Charlie Chaplin – Lost Movies Vol. 1 und Buster Keaton – Verflixte Gastfreundschaft – Rezension von JOhannes Kösegi

Ich darf heute wieder einige Rezensionen veröffentlichen, die mir per Mail übersandt wurden. Besten Dank! 

DVD-Neuveröffentlichungen der zwei größten Filmkomiker des 20. Jahrhunderts

Zwei DVDs mit Raritäten der zwei größten Filmkomiker des vergangenen Jahrhunderts erscheinen bei Studio Hamburg.Charlie Chaplin (1889-1977) zählt zu den einflussreichsten Komikern in der Filmgeschichte. Mit seinen Komödien möchte er das Publikum nicht nur zum Lachen bringen, sondern auch zum Nachdenken anregen. Ab seinem ersten Langfilm „Der Vagabund und das Kind“ (1921) wurden seine Stummfilm- und späteren Tonfilmkomödien zu Tragikomödien. Der Tramp, ein einsamer Außenseiter, muss in einer vom Fortschrittsglauben bestimmten, industrialisierten Welt immer um seine soziale Integration kämpfen.

Ein obdachloser Mann mit Schnauzer und Hut wird in „Goldrausch“ (1925) zur Leitfigur einer Zeit, die von Armut, Hunger und Verzweiflung geprägt ist. Anfangs wird das Thema der Unterdrückung eher allegorisch behandelt, später nimmt der Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Charlie Chaplin immer mehr Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen. Den Höhepunkt der Politisierung erreicht er in „Moderne Zeiten“ (1936) und „Der große Diktator“ (1940). Seine bekannteste Rolle ist der „Tramp“. Die von ihm erfundene Figur mit Zweifingerschnurrbart, übergroßer Hose und Schuhen, enger Jacke, Bambusstock in der Hand und zu kleiner Melone auf dem Kopf, mit den Manieren und der Würde eines Gentleman, wurde zu einer Filmikone. Das American Film Institute wählte Chaplin auf Platz 10 der größten männlichen amerikanischen Filmlegenden. Mit „Charlie Chapling – Lost Movies“ erscheint jetzt eine ganz besondere DVD-Edition. Erstmals werden in Deutschland ungeschnittene frühe Kurzfilme aus der Zeit von 1914-1917 mit einer Gesamtlaufzeit von 85 Minuten präsentiert, die durch die Interpathe-Sammlung Ihren letzten Schliff erhielten. Die Stummfilme enthalten englische Texttafeln, wahlweise mit deutschen Untertiteln. Die enthaltenen acht Filme aus der Keystone-Ära Chaplins gehören zu seinen frühesten Produktionen: „Der Reporter“, „Das Seifenkistenrennen“, „Charlie und die verdammte Liebe“, „Zwischen zwei Regenfällen“, „Charlie und der Film“, „Charlie als Tangotänzer“, „Herzlose Liebe im Schweigen“, „Jungfrau von oben“.

Neben Charlie Chaplin galt Buster Keaton (1895-1966) als einer der größten Filmkomiker des 20. Jahrhunderts. Mit einem ausgeprägten Sinn fürs Groteske schuf er einen schwarzen Humor, im Gegensatz zu Chaplin lächelt er fast nie. Einer seiner besten Filme erscheint jetzt bei Studio Hamburg erstmals in Deutschland auf DVD. Diese Fassung beinhaltet Szenen, welche vorher noch nie zu sehen waren. In „Verflixte Gastfreundschaft“ von 1923 (Spieldauer 64 Minuten) muss ein Mann Schutz bei denen suchen, die ihn zwar umbringen wollten, zugleich aber auch das Gebot der Gastfreundschaft hochhalten.Die Geschichte spielt in Amerika um 1810. Zwischen den Familien McKay und Canfield herrscht seit langem eine Blutfehde. Eines Nachts erschießen sich der Vater des einjährigen William McKay sowie der verfeindete James Canfield gegenseitig. Als einziger Überlebender seiner Sippe wächst William daraufhin bei seiner Tante auf, die im entfernten, noch provinziell wirkenden New York lebt.Zwanzig Jahre später ist William (Buster Keaton) volljährig geworden und bekommt den Landbesitz der McKays übertragen. Weil William nur einen groben Überblick von der Blutfehde hat, fährt er weitgehend unbedacht in die Heimat seiner Familie. Während der Fahrt verliebt er sich in Virginia (Natalie Talmadge), die zufällig mitreisende Tochter der feindlichen Familie Canfield. Sie lädt ihn in das Haus ihrer Familie ein. Doch Joseph Canfield (Joe Roberts), der Bruder des einst von Williams Vater erschossenen James Canfield und nun der Familienpatriarch, sinnt noch immer auf Rache. Virginias Brüder Clayton und Lee erkennen Williams Identität und trachten ihm nach dem Leben. Bei seinem Besuch im Haus der Canfields werden ihre Mordversuche allerdings vom traditionellen Gesetz der Gastfreundschaft gebremst, denn solange William das Haus nicht verlässt, darf er nicht angegriffen werden.

William, der erst nach einiger Zeit erfährt, dass es sich bei seinen Gastgebern um die Canfields handelt, bleibt tagelang bei ihnen. So können ihn Joseph und seine Söhne nicht erschießen. Außerdem stellt sich Williams Landsitz als kleine Hütte heraus, die nach 20 Jahren ohne Bewohner völlig verfallen ist. Nach haarsträubenden Gefahren und abenteuerlichen Verfolgungsjagden muss er Virginia an einem Wasserfall das Leben retten. Es gelingt William schließlich, die Fehde zu beenden, indem er das Mädchen ohne Wissen ihrer Familie mit Hilfe des alten Pfarrers heiratet. Zunächst ist Joseph Canfield wütend, doch dann sieht er ein Schild mit dem Titel „Love thy neighbor“ und willigt zum Frieden ein. Sie legen schließlich die Waffen beiseite, wobei sich herausstellt, dass William fast mit dem gesamten Waffenkabinett der Canfields ausgestattet war.

Dieser erster Langfilm Buster Keatons wirkt teilweise wie die Aneinanderreihung unverbundener Kurzfilmepisoden. Dennoch zeigt er bereits das große inszenatorische Genie des Komikers. Nach einem dramatischen Prolog nimmt das Erzähltempo langsam an Fahrt auf, dies im wahrsten Sinne des Wortes, denn gefilmte Bahnfahrten wie hier haben Keaton immer wieder fasziniert. In der zweiten Hälfte des Films erfolgt eine rasante Verfolgungsjagd mit vielen Ortswechseln. Keaton persifliert die vielgerühmte Gastfreundschaft, und stellt zugleich deren Doppelmoral bloß. Wie in den meisten Filmen Keatons fällt sein unbewegliches Gesicht und im Kontrast dazu sein beweglicher Körper auf. Nebenbei wurde sein erster Langfilm auch eine kleine Familienproduktion, neben Keatons Frau Natalie Talmadge sind auch sein kleiner Sohn als Säugling und sein Vater als Lokführer zu sehen.