Holocaust – Rezension von Johannes Kösegi

Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss

Legendäre Fernsehserie erstmals auf Blu-ray Disc

Zum 40-jährigen Jubiläum der vieldiskutierten US-amerikanischen Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ gab es eine erneute Ausstrahlung der deutschen Fassung in drei ARD-Regionalsendern im Nachtprogramm und dem ARD-Spartensender „One“ zur Hauptsendezeit. Nun erscheint der komplette Vierteiler digital bearbeitet bei polyband Medien erstmals auf Blu-ray Disc.

Zu der regulären Laufzeit von 415 Minuten kommt noch ein zehnminütiger Epilog, der in Deutschland bislang nicht zu sehen war. Die alten Filmbilder wurden der Zeit angepasst und vom damaligen TV-Format 4:3 in das aktuelle 16:9 umgewandelt. Für Puristen gehen dadurch leider etwas Bildinformationen an den horizontalen Rändern verloren, was der direkte Vergleich mit der 2011 erschienen DVD-Edition zeigt. Dieser Verlust wird jedoch mit der deutlich besseren Auflösung des HD-Formates kompensiert. Nur in den Fernsehwiederholungen gab es HD-Qualität im vollen 4:3-Format zu sehen. Die Erstausstrahlung im Januar 1979 sorgte in Deutschland für eine breite Zuschauerresonanz von totaler Ablehnung bis zur hellen Begeisterung. In einer Zeit, in der rechtsnationale politische Ansichten wieder zunehmend salonfähig werden und zum Teil noch immer die Verbrechen der Nazis verharmlost oder relativiert werden, ist dieser Stoff immer noch hochaktuell. Denn nur noch wenige der Überlebenden der Konzentrationslager können uns davon heute authentisch ein Zeugnis geben.

Das bahnbrechende TV-Ereignis erzählt von der Verfolgung und Vernichtung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland über den Zeitraum von etwa zehn Jahren an einem exemplarischen Beispiel. Die jüdische Arztfamilie Weiss gerät in die Mordmaschinerie des NS-Staates, während ein eiskalter Jurist als ein Hauptgegenspieler dadurch zu Einfluss und Karriere gelangt. Den Filmemachern ist es gelungen, die Geschichte dieser Musterfamilie an vielen Schauplätzen des Verbrechens zu erzählen. Sie beginnt ganz zuversichtlich in Berlin 1935 mit der Hochzeit von Karl Weiss und Inga Helms. Beide sind deutsche Staatsbürger, aber Karl ist Sohn einer jüdischen Familie. Wenig später werden die Nürnberger Gesetze erlassen, die sogenannte Mischehen als Rassenschande unter Strafe stellen. Dennoch bleibt die Familie Weiss in Deutschland. Noch kann sich niemand den Schrecken vorstellen, mit dem die Nationalsozialisten ihre jüdischen Mitbürger drangsalieren werden. Doch dann beginnt mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 die grausame Verfolgung der Juden. Die meisten Schauplätze der Handlung sind in Osteuropa, vom Warschauer Ghetto bis zur Massenexekution von Juden im ukrainischen Babyn Jar. Typisch für diese Verfilmung ist das Gegenüber von Gut und Böse wie in einem Western. Den Juden, dargestellt vor allem in der weitverzweigten Familie Weiss, wird ein typischer blonder blauäugiger Musternazi gegenübergestellt, der mit der Zeit immer skrupulöser bei der Verfolgung der „Endlösung“ wird. Erik Dorf steigt vom arbeitslosen Juristen zum hocheffizienten Organisator der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie auf. Josef Weiss und seine Familie werden nach Polen deportiert. Schließlich kommen bis auf eine Ausnahme alle Familienmitglieder in den Vernichtungslagern um.

Die Serie führte bereits bei Ihrer Erstausstrahlung zu gemischten Gefühlen bei den Zuschauern. Keine Serie in der deutschen Fernsehgeschichte hat zuvor so heftige Reaktionen ausgelöst. In einer Zeit noch ohne Internet riefen viele Zuschauer beim Sender an. Ältere Fernsehzuschauer haben die beeindruckenden Bilder noch heute vor Augen. Es ist doch ein ganz anderer Zugang, als wenn man es nur aus Schulbüchern gelernt hat. In vielen Familien gab es heftige Diskussionen unter den Generationen, ob die Älteren selbst etwas mitbekommen hatten oder gar beteiligt waren an den Gräueltaten. Auch zuvor hatte es Dokumentationen im Fernsehen oder Ausstellungen zu diesem Thema gegeben, aber erst dieser unmittelbare Zugang machte richtig betroffen und löste Emotionen aus, gleich wie man dazu stand. Den zuweilen erhobenen Vorwurf von Gefühlsduselei und Kitsch kann man heute kaum mehr verstehen. Denn die Filmemacher halten sich trotz der teilweisen Sentimentalität an überlieferte Fakten und stellen die historischen Ereignisse so detailgetreu wie möglich dar. Von den über 400 Sendeminuten ist keine überflüssig, denn immer wieder werden neue Details vorgestellt. Nicht zuletzt durch die prominente Besetzung mit Oscar-Preisträgerin Meryl Streep, James Woods und Michael Moriarty wurde „Holocaust“ mit acht Emmy Awards und zwei Golden Globes ausgezeichnet.