Michael Wersin: Am Anfang war der Dreiklang – Eine Harmonielehre mit Hörbeispielen auf CD – Rezension von Johannes Kösegi

Wir alle kommen täglich mit Musik in Berührung, ob wir wollen oder nicht. Sei es die Titelfanfare der Tagesschau oder Berieselung im Kaufhaus. Aber am liebsten nehmen wir bewusst die Musik wahr, die uns erfreut. Für alle Musikliebhaber, Hobbymusiker, Kirchenchorsänger und viele andere Laien hat Michael Wersin im Reclam- und Carus-Verlag eine Art Volks-Harmonielehre herausgebracht. Sie erklärt auf einfache und verständliche Weise, wie sich aus einem einfachen Dreiklang im Lauf der Musikgeschichte komplexe Harmoniefolgen entwickelt haben. Wer kein Klavier zur Verfügung hat, kann sich die 99 Musikbeispiele auch auf dem CD-Spieler oder Computer anhören. Denn ohne Töne gibt es keine Musik, was besonders in der Harmonielehre wichtig ist.

Im Gegensatz zu den für die professionelle Musikerausbildung geschaffenen Fachbüchern möchte diese Einführung in der Vorstellung des Autors eher ein Lesebuch als ein Arbeitsmittel sein. Michael Wersin wurde 1966 in Bielefeld geboren. Er studierte in München Gesang, Gehörbildung, Chordirigieren und Musikwissenschaft und ist am Konservatorium Feldkirch (Vorarlberg) als Professor für Musikgeschichte, an der Musikhochschule Luzern als Gastdozent und am Priesterseminar „Germanicum“ in Rom als Stimmbildner und Sprecherzieher beschäftigt. An der diözesanen Kirchenmusikschule St. Gallen ist er Dozent und Studienleiter der klassischen Kirchenmusikstudiengänge. Bei der St. Galler Dommusik leitet er das Profiensemble „Cappella Vocale“ und ist verantwortlich für eine Barockkonzert-Reihe. Darüber hinaus schreibt er für das deutsche Klassik-Magazin RONDO.

In diesem Buch wird auf Übungen bewusst verzichtet. Dafür nutzt der Autor die Gelegenheit von den abstrakten Tönen und Klängen auch in benachbarte Fächer wie Philosophie, Theologie oder Geisteswissenschaften zu schauen. So spielt Arthur Schopenhauer ebenso eine Rolle wie der fünfte Evangelist der Musik, Johann Sebastian Bach, dessen Choräle harmonisch betrachtet alles andere als einfache vierstimmige Liedsätze sind. Bach ist auch harmonisch der Gipfelpunkt des Barock und der Zeit davor, und zugleich der Ausgangspunkt für alles Folgende.

Lobenswert ist, dass nur reale Beispiele aus der Musikgeschichte von Orlando di Lasso bis Claude Debussy ausgewählt sind, um nicht akademische Übungen im Trockenschwimmen zu veranstalten, wie es leider oft in der musikwissenschaftlichen Literatur und Praxis vorkommt. Nicht die Menge der Musikbeispiele ist hier entscheidend, sondern die richtige Auswahl, falls nötig auch in voller Länge, wie etwas Schumanns Lied „Im wunderschönen Monat Mai“. Anhand der konkreten Beispiele werden, nach Epochen gegliedert, die in der Harmonielehre bedeutenden Begriffe systematisch entwickelt und zusätzlich satztechnische Probleme erklärt. Dazu gehören etwa die verschiedenen Arten von Drei- und Vierklängen mit ihren Umkehrungen, außerdem wichtige im klassischen Satz auftretende Phänomene wie Durchgänge, Dissonanzen mit ihrer richtigen Auflösung, Quintfallsequenzen mit Septim- oder Sixt-aoutée-Akkorden, außerdem verschiedene Darstellungsweisen harmonischer Verläufe (Stufentheorie, Funktionstheorie, Generalbass). Schließlich dürfen auch alternative Skalen nicht fehlen wie die pentatonische Skala oder die Ganztonleiter, wie sie gerne von Impressionisten wie Debussy und Ravel angewendet werden. Was in diesem Buch so gut wie gar nicht erwähnt wird, ist die komplizierte Jazz-Harmonik, die ein eigenständiges kompliziertes Kapitel der Harmonielehre ausmacht.

Fazit: Dreiklänge und ihre Erweiterungen gehören zu den elementaren musikalischen Ausdrucksmitteln. Ohne Dreiklang keine Kadenz, keine von Harmonien bestimmte musikalische Form. Mit dem Dreiklang begann es, dann erweiterten sich die harmonischen Ausdrucksformen im Laufe der Musikgeschichte. Im 19. Jahrhundert beispielsweise bringt Richard Wagner in seinem berühmten Tristan-Akkord die klassische Dreiklangharmonik ins Wanken. Im 20. Jahrhundert schließlich löst sich die Dreiklangharmonik auf. Michael Wersin dokumentiert in seiner historischen Harmonielehre diese Entwicklung von den Anfängen im Frühbarock über Bach, Haydn und Schumann bis in die Moderne mit Debussy. Technische Details betrachtet er nicht isoliert. Für ihn sind sie vielmehr wesentliche Elemente der Musik, die ihr erst ihre eigentliche Ausdruckskraft verleihen. Die Hörbeispiele auf der beiliegenden CD machen es leicht, die Erläuterungen akustisch nachzuvollziehen. Wer Musik liebt, wer selbst musiziert, lernt hier, harmonische und satztechnische Zusammenhänge zu verstehen. Und ganz nebenbei gewinnt er ein tieferes Verständnis von Musik überhaupt und hört von nun an alle Klänge ganz anders. (Johannes Kösegi)

Michael Wersin: Am Anfang war der Dreiklang – Eine Harmonielehre mit Hörbeispielen auf CD; Carus-Verlag und Philipp Reclam jun. GmbH; 134 Seiten; ISBN: 978-3-15-011025-6; 19,95 Euro