Der zerbrochene Krug – Rezension von Johannes Kösegi

Fernsehaufzeichnung aus der Endzeit des DDR-Fernsehens

Immer wieder neue Schätze aus dem DDR-Fernseharchiv kommen als DVD ans Tageslicht. Besondere Verdienste haben sich dabei die Medienunternehmen Icestorm aus Berlin und Studio Hamburg gemacht. Bei Studio Hamburg erscheint jetzt erstmals eine Theaterinszenierung aus der Endphase des DDR-Fernsehens auf DVD. 1990, als die DDR schon Geschichte war und kurz vor der Abwicklung des DFF, wurde noch eine gelungene 105-minütige Aufzeichnung des berühmten Lustspiels „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist ausgestrahlt.

Der deutsche Dramatiker, Erzähler und Lyriker schrieb es 1808, die Uraufführung erfolgte unter der Regie des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe erfolgte am 2. März dieses Jahresam Hoftheater in Weimar.

Es gab zuvor schon mehrere gelungene Verfilmungen, am berühmtesten ist die von Gustav Ucicky aus dem Jahr 1937. Emil Jannings verkörpert hier unvergleichlich den Dorfrichter Adam. Weil dieser Film jedoch vom NS-Staat propagiert wurde, verboten ihn die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst. Derartige politische Vorbehalte gab es bei der ostdeutschen Produktion von 1990 nicht mehr, denn die DDR hatte zuvor schon viele erstklassige Literatur- und Theaterverfilmungen produziert, die politisch unbedenklich waren und auch im Westen geschätzt wurden. Somit ist es erfreulich, dass die großen Literatur-Klassiker jetzt wieder auf DVD zugänglich werden.

Ein wertvoller zerbrochener Krug aus dem Besitz der Witwe Marthe Rull (Ursula Karusseit) ist der Ausgangspunkt der Handlung dieses Lustspiels. Seine Scherben liegen verstreut im Zimmer ihrer Tochter Eve (Gudula Köster) herum. Frau Marthe hatte am Vorabend den Bauernsohn Ruprecht Tümpel (Reiner Heise) bei ihrer Tochter ertappt. Der wiederum wollte einen Fremden gesehen haben, der durch das Fenster aus Eves Zimmer fliehen wollte und dabei den Krug vom Kaminsims stürzte. Noch weiß niemand, dass es sich bei der geheimnisvollen Person um den Dorfrichter Adam (Horst Drinda) handelte. Für Frau Rull ist zwar der Verlust des Kruges ärgerlich, aber als der Fall vor Gericht kommt, will sie vorrangig Eves Ruf retten.Denn wenn publik werden sollte, dass Eve am selben Abend gleich zwei Mal männlichen Besuch hatte, würde man sie als Dirne bezeichnen. Richter Adam aber kommt nicht umhin, vor Gericht die Zeugin Brigitte (Karin Gregorek) zu hören. Diese trägt vor, dass sie eine Spur von Marthes Haus bis zur Hintertür des Gerichtshauses verfolgt und zudem die vermisste Perücke des Dorfrichters Adam gefunden habe. Adam setzt alle möglichen Taktiken ein, um zu verhindern, dass die Wahrheit an den Tag kommt. Doch schließlich sind die Indizien so belastend für ihn, dass ihm nur die Flucht bleibt. Und Eve, die neben Adam die Wahrheit kennt, erklärt ihr Verhalten letztlich damit, dass der Dorfrichter, wenn sie ihm gefügig wäre, zu verhindern gedachte, dass Ruprecht zum anstehenden Militärdienst in eine Kolonie einberufen werden würde. Von den Schauspielern ist Gunter Schoß als Gerichtsrat Walter erwähnenswert, weil er noch heute mit seiner markanten Stimme immer wieder zu sehen und hören ist.Hinter und neben der Kamera sind an dieser gelungenen Produktion beteiligt: Detlef Espey (Dramaturgie), Michael König (Szenenbild), Aenne Plaumann (Kostüme), Reiner Hofmann (Kamera), Uwe Hilprecht (Musik) und Gerd Keil (Regie).