„Rio Grande“ (1950) und „12 Uhr mittags“ (1952) – Rezension von Johannes Kösegi

Der Western gilt als das klassische Genre des Hollywood-Kinos. Wie kein anderes verkörpert es die historisch entstandene Mythologie Amerikas als „Gunfighter-Nation“. Dies zeigt sich vor allem im Mythos der Frontier, der Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation im Zuge der Eroberung des Indianerlandes durch die Weißen und dem Mythos der permanenten Regeneration Amerikas im Kampf des Guten gegen das Böse.

Die historischen Handlungen der meisten Western liegen in der Zeit zwischen 1776, dem Gründungsjahr der USA, und dem Industriezeitalter, als das weite Land allmählich kultiviert und mit Festungen, Dörfern und Städten besiedelt wurde. Die meisten Western spielen während der Züge von Osten nach Westen mit der historischen Landnahme durch die weißen Einwanderer. Leider wurde die Bekämpfung der Indianer, die dadurch ihrer Lebensgrundlagen beraubt wurden und sich dagegen zur Wehr setzten, bis in die 1950er Jahre ideologisch legitimiert. Dadurch gibt es kaum Western, die ohne Gewaltszenen auskommen. Besonders beliebt sind actiongeladenen Standardsituationen wie Überfall, Verfolgungsjagd und ritueller Shootout, sowohl zwischen Weißen und Indianern, als auch zwischen guten und bösen Weißen. Diese Motive spinnen sich wie ein roter Faden durch fast alle klassische Western, von denen StudioCanal jetzt zwei der besten neu auf Blu-ray Disc herausbringt. Diese beiden Filme offenbaren immer wieder neue Nuancen und Varianten des beliebten Genres, bedingt durch die Kulissen, Charaktere der Schauspieler und filmische Sprache der Regisseure.

In „Rio Grande“ (1950), nach „Bis zum letzten Mann“ und „Der Teufelshauptmann“ der letzte Teil von John Fords Kavallerie-Trilogie, imponiert der amerikanische Filmheld John Wayne als texanischer Kavallerieoffizier Yorke, der aus einer blutigen Fehde mit den Apachen keinen anderen Ausweg mehr sieht als eine riskante Überquerung des Flusses Rio Grande an der mexikanischen Grenze. Kathleen (Maureen O’Hara) lebt mit ihrem Sohn Jefferson getrennt von dessen Vater, Lieutenant Kirby Yorke. Dieser verteidigt an der mexikanischen Grenze ein Fort gegen die wiederholten Überfälle der Apachen. Sein Vorgesetzter erlaubt ihm jedoch nicht, die Indianer über den Rio Grande nach Mexiko zu verfolgen. Als Jeff in die Garnison seines Vaters versetzt wird, den er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat, um an dessen Seite die Indianer zu bekämpfen, protestiert Kathleen, kann ihn jedoch nicht davon abbringen und beschließt infolgedessen, ebenfalls als Wäscherin in den Militärfort einzuziehen. Während die nicht wirklich freiwillig zusammengeführte Familie im Fort ihre Streitigkeiten austrägt, rüsten die Indianer zum spektakulären Großangriff. Als Extras gibt es ein Making-of und den Trailer.

Fred Zinnemanns vierfach Oscar-prämierter Westernklassiker „12 Uhr mittags – High Noon“ (1952) mit der bezaubernden Grace Kelly und Gary Cooper in seiner vielleicht besten Rolle erscheint ebenfalls in neuer HD-Qualität und mit umfangreichem Bonusmaterial, darunter die Dokumentationen „Inside High Noon“, „Behind High Noon“ und „Making of High Noon“. Sheriff Kane (Gary Cooper) von Headleyville heiratet Amy (Grace Kelly) und will ihr zuliebe seinen Beruf aufgeben. Denn sie gehört den Quäkern an, die jede Art von Gewalt ablehnen. Am Tag der Hochzeit wird bekannt, dass Frank Miller (Ian MacDonald), den Kane vor fünf Jahren ins Gefängnis gebracht hat, sich mit drei Freunden in Headleyville treffen will, um sich an Kane zu rächen. Der will diese Affäre zunächst erledigen, doch Amy hat kein Verständnis dafür und will allein abfahren. Kanes Mitbürger lehnen jede Unterstützung ab und raten ihm zur Flucht. Als die vier Gangster um zwölf Uhr mittags mit dem Zug ankommen, ist Kane auf sich allein gestellt. Nur Amy hilft ihm in letzter Sekunde. Schließlich siegt das tapfere Paar, Kane wirft seinen Mitbürgern seinen Sheriffstern hin und reist mit Amy in der Kutsche ab. Dieser Muster-Western machte das uramerikanische Filmgenre auch außerhalb der USA gesellschaftsfähig. Modellhaft nach den klassischen Regeln sind Geschichte und Charaktere gestrickt, der pflichtbewusste Sheriff als Einzelgänger, seine zweifelnde Frau, die bösen Rächer und die passiven Bürger, die den Helden im Stich lassen. Der wie Billy Wilder und Otto Preminger aus Österreich stammende Regisseur Fred Zinnemann hat öfter einsame Helden wie hier dargestellt. Seine Filme handeln von Wahrheit, Moral, der Kraft der Liebe und vertrauen auf die Stärke eines Individuums. Dessen Sieg wird jedoch nicht leicht errungen, denn in den entscheidenden Momenten zuvor sind die Helden oft sehr einsam. Eine solche Situation sorgt in diesem klassischen Western für eine wirkungsvolle Spannung, die kulminiert, als Sheriff Kane allein auf der Straße steht und auf seine vier Kontrahenten wartet, während die Kamera sich langsam von ihm fortbewegt. Diese symbolhafte Szene diente später vielen Imitatoren als Vorbild.