Reclam Stilepochen des Films: Der NS-Film – Rezension von Johannes Kösegi

Filmkunst in Deutschland zwischen 1933 und 1945

Von Johannes Kösegi

Was in älteren Kunstformen wie Musik, Malerei oder Literatur schon längst üblich ist, die Einteilung der Werke in Epochen, entwickelt sich in der relativ jungen Filmkunst erst allmählich. Hier kann nicht in Jahrhunderten, sondern höchstens in Jahrzehnten gerechnet werden. Die Reclam-Reihe „Stilepochen des Films“ möchte bestimme Stilepochen der Filmgeschichte näher vorstellen. Der besondere Ausdruck bezüglich Thematik, Form, Gedanken und Ästhetik hat sich oft in nationalen Filmkategorien herausgebildet. Für den frühen deutschen Film etwa wird gerne das Schlagwort „Expressionismus“ verwendet. Die Buchreihe möchte das Unterschiedliche einer Epoche auf Gemeinsamkeiten hin untersuchen. Filme sollen in ihrer Epoche und mit ihrer Ästhetik betrachtet werden. Dabei werden die wichtigsten prägenden Filme stellvertretend vorgestellt und interpretiert. Somit dienen die Bände auch als Nachschlagewerk und Filmführer. Nach dem Auftakt über den Neuen deutschen Film widmet sich der zweite Band den deutschen Kinofilmen während des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945. Weitere Bände sind geplant zum Weimarer Kino, Classical Hollywood, Realismus, Nouvelle Vague, New Hollywood und dem Neuen Ostasiatischen Kino.

Das Spektrum der etwa 1200 Spielfilme, die während der NS-Zeit in Deutschland entstanden sind, ist erstaunlich breit. Es umfasst Komödien, Liebesfilme, Lustspiele, Operetten, Revuefilme, Filme nach historischen oder literarischen Stoffen sowie Dramen, die Ereignisse überhöhen und verdichten, um das nationale und politische Gewissen zu stärken. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Umbau des Filmwesens systematisch vorangetrieben. Bereits im Juni 1933 entstand die Filmkreditbank, die bis 1937 fast 50% aller Spielfilme vorfinanzierte. Dazu wurden alle Vertreter der Filmindustrie noch 1933 der Reichsfilmkammer unterstellt unter der Führung des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels. 1934 trat das Lichtspielgesetz in Kraft, das die Möglichkeit vorgab, die Filmproduktion „nach den Bedürfnissen der Nation“ auszurichten. Dabei ging es um die Prüfung der Drehbücher mit dem Verbot aller Projekte, die dem „Geist der Zeit“ zuwiderliefen.

Auch filmtechnisch gab es in dieser Zeit einen Umbruch, denn in die Jahre 1929-1931 fällt die Umstellung des Stummfilms zum Tonfilm. So kamen erhebliche Investitionen auf die Produktionsfirmen und Kinobesitzer zu. Viele waren damit überfordert und wurden deshalb nach und nach von den Studios Terra, Tobis oder Ufa übernommen. Für den heimischen Markt reagierte die deutsche Filmindustrie auf die wirtschaftliche und politische Krise mit zahlreichen Tonfilmkomödien und -operetten. Beispiele dafür sind Wilhelm Thieles „Die Drei von der Tankstelle“ (1930) oder Erik Charells „Der Kongress tanzt“ (1931). Der kurzfristige Erfolg dieser Komödien konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der deutsche Film infolge der Weltwirtschaftskrise und der damit einhergehenden gesunkenen Exportzahlen in einer Krise befand.

In den Jahren des Übergangs von 1933 bis 1935 war die erste Phase des NS-Film einerseits charakterisiert durch Werke, die noch Ende der Weimarer Republik geplant und budgetiert, oft sogar gedreht waren, darunter dem absoluten Meisterwerk von 1933, dem Sittengemälde um eine junge Liebe vor dunkler Vergangenheit und um falsche Moralkodizes in einer sterbenden Gesellschaft, „Liebelei“ nach Arthur Schnitzler von Max Ophüls. Andererseits waren diese ersten Jahre geprägt von einer gewissen Unentschlossenheit, weil den NS-Machthabern zunächst ein schlüssiges Filmkonzept fehlte. Doch bereits im Juni 1933 mit „SA­Mann Brand“ (Regie Franz Seitz) thematisierte der erste Film die Zeit unmittelbar vor der Machtübernahme Hitlers. Es folgten im Herbst „Hitlerjunge Quex“ (Regie Hans Steinhoff) und „Hans Westmar“ (Regie Franz Wenzler), die den Mythos zweier Märtyrer der Kampfzeit zelebrierten.

In den Jahren 1935 bis 1939 gab es eine Reihe von Korrekturen in der Politik des NS-Films, um sie dem „Geist der Zeit“ anzupassen. Dazu wurde die anfangs bevorzugte Sparpolitik verändert und die deutschen Stars vor und hinter der Kamera wurden wieder hofiert. 1938 verordnete die Reichsregierung sogar Steuererleichterungen für prominente Filmkünstler, die dadurch 40% ihrer Einnahmen als Werbungskosten absetzen konnten. 1937 begann durch die sukzessive Verstaatlichung der Filmindustrie der wohl wichtigste Schritt in die von Goebbels angestrebte Gleichschaltung, auch wenn das Risiko weiterhin bei den Studios blieb. Vorwand dafür war eine erneute Krise der Filmwirtschaft. Seit die Wünsche des Regimes nach völkischen Produktionen für den Binnenmarkt befolgt wurden, boykottierten viele ausländische Staaten deutsche Filme. Ab 1938 lag die Kontrolle der wichtigsten Film- und Verleihfirmen in den Händen des NS-Regimes. Ein Problem dabei aber blieb, dass die Produktionskosten im Durchschnitt von 250 000 RM im Jahr 1933 auf 425 000 RM 1936 und 537 000 RM 193730 gestiegen waren. Die Zahl der interessanteren, im Sinne des Regimes eher überzeugenden Filme ist allerdings überschaubar, allen voran ohne Zweifel Harlans „Der Herrscher“ (1937), der die Geschichte eines Industriemagnaten als Hinwendung zum Führer-Prinzip erzählt.

In den ersten Kriegsjahren von 1939 bis 1943 tritt die Propaganda mit politischen Aufputschfilmen verstärkt in den Vordergrund. Paradebeispiele für diese Zeit sind „Der ewige Jude“ oder „Jud Süß“, aber es gibt auch ein Kontrastprogramm mit „Immensee“ oder „Wiener Blut“. Nach der Schlacht bei Stalingrad ging es mit dem Deutschen Reich schnell bergab. Künstlerisch entstanden jedoch in der Zeit des Niedergangs (1943 bis 1945) noch einige bedeutende zeitlose Werke, die man auch noch heute betrachten kann. Dazu zählen neben der heute noch sehr beliebten „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann die Filme „Romanze in Moll“ oder „Große Freiheit Nr. 7“ von Helmut Käutner.

Kurz aber informativ werden die wichtigsten Regisseure vorgestellt, darunter Veit Harlan („Jud Süß“, „Opfergang“, „Immensee“), Rolf Hansen („Damals“), Helmut Käutner („Unter den Brücken“) oder Wolfgang Liebeneiner („Ich klage an“). Nach der Präsentation der wichtigsten Genres (Komödien, Musikalische Lustspiele, Historienfilme, Melodramen) wird ausführlich auf gemeinsame Stilmerkmale der NS-Filme eingegangen. Nach der ausführlichen Einleitung folgen sorgfältig recherchierte Analysen ausgewählter Filme in chronologischer Reihenfolge mit detaillierten filmografischen Angaben. Hier eine kleine Auswahl: „Hitlerjunge Quex“, „Viktor und Viktoria“, „Triumph des Willens“, „Olympia“, „Der Berg ruft“, „Friedrich Schiller“, „Bismarck“, „Ohm Krüger“, „Münchhausen“, „Die Feuerzangenbowle“, „Opfergang“ und „Kolberg“.

Zu jedem Kapitel und jedem Film gibt es umfangreiche Literaturverzeichnisse, sodass dieser für jeden verständlich geschriebene gelbe Reclam-Band auch für Film- und Medienwissenschaftler geeignet ist.

Friedemann Beyer, Norbert Grob, Norbert (Hrsg.): Stilepochen des Films – Der NS-Film; Reclam Ditzingen; 456 Seiten; ISBN: 978-3-15-019531-4; 14,80 Euro