Ausser Atem – Bericht von Johannes Kösegi

Außer Atem – 60th Anniversary Edition –

Luxuriöse Neuausgabe in höchster Qualität

Der Franzose Jean-Luc Godard, einer der innovativsten Regisseure der Filmgeschichte, feiert am 3. Dezember 2020 seinen 90. Geburtstag. Für sein Lebenswerk erhielt er bereits vor zehn Jahren den Ehren-Oscar, obwohl ihm das Hollywood-Kino stets zuwider war. Denn der Spross einer wohlhabenden französisch-schweizerischen Familie kritisierte schon immer das Mainstreamkino aus rein ökonomischem Kalkül, wie es besonders in Hollywood betrieben wird. Er war der radikalste Vertreter einer Gruppe von französischen Filmemachern – außer ihm waren noch Claude Chabrol, Jacques Rivette, Eric Rohmer und François Truffaut dabei – die mit der „Nouvelle Vague“ („Neue Welle“) Ende der 1950er Jahre die Filmwelt revolutionierten und auch deutsche Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder beeinflussten.

Für sie ist der Filmemacher Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion, um seine subjektive Kreativität auszudrücken. Dazu gehören ungewöhnliche Kameraeinstellungen, eine neue Tondramaturgie und oft noch unbekannte Schauspieler. Da viele der französischen Erneuerer nebenbei Filmkritiker waren, kannten sie die Genrefilme etwa von Alfred Hitchcock oder John Ford und bauten in ihren Filmen oft Versatzstücke dieser Klassiker ein. Diese intellektuelle Filmkunst setzt ein gut informiertes und zur Reflexion fähiges Publikum voraus, um die oft komplizierten Erzählungen mit ihren Andeutungen zu verstehen. Zu Godards rundem Geburtstag und gleichzeitig zum 60. Jubiläum hat StudioCanal sein revolutionäres Erstlingswerk „Außer Atem“ aufwändig in 4K restauriert und bringt es mit vielen neuen Extras auf Blu-ray Disc heraus. Das Drehbuch entstand nach einer Vorlage von François Truffaut, das Meisterwerk wurde ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären in Berlin für die beste Regie und dem Prix Jean Vigo.

„Außer Atem“ mit dem jungen Jean-Paul Belmondo macht Godard 1960 schlagartig bekannt. Es ist der Beginn seines innovativen Stils, der aus dem traditionell erzählenden Kino ein modernes Medium zur Kommunikation mit dem Zuschauer macht. Bereits hier zeigt sich der gern benutzte Mix verschiedener Filmgenres, hier eines amerikanischen Gangsterfilms und einer Romanze. Auffällig sind die vielen Zitate aus Kunst-, Musik- und Filmgeschichte, die in fast allen seinen Werken vorkommen. Durch die Einbeziehung von Passanten auf den Straßen von Paris gewinnt der Film an Realität und Spontaneität.

Der Bonvivant Michel Poiccard (Jean-Paul Belmondo) ist ein Gauner, Rebell, Draufgänger und ständig auf der Jagd nach Vergnügen. In einer gestohlenen Luxuslimousine gerät er auf dem Weg nach Paris. in eine Geschwindigkeitskontrolle. Ein Polizist stellt ihn und wird von Michel kaltblütig erschossen. Auf der Flucht vor dem Gesetz taucht er bei Patricia, einer amerikanischen Studentin und Zeitungsverkäuferin, die Journalistin werden will, unter. Sie wird dargestellt von der US-Amerikanerin Jean Seberg, die seitdem eine Ikone der Nouvelle Vague wird. Michel versucht Geld für die gemeinsame Flucht nach Italien zu beschaffen. Aber der Kreis der Polizei wird immer enger. Patricia wird von der Polizei verhört und unter Druck gesetzt und muss sich schließlich entscheiden für ihre Karriere oder den Liebhaber. So benachrichtigt sie die Polizei, als Michel morgens die Wohnung verlässt und warnt ihn. Er wird trotzdem gestellt, hat zwar einen Revolver, aber die Polizei schießt zuerst.

Zusätzlich zum eineinhalbstündigen Hauptfilm gibt es viele teils neu produzierte Extras: Featurette „Immer noch nicht außer Atem“ (ca. 30 Min.), Dokumentation „Zimmer 12, Hôtel de Suède“ (ca. 79 Min.), Jean-Luc Godard im Gespräch mit Mike Hodges (Folge der erfolgreichen britischen Kultursendung TEMPO auf ITV, 1965, ca. 17 Min.), Einführung von Godard-Experte Colin MacCabe, Autor und Professor für Film (BFI, University of Pittsburgh), Interview mit Jefferson Hack (Herausgeber Dazed & Confused) über seine Beziehung zum Film und neuer Trailer.