Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ als Special Edition – Rezension von Johannes Kösegi

Umstrittenes Meisterwerk von 1988

Martin Scorseses gut zweieinhalb Stunden langer Bibelfilm „Die letzte Versuchung Christi“ erscheint bei StudioCanalals Special Edition auf Blu-ray Disc. Das meisterhaft inszenierte und umstrittene Werk von 163 Dauer mit Willem Dafoe(„Der Leuchtturm“, „The Florida Project“) als Jesus, Harvey Keitel („Madame“, „Grand Budapest Hotel“) als Judas und Barbara Hershey („Insidious“, „Black Swan“) als Maria Magdalena brachte dem Regisseur 1989 eine Oskar-Nominierung als bester Regisseur. Als Extras gibt es ein Interview mit Martin Scorsese, den Originaltrailer und ein informatives Booklet.

Nach dem großen kommerziellen Erfolg seines Thrillers „Haie der Großstadt“ konnte der Italo-Amerikaner Martin Scorsese 1988 endlich ein Filmprojekt verwirklichen, auf das er jahrelang hingearbeitet hatte: „Die letzte Versuchung Christi“. Weil Proteste von bibeltreuen Christen zu erwarten waren, bestand die produzierende Universal darauf, dass der Film nicht als Bibelfilm, sondern als Adaption des gleichnamigen Romans von Nikos Kazantzakis vermarktet werden müsse. Das passte in Scorseses Konzept, denn er wollte einen Gegenpol zu den früheren monumentalen Bibelfilmen Hollywoods setzen, indem er in einer politisch brisanten Zeit einen menschlichen Jesus Christus präsentierte. Der Regisseur bemerkt dazu: „Das Interessante am Roman von Kazantzakis ist die Tatsache, dass Jesus zunächst als ein Mensch geschildert wird, und deshalb erfährt und versteht er an einem gewissen Punkt den Verlust, die Sehnsucht und andere Gefühle und Schwächen, die als rein menschlich empfunden werden. Bei Kazantzakis kämpft Jesus mit seinem menschlichen Naturell, während er mit Gott einig wird. Wegen der zwei Seelen in ihm, der menschlichen und der göttlichen, ist jeder Augenblick seines Lebens Konflikt und Sieg.“

Jesus wird hier weniger als der strahlende Christkönig gezeigt, sondern eher als ein Zwiespältiger, den Zweifel an seinem Sendungsauftrag lebenslang begleiten. Am Kreuz nach der Verurteilung durch Pontius Pilatus (David Bowie) überfällt ihn die „letzte Versuchung“. Ein Engel in Gestalt eines Kindes verkündet ihm, dass er nicht sterben müsse. Gott würde auf dieses Opfer verzichten, wie er es im Alten Testament beim Opfer Isaaks durch Abraham getan habe. Jesus steigt sodann halluzinierend vom Kreuz herab. Er heiratet anschließend Maria Magdalena und nach deren Tod Maria aus Bethanien (Randy Danson) und Martha (Peggy Gormly). Jesus altert somit als Mensch und stirbt nicht als junger Mann. Als er im Alter seinen Tod herannahen sieht, begegnet ihm der aus dem brennenden Jerusalem flüchtende Judas. Der ehemalige Verräter Jesu führt den Meister wieder auf den Weg. Jesus kehrt ans Kreuz zurück und stirbt voller Freude mit den bekannten Worten „Es ist vollbracht“.

Es ist nicht überraschend, dass diese Traumversion zu unzähligen Protesten und erregten Diskussionen geführt hat. Dabei wurde übersehen, dass hier eine sensible Charakterstudie von einem Menschen gezeigt wird, der als Auserwählter unter der Last seines göttlichen Auftrags zu zerbrechen droht und am Ende doch sein Leben dafür gibt. Der Calvinist Paul Schrader als Autor und der Katholik Martin Scorsese als Regisseur wollen hervorheben, dass Jesus sowohl Gott als auch Mensch war und somit den realen menschlichen Versuchungen erlegen ist. Der Film berührt und lässt den Zuschauer nicht in einer gemütlichen Beschaulichkeit der gewöhnlichen Bibelepen Hollywoods zurück, sondern regt zum ernsthaften Nachdenken über dieses wichtige Thema an.