„In einem Jahr mit 13 Monden“ und „Die dritte Generation“ – Rezension Johannes Kösegi

Rainer Werner Fassbinder war der produktivste und umstrittenste Regisseur des Neuen Deutschen Films. In der Radikalität seiner Themen und Darstellungsformen ist er mit Jean-Luc Godard von der NouvelleVague vergleichbar. Nach seiner erfolglosen Bewerbung an der Filmakademie hat der Autodidakt Fassbinder zwischen 1966 und 1982 nicht weniger als 44 Inszenierungen für Kinoleinwand und Fernsehbildschirm geschaffen, die maßgeblich die Entwicklung des deutschen wie des internationalen Films beeinflusst haben.

Als Enfant terrible des Neuen Deutschen Films galt er doch als dessen größter Erzähler. Denn er war neben der Regie meist auch für Drehbuch, Ausstattung und Schnitt verantwortlich. Viele Filme des 1982 mit nur 37 Jahren verstorbenen Filmemachers sind bereits auf Blu-ray Disc erschienen. StudioCanal bringt jetzt in seinem Label „Arthaus“ zwei aufwendig restaurierte Fassbinder-Filme aus den 1970er Jahren erstmals auf Blu-ray Disc heraus. Beide sind wegen der Radikalität ihrer Aussagen und Bilder von der FSK erst ab 16 Jahren empfohlen.

Das über zweistündige Kino-Epos „In einem Jahr mit 13 Monden“ von 1978 zeigt das tragische Schicksal der transsexuellen Elvira Weishaupt und die einschneidenden Begegnungen während der letzten fünf Tage ihres Lebens. Durch die aktuelle Gender-Diskussion und das mittlerweile amtlich zugelassene dritte Geschlecht hat Fassbinder vor vierzig Jahren fast wie ein Prophet gewirkt. In mehrfacher Hinsicht scheint er mit dieser Geschichte Autobiographisches verarbeitet zu haben. Jedes siebente Jahr ist ein Jahr des Mondes, in denen besonders viele Menschen an Depressionen leiden. Wenn aber ein Mondjahr gleichzeitig noch ein Jahr mit dreizehn Neumonden ist, wie es 1978 der Fall war, kommt es zu persönlichen Tragödien. So findet die Frankfurter

Transsexuelle Elvira in ihrer neuen Existenz kein Glück. Vom Liebhaber verlassen, von der Freundin verraten, von einem alten Freund abgewiesen, rekapituliert sie ihr Leben. Die Wirkung der Aussagen wird durch die intensive Darstellung der „Fassbinder-Truppe“ um Volker Spengler („Die Sehnsucht der Veronika Voss“, „Der Unhold“), Ingrid Caven(„Martha“, „Des Teufels Paradies“, „Zwischensaison“), Gottfried John („Lili Marleen“, „Berlin Alexanderplatz“, „Bin ich schön?“), Eva Mattes („Woyzeck“, „Herbstmilch“, „Schlafes Bruder“) und Isolde Barth („Rosenstraße“, „Lola“) noch verstärkt.

Über das in den 1970er Jahren in der alten BRD allgegenwärtige Thema des Links-Terrorismus hat Fassbinder 1979 diefast zweistündige schwarze Komödie „Die dritte Generation“ gemacht. Sie handelt von einer ahnungslosen Gruppe von Möchtegern-Terroristen und wurde 1979 in Cannes uraufgeführt. Damit zeigt Fassbinder einmal mehr, dass er sich als produktivster und vielseitigster Repräsentant des Neuen Deutschen Films beruflich wie privat vor allem in der Rolle des Rebellen wohlfühlt. Auch hier bilden Emotion, künstlerisches Kalkül und Sensibilität sowie handwerkliche Perfektion eine gelungene Symbiose. Da offizielle Stellen dem Film wegen des hochexplosiven Stoffes damals die finanzielle Unterstützung verweigerten, produzierte ihn Fassbinder auf eigenes Risiko, indem er Schulden machte. In West-Berlin verüben einige gelangweilte Aussteiger aus Protest eine Reihe von Anschlägen. Dabei ahnen die Möchtegern-Terroristen nicht, dass sie manipuliert werden. Ein internationaler Computerkonzern nutzt ihre Aktionen geschickt für seine eigenen Zwecke. Denn schließlich soll der Staat gezwungen werden, neue Fahndungscomputer zu kaufen. Neben Fassbinders bekannten Schauspielernwie Hanna Schygulla („Lilli Marleen“, „Warum läuft Herr R. Amok?“) und Volker Spengler („Die Sehnsucht der Veronika Voss“, „Der Unhold“) sind auch internationale Stars wie Eddie Constantine („Panische Zeiten“, „Der Schnüffler“, „Europa“) und Bulle Ogier („Der diskrete Charme der Bourgeoisie“, „Céline und Julie fahren Boot“, „Das weite Land“) mit von der Partie. Nach seiner Premiere in Cannes wurde „Deutschland im Herbst“ auch von amerikanischen und französischen Kritikern gepriesen. (14.02.2019).