findet der Mordprozess gegen den falsch verdächtigten Muff Potter statt. Dabei bringt sich ein kleiner Augenzeuge in Lebensgefahr.

In dieser relativ kurzen Verfilmung des langen Romans gelingt dem Drehbuchautor John V.A. Weaver eine subtile Balance, die der episodischen Struktur des Romans mit zahlreichen Charakteren und Nebenhandlungen Rechnung trägt und dennoch keine der wichtigsten erzählerischen Punkte auslässt, wenn es auch im Vergleich zum Roman einige dramaturgische Veränderungen gibt.Natürlich bleibt hier nicht so viel Zeit für alle Details wie im Fernseh-Vierteiler.

Es fällt auf, dass der Produzent David O. Selznick viel Sorgfalt darauf verwendete, den Film in den historischen Kontext zu stellen. Auch die Schauspieler wurden sehr passend ausgewählt. Die Geschichte war für Selznick schon ein Warmlaufen für den Filmklassiker „Vom Winde verweht“, der ein Jahr später ebenfalls in den Südstaaten spielte. Insgesamt ist Regisseur Taurog trotz der relativen Kürze und den unvermeidlichen Lücken ein visuell schöner Unterhaltungsfilm gelungen, wozu auch die perfekte Kameraführung beiträgt. Auf dem Filmfestival in Venedig 1938 wurde der Film als bester ausländischer Film ausgezeichnet.