ERSTE „FEDERICO FELLINI EDITION“ AUF BLU-RAY DISC – REZENSION VON JOHANNES KÖSEGI

Neun Meisterwerke von 1953 bis 1980 mit einigen BD-Premieren

Nicht nur in seiner italienischen Heimat wird Federico Fellini (1929-1993) wie ein Heiliger verehrt. Er zählt zu den überragenden Regisseuren des 20. Jahrhunderts, der viele Kollegen beeinflusst und begeistert hat, darunter Woody Allen, Pedro Almodóvar, Martin Scorsese, Andrej Tarkovskij, David Lynch, Roman Polanski, Luis Buñuel, Ingmar Bergman und Stanley Kubrick.StudioCanal würdigt Fellinis Lebensleistung 25 Jahre nach dessen Tod mit einer großen Blu-ray-Edition. Vierundzwanzig Filme umfasst sein künstlerisches Schaffen als Regisseur, von denen hier neun Meisterwerke aus der Zeit von 1953 bis 1980 mit einer Gesamtlaufzeit von 1186 Minuten enthalten sind.

Neben filmischen Extras mit geschnittenen Szenen und Dokumentationen gibt es als Bonus ein Booklet mit vielen Hintergrundinformationen.Die Edition enthält folgende Filme:Die Müßiggänger (1953), La Strada (1954), Die Schwindler (1955), La Dolce Vita (1960), 8½ (1963), Fellinis Satyricon (1969), Fellinis Roma (1972), Fellinis Casanova (1976), Fellinis Stadt der Frauen (1980). Die Nächte der Cabiria (1957) ist nur in der ebenfalls neuen DVD-Edition enthalten. Unter den Darstellern finden sich Größen wie Marcello Mastroianni, Giulietta Masina, Anita Ekberg, Claudia Cardinale, Anouk Aimée, Donald Sutherland und Anthony Quinn.

Fellinis Sicht auf das Leben als ein Abenteuer voller Rätsel und Träume ist in allen seinen Filmen gegenwärtig. Zeitlebens sieht er die Welt mit den Augen eines neugierigen und staunenden Kindes. Die Figur des Zirkusclowns beeindruckt ihn seit seiner Kindheit. Bereits als Siebenjähriger soll er von zuhause ausgebrochen sein, um sich einem Wanderzirkus anzuschließen. Seit dem frühen Auszug von seiner Familie in Rimini wird das Fluchtmotiv wichtig für seine künstlerische Arbeit. Sein Ziel ist die ewige Stadt Rom, von der er oft wie von einer Frau erzählt. In seiner zweiten Heimat Cinecittà schafft er sich mit Schauspielern und Mitarbeitern eine Ersatzfamilie. Nach der Schulzeit arbeitet er zunächst als Journalist und Karikaturenzeichner. Diese Erfahrungen bringt er später in vielen Filmen ein, in denen er Satiren der italienischen Gesellschaft zeichnet und den allgegenwärtigen Katholizismus kritisiert. Er ist jedoch weder Rebell noch Außenseiter oder Eigenbrötler. Politisch bezieht er keine Position, deshalb bekommen seine Werke je nach Tendenz Lob und Tadel entweder aus der linken oder katholischen Ecke. Prägend wird seine Zusammenarbeit mit seinem Freund und Lehrmeister Roberto Rossellini, für den er anfangs Drehbücher schreibt. Neben den Hauptmotiven Widerstand, Leid und Flucht werden seit seiner Begegnung mit einem Psychoanalytiker auch Träume wichtig für seine Kunst. Nun verbindet er seinen scharfen satirischen Blick mit Bildern von Tagträumen. Seine herausragend fotografierten Filme sind oft geprägt von opulenten Bildern. Prächtige Dekors, extravagante Kostüme und ein kontrastreiches Schwarzweiß oder eine vielfältige Farbgestaltung lassen die inneren Traumwelten des Regisseurs lebendig werden. In seinen Filmen mischt Fellini gekonnt Realität, Träume und Visionen zu einzigartigen Gesamtkunstwerken. Bei seinen Darstellern bevorzugt er Gesichter, aus denen man würdevolle Karikaturen machen kann. Es sind oft Menschen am Rand der Gesellschaft wie Arme, Huren, Verbrecher, Nymphomaninnen, Zwerge oder Krüppel.

Als Fellini 1950 sein Debüt als Regisseur für „Lichter des Varieté“ gibt, hat er bereits an zahlreichen Drehbüchern mitgewirkt und sich nicht nur als Vertreter des Neorealismus einen Namen gemacht. In seinem berühmtestem Film „La Strada“ feiert seine Frau Giulietta Masina ihren großen Durchbruch. Als naive Gelsominawird sie von dem jähzornigen Jahrmarktartisten Zampano (Anthony Quinn) für wenig Geld gekauft und als Mädchen für alles engagiert. Er missachtet sie und tötet einen Seiltänzer, mit dem sie sich angefreundet hat. Am Ende bereut er alles und zeigt sogar Gefühle. Fellini will auf die Ausbeutung der Frau durch den Mann und die Kraft der Liebe, die einen Menschen ändern kann, aufmerksam machen. Auch in „Die Nächte der Cabiria“ sieht sich Masina als Straßenmädchen in der Opferrolle von Männern, die sie betrügen und es nur auf ihr Geld abgesehen haben. Hier ist sie zwar kämpferischer als in „La Strada“, aber schließlich auch ohne Erfolg. Ihre Botschaft ist, nie die Hoffnung aufzugeben. Neorealistische Milieustudien in Rom und seinen tristen Vorstädten prägen viele Filme Fellinis. Daneben gibt es Schauplätze wie in „Die Müßiggänger“, die an seine Kindheit in Rimini erinnern. In einer Provinzstadt am Meer schlägt eine Gruppe junger Männer die Zeit mit Lärmen, Billardspiel und Spazierengehen tot. Selten ist Langeweile so eindringlich dargestellt worden, und das ohne viel Worte und große Gesten. Eine ähnlich triste Szenerie herrscht in „Die Schwindler“ vor, wenn ein älterer Ganove als falscher Geistlicher das arme Landvolk beraubt. Als er einem Opfer aus Mitleid das Diebesgut wieder zurückgeben will, wird er von seinen Komplizen verprügelt und muss einen qualvollen Tod sterben. „8½“ ist Fellinis fast autobiografische Selbstreflexion über einen Filmregisseur in einer Schaffens- und Existenzkrise. Viele Szenen und Figuren seiner früheren Filme erscheinen in dieser Mischung aus Wirklichkeit und Traum.

In zwei Filmen zeigt Fellini auf besondere Art seine Sicht auf die Geschlechter. Die Männerfiguren vereinsamen oft in ihren sexuellen Träumen. Bei den Frauenfiguren gibt es zwei Typen, jungfräuliche Unschuld und spöttische Hure oder Superweib. In „Casanova“ entlarvt er den Mann schonungslos als eine Fehlkonstruktion, wenn der Frauenheld schließlich selbst ein Opfer seines sexuellen Leistungsdrucks wird. Auf satirische Weise wird hier nicht ein Abbild des echten Casanova gezeigt, sondern eine männliche Liebesmaschine, die nach Fellinis Worten nie aus dem Mutterleib herausgekommen ist. Gänzlich zur Farce wird der begehrende Mann in „Stadt der Frauen“, wo der Schürzenjäger Snaporaz (Marcello Mastroianni) in einer surrealen Traumfantasie in einem Feministinnen-Kongress landet, wo er verhöhnt und gedemütigt wird. In dieser von Frauen dominierten Welt wird er mit sexuellen Fantasien, Vorurteilen und Ängsten konfrontiert. Am Ende erwacht er eingeschüchtert. Das gegenüber „Casanova“ langsamere Tempo zeigt hier bereits Fellinis Spätstil. Diese mustergültige Edition enthält fast alle wichtigen Filme Fellinis erstmals in HD-Qualität und gehört in die Sammlung jedes ernsthaften Cineasten (01.02.2019).