Sidney Lumets „Network“ erstmals auf Blu-ray Disc – Rezension von Johannes Kösegi

Drama und Mediensatire mit Weitblick

Es gibt wenige Spielfilme mit einer derart prophetischen Aussage wie „Network“ von Sidney Lumet (1924-2011). Bereits im Jahr 1976 sah er viele Dinge voraus, die sich bis heute gehalten haben und aktueller denn je sind. Auf eine satirisch bitterböse Art wird hier die amerikanische total kommerzialisierte Fernsehindustrie entlarvt. Sie hat seit Ende der 1980er Jahr auch die deutsche Fernsehlandschaft bis heute negativ beeinflusst. Denn auch die einst so seriösen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wurden inzwischen von der Quotenjagd und Profitsucht infiziert. In der Folge wurden viele Trivialformate eingeführt, die das Niveau des einstigen Qualitätsfernsehens „Made in Germany“ stark absenkten.

Das Drehbuch von „Network“ stammt von Paddy Chayefsky, der wie Regisseur Sidney Lumet, lange für das Fernsehen gearbeitet hat. Chayefsky, der schon mit seinem Drehbuch für „Hospital“ gezeigt hatte, dass ihm der satirische Blick auf die amerikanische Gesellschaft liegt, gelang mit „Network“ ein wortgewandter Angriff auf die Zustände der amerikanischen Gesellschaft am Beispiel eines gnadenlosen Quotenkriegs im Kommerzfernsehen, für den im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gegangen wird. Der mehrfach preisgekrönte Film wurde von Sidney Lumet brillant umgesetzt, der schon mit seinem Debütfilm „Die zwölf Geschworenen“ (1958) oder „Mord im Orient-Express“ (1974) bewiesen hatte, dass er zu einem der amerikanischen Großmeister des Films gehört. Trotz des satirischen Blicks in den Spiegel wurde „Network“ vom Mainstream-Hollywood mit je vier Oscars und Golden Globes ausgezeichnet, darunter posthum für Peter Finch („Robin Hood und seine tollkühnen Gesellen“, „Die Herrin von Thornhill“, „Sunday, Bloody Sunday“) als bester Hauptdarsteller, Faye Dunaway („Bonnie und Clyde“, „Thomas Crown ist nicht zu fassen“, „Chinatown“) als beste Hauptdarstellerin, Paddy Chayefsky für das beste Originaldrehbuch und Beatrice Straight als beste Nebendarstellerin. Nicht zuletzt wegen seiner zeitlosen Aktualität wählte das American Film Institute „Network“ zu einem der 100 wichtigsten Filme des Jahrhunderts. Umso mehr erfreut es Filmfans, dass StudioCanal in seinem Arthaus-Label diesen Medien-Klassiker erstmals auf Blu-ray Disc herausbringt. Zu der Spielfilmlänge von zwei Stunden kommt noch mehr als das Doppelte an Zeit für das Bonusmaterial zusammen: das sechsteilige Making-of „Tune in next Tuesday – A visual essay by Dave Itzkoff“, die Dokumentation „Network: By Walter Cronkite“, Videomaterial aus der TV-Show „Dinah!“, ein Audiokommentar von Regisseur Sidney Lumet und ein Kinotrailer.

Als dem Nachrichtenmoderator Howard Beale (Peter Finch) von seinem Arbeitsgeber, dem Sender Union Broadcasting System (UBS), aufgrund schwacher Quoten gekündigt wird, macht er seinem Ärger live im Fernsehen Luft. Seine emotionalen Tiraden auf Missstände und Ungerechtigkeiten kommt beim Publikum bestens an. Die Resonanz von Medien und Zuschauern ist enorm und die neue Programmchefin Diana Christensen (Faye Dunaway) kann UBS Chef Frank Hackett (Robert Duvall) überreden, Beale mit der neuen „Howard-Ceale-Show“ eine weitere Chance zu geben. Beale macht als „TV-Prediger“ Karriere, doch während Erfolg und Quoten wachsen, verliert er immer mehr den Verstand. Sein Satz „Ich bin total irre, und ich nehme das nicht mehr hin“ wird zum geflügelten Wort des Films. Auch hier gelten die eisernen Gesetzte eines brutalen Marktes, nach dem der Ruhm im Showbusiness flüchtig und das Überleben aller Angestellten und Programme nur von den Quoten abhängig ist. Kurz vor seiner Entlassung wird Beale zum entfesselten und scharfzüngigen Propheten. Als er sich, ohne es zu merken, als Lautsprecher eines Industriemagnaten missbrauchen lässt und dafür seinen göttlichen Zorn verliert, sinkt das öffentliche Interesse an seiner Show mit manipulierten Nachrichten. Um ihn loszuwerden, beschließen einige Programmverantwortliche, vor allem die aufstrebende und ehrgeizige Produzentin Christiansen, ihn vor laufender Kamera erschießen zu lassen. In Deutschland gab es bereits 1970 den WDR-Fernsehfilm „Millionenspiel“, der ähnlich realistisch den Werteverfall des deutschen Fernsehens mit Quotenjagd, Reality-TV und völliger Kommerzialisierung vorwegnahm. Leider wurde die Realität später noch schlimmer.

In weiser Voraussicht nimmt „Network“ nebenbei vieles vom Aufstieg und Geschäftsgebaren aktueller Machthaber in sogenannten Demokratien voraus und ist somit bis heute hochaktuell. Selten sind die negativen Folgen der Globalisierung und endlosen Profitsucht so treffend beschrieben worden, und dies zu einer Zeit, als noch niemand etwas von Facebook und Twitter ahnen konnte. Nicht zuletzt sorgen in dieser schwarzen Komödie die glänzend agierenden Schauspieler für den hohen künstlerischen Wert und großen Erfolg. 22.07.2018.