3 Filme von Margarethe von Trotta – Rezension von Johannes Kösegi

Starke Frauenfiguren

Drei hervorragende Filme der Schauspielerin und Filmregisseurin Margarethe von Trotta aus den 1970er und 1980er Jahren erscheinen neu restauriert bei StudioCanal auf Blu-ray Disc. Starke Frauenfiguren waren der Schwerpunkt in ihrem Filmschaffen, was auch diese gelungene Auswahl deutlich macht. Margarethe von Trotta, unehelich geboren 1942 in Berlin, zog mit ihrer Mutter nach dem Krieg nach Düsseldorf, wo sie ihre Schulzeit verbrachte.

Während eines Aufenthalts in Paris lernte sie die Filme derNouvelleVague kennen. Zurück in Deutschland besuchte sie neben dem Studium der Romanistik und Germanistik eine Schauspielschule. Zunächst war sie an mehreren Theaterbühnen engagiert, ab 1967 auch als Filmschauspielerin. Sie spielte in vielen Produktionen des Neuen Deutschen Films unter Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder, Reinhard Hauff, Herbert Achternbusch oder Klaus Lemke.

Als Autorenfilmerin prägt Margarethe von Trotta das deutsche Kino maßgeblich und genießt nun schon seit mehr als vier Jahrzehnten internationale Bekanntheit für ihre Filme wie „Rosa Luxemburg“ (1985) oder „Hannah Ahrendt“ (2013). Als erste Filmemacherin überhaupt wird sie für „Die bleierne Zeit“ (1981) bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. 2019 erhält die Regisseurin, Schauspielerin und Autorin bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises den Ehrenpreis für ihre hervorragenden Verdienste um den deutschen Film. Ihren ehemaligen Mann Volker Schlöndorff lernt sie während der Dreharbeiten zu „Baal“ kennen. Mit ihm zusammen inszeniert sie 1975 „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (106 Minuten) nach dem Roman von Heinrich Böll.Dieser zeitlose und noch heute aktuelle Film wird zum ersten wirklichen Kassenerfolg des Neuen Deutschen Films. Auf einer Karnevalsparty lernt die junge Katharina Blum (Angela Winkler) den attraktiven Ludwig Götten(Jürgen Prochnow) kennen und verliebt sich in ihn. Sie ahnt nicht, dass Ludwig als Deserteur und Anarchist gesucht wird. Die Nacht, die sie mit ihm verbringt, verändert ihr Leben für immer. Ihre Wohnung wird durchsucht, sie wird verhaftet, verhört und erniedrigt. Die Boulevardpresse, allen voran der Sensationsjournalist Tötges (Dieter Laser), startet eine gnadenlose Hetzkampagne gegen die einfache Frau, veröffentlicht Details aus ihrem Privatleben und stilisiert sie zur Verbrecherin. Gedemütigt und ihrer Ehre beraubt, wird Katharina schließlich zur Mörderin. Die eindringliche Inszenierung glänzt durch eine exzellente Besetzung, allen voran Angela Winkler in ihrer ersten großen Rolle, die für ihre beeindruckende Vorstellung ebenso wie die hervorragende Kameraführung mit dem Filmband in Gold geehrt wurde. Als Extras gibt es ein umfangreiches Booklet, Erinnerungen von Margarethe von Trotta, Volker Schlöndorff und Produzent Eberhard Junkersdorf und aus „Deutschland im Herbst“ (1978) die Episode „Die verschobene Antigone“.

Wie in diesem Dokumentarfilm stehen die Veränderungen gesellschaftlicher Machtverhältnisse während des deutschen Herbstes auch im Zentrum des Films „Die bleierne Zeit“ (1981, 107 Minuten). Die fiktionale Filmhandlung orientiert sich an der Geschichte der beiden Ensslin-Schwestern und schildert deren unterschiedliche Versuche der Revolte gegen ein als repressiv empfundenes System. Geboren im Krieg als Pastorentöchter und aufgewachsen in der „bleiernen Zeit“ der 1950er Jahre, kämpfen beide im Zug der 68er Bewegung für gesellschaftliche Veränderungen. Die ältere Julia (Jutta Lampe) lehnt sich schon als Kind gegen die Zwänge auf und erhofft sich später als Redakteurin einer feministischen Zeitschrift gesellschaftliche Veränderungen durch andauernden Widerstand gegen festgefahrene Strukturen Die jüngere Marianne (Barbara Sukowa) ist in der Kindheit ein ideales harmoniebedürftiges Mädchen, schließt sich aber später dem revolutionären Kampf mit terroristischen Gewalttaten an. Von Trotta verzichtet bewusst auf spektakuläre Actionszenen und stellt mehr das Verhältnis der beiden Schwestern ins Zentrum, in Gegensätzen und Verbundenheit. Marianne stirbt im Gefängnis, Juliane will ihren Tod aufklären und droht sich dabei zu isolieren. Erst als sie sich um Mariannes Sohn kümmert, findet sie wieder zurück in die Gesellschaft. Dieser beeindruckende Film ist keine realistische Biografie der Ensslin-Schwestern, sondern eine politische und sozialpsychologische Analyse dieser für die deutsche Nachkriegsgeschichte schwierigen Phase. Neben vielen Auszeichnungen war „Die bleierne Zeit“ auch eine der Lieblingsfilme des großen schwedischen Regisseurs Ingmar Bergmann. DiesesFilmsdrama erscheint nach aufwendiger 4K-Restaurierung vom Original-Negativ erstmals als Blu-ray Disc. Die Special Edition beinhaltet neben Interviews mit Margarethe von Trotta und Barbara Sukowa auch ein umfangreiches Booklet mit Hintergründen zum Film.

Passend zum 100. Todestag der berühmten und mutigen Freiheitskämpferin Rosa Luxemburg erscheint eine Special Edition von Margarethe von Trottas Historienfilm „Rosa Luxemburg“ (1986, 122 Minuten) ebenfalls erstmals auf Blu-ray Disc. Bis heute wird sie vor allem von linken Politikern als Märtyrerin verehrt und alljährlich mit einer Kranzniederlegung gewürdigt. Anfang des 20. Jahrhunderts avanciert Rosa Luxemburg (Barbara Sukowa) zur populärsten Verfechterin eines humanen Sozialismus und wird zur Symbolfigur der Arbeiterbewegung. Nach dem Zerwürfnis mit der SPD bleiben ihr einzig Clara Zetkin (Doris Schade) und Karl Liebknecht (Otto Sander) als Mitstreiter. Prozesse, Gefängnisaufenthalte und politische Unruhen prägen ihre letzten Lebensjahre. Am 15. Januar 1919 werden die KPD-Begründer Luxemburg und Liebknecht ermordet, doch ihre Werte haben noch heute eine ungebrochene Aktualität. Der Film zeigt einergreifendesPorträt einer couragierten und kompromisslosen Frau, der die Sache wichtiger war als Personen. Der Film der „Frauenspezialistin“ von Trotta erhielt 1986 den Deutschen Filmpreis für den besten Film, Barbara Sukowa bekam für ihre eindrucksvolle Leistung das Filmband in Gold und die Goldene Palme als beste Darstellerin. Die Special Edition enthält als Bonus neue Interviews mit der Regisseurin und der Hauptdarstellerin.