Zwingli – Der Reformator – Rezension von Johannes Kösegi

Historiendrama über den Kampf um eine neue Weltordnung

Im Reformationsjahr 2017 wurde weltweit vor allem die Leistung Martin Luthers gewürdigt. Dabei kam vielleicht etwas zu kurz, dass neben ihm als zweifellos bedeutendstem Reformator auch schon vor und während seiner Zeit bedeutende Mitstreiter die Machenschaften der damals noch mächtigen katholischen Kirche anzweifelten und dagegen vorgehen wollten. In der Schweiz wirkten Johannes Calvin (1509-1564) in Genf und Ulrich Zwingli (1484-1531) in Zürich als wichtige Vertreter der Reformation. Über letzteren ist nun der etwa zweistündige Spielfilm „Zwingli – Der Reformator“ aus der Schweiz bei Lighthouse Entertainment auf Blu-ray Disc erschienen.

Sein Lebenswerk machte ihn weltbekannt und vor 500 Jahren neben Martin Luther zu einem der wichtigsten Reformatoren der katholischen Kirche. Mit scharfem Verstand analysierte er das religiöse und soziale System, prangerte Missstände an und forderte die Mächtigsten seiner Zeit heraus: „Hört auf, nur von Gott zu schwatzen“, predigte er auf der Kanzel, „tut um Gottes willen etwas Tapferes“. Zwinglis Ideen einer sozialen Gesellschaft, die sich um die Armen und Kranken kümmert und die Rechte von Frauen und Kindern schützt, sind bis heute aktuell. Mit einem Budget von 6 Millionen Franken zählt der Film zu den zwwanzig erfolgreichsten Schweizer Kinospielfilmen der letzten 40 Jahre. Die Produktionsgesellschaft Eikon hat schon ähnlich erfolgreiche Filme wie „Luther“, „Katharina Luther“ oder „Bonhoeffer – Die letzte Stufe“ herausgebracht.

Ulrich Zwingli war nach dem Studium der freien Künste und der scholastischen Theologie in Wien und Basel ab 1506 für zehn Jahre Pfarrer in Glarus und in dieser Zeit auch Feldprediger. 1516 wurde er Leutpriester in Maria Einsiedeln und ab 1519 am Großmünster in Zürich. Hier setzt die Filmhandlung ein. Die junge Witwe Anna Reinhart (Sarah Sophia Meyer) führt ein karges Leben zwischen Gottesfurcht und Sorge um die Zukunft ihrer Kinder, als die Ankunft des jungen Priesters Ulrich Zwingli (Max Simonischek) in der Stadt für Aufruhr sorgt. Er entfacht mit seinen Predigten gegen die Missstände in der katholischen Kirche heftige Diskussionen. Seine revolutionären Gedanken machen Anna Angst. Als sie aber beobachtet, wie Zwingli Nächstenliebe lebt und nicht nur predigt, gerät sie mehr und mehr in seinen Bann. Doch Zwinglis Erfolg wird rasch gefährlich. Seine Ideen lösen beinahe einen Bürgerkrieg aus und es entbrennt ein Kampf um Macht und Deutungshoheit. Als sich die katholischen Kräfte international zu formieren beginnen, wird die Beziehung von Zwingli und Anna auf eine harte Probe gestellt.

In diesem fein inszenierten Film stehen weniger die theologischen Aspekte bei Zwingli im Vordergrund, sondern eher die zwischenmenschlichen Ereignisse in seinem Umfeld. Nur indirekt aus seinen Predigten kann man erfahren, dass er geprägt war von einem auf Vernunft und Moral begründeten Christentum eines Erasmus von Rotterdam. Darüber hinaus entwickelte er über das Studium von Paulus und Augustinus sowie unter dem Eindruck persönlicher Erlebnisse, darunter seiner Erkrankung in der Pestzeit, ein darüberhinausgehendes reformatorisches Verständnis des Evangeliums. Darauf aufbauend formulierte Zwingli unabhängig von Martin Luther und konsequenter als dieser ein kirchliches Reformprogramm, das er 1523 in Zürich im Bündnis mit dem Rat der Stadt verwirklichte. Die reformatorische Bewegung breitete sich von Zürich in die deutschsprachige Schweiz aus als eigenständiger Zweig der Reformation. Zwinglis Versuch, die Reformation in der ganzen Schweiz durchzusetzen führte zu politischen Konflikten mit den katholischen Kantonen und schließlich zum zweiten Kappeler Krieg, in dem Zwingli ums Leben kam. Bewusst zeigt der Film diese blutigen Schlachtszenen nicht direkt. So erzählt Regisseur Stefan Haupt Zwinglis Leben nicht aus dessen Sicht, sondern aus der Perspektive seiner Ehefrau Anna. Sie ist anfangs stark dem katholischen Glauben verbunden und erfährt in ihrer Entwicklung am eigenen Leib, was Wandel zur Selbstbestimmung bedeutet. Dem Aufruf des reformatorischen Glaubenssatzes „sola scriptura“ folgend, wandelt sie sich von einer passiven zu einer aktiven Frau, die in der Lage ist, ihre Ängste abzulegen, und ihr Leben selbst zu bestimmen. Mit Anna zeigt der Film Zwingli als komplexen Menschen, der weit mehr ist als eine historische Figur. „Zwingli – Der Reformator“ wird so zu einem Film über Mut und Visionen, den Kampf für die eigenen Ideale und die Frage, ab welchem Zeitpunkt man noch für die Sache kämpft, oder sich bereits selbst verrät.

Regisseur Stefan Haupt möchte mit seinem von der Filmbewertungsstelle mit dem „Prädikat besonders wertvoll“ ausgezeichneten Historiendrama darauf hinweisen, dass Zwinglis humanistische Gesinnung, sein soziales Gewissen sowie Einsatz für Bildung und religiöse Ansichten die weltweite protestantische Bewegung stärker geprägt haben als weithin bekannt. Es ist lobenswert, seine Ideen wieder ins Bewusstsein zu rufen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.