„Der Elefantenmensch“ nach 4K-Restaurierung neu auf Blu-ray Disc – Rezension von Johannes Kösegi

David Lynchs Plädoyer für Menschlichkeit und Würde

Anlässlich seines 40-jährigen Jubiläums wurde David Lynchs bahnbrechender Film „Der Elefantenmensch“ einer aufwändigen 4K-Restaurierung unterzogen, um nun in bestmöglicher Bildqualität nicht nur ins Heimkino, sondern auch auf die große Leinwand zurückzukehren.Das in Schwarz-Weiß inszenierte Meisterwerk wurde ein großer kommerzieller Erfolg und war im Jahr 1981 für acht Oscars und fünf Golden Globes nominiert. Neben zahlreichen anderen Preisen wurde „Der Elefantenmensch“ mit insgesamt drei BAFTA Awards sowie einem César für den Besten ausländischen Film prämiert. StudioCanal bietet neben der restaurierten 113 Minuten langen Fassung auch neues, umfangreiches Bonusmaterial, darunter Interviews mit David Lynch und John Hurt sowie einen Beitrag über den realen Elefantenmenschen.

Denn die Filmhandlung orientiert sich an der wahren Geschichte des Joseph Merrick, der als „Elephant Man“ traurige Berühmtheit erlangte und die Aufmerksamkeit des Chirurgen Frederick Treves erregte. David Lynch transformierte diese wahre Begebenheit mit viel Fingerspitzengefühl in ein meisterhaftes filmisches Plädoyer für Menschlichkeit und Würde. Spätestens nach seinen Erfolgsfilmen „Blue Velvet“ (1986) und „Wild at Heart“ (1990) gilt der 1946 geborene amerikanische Regisseur David Lynch als Meister des Bizarren. Aber auch schon zuvor schuf er einige Filme mit abstoßenden Schockeffekten und skurrilen Momenten. Am berühmtesten wurde das zweistündige Drama „Der Elefantenmensch“ (1980) nach einer literarischen Vorlage mit den Stars Anthony Hopkins („Wiedersehen in Howards End“, „Das Schweigen der Lämmer“), John Hurt („Hellboy“, „1984“, „Alien“), Anne Bancroft („Die Reifeprüfung“, „Sein oder Nichtsein“). Der Film avancierte in seinem Herstellungsland zum Kassenerfolg und spielte 26 Millionen US-Dollar ein. Das zu Herzen gehende Schwarzweiß-Melodram über die Leiden einer Kreatur mit dem missgebildeten, abstoßenden Körper und der reinen, verletzlichen Seele machte den eigenwilligen Tüftler David Lynch über Nacht zum neuen Wunderkind der Filmszene.

Der schrecklich entstellte Mann wird auf einen Jahrmarkt 1881 in London als Attraktion ausgestellt und dort von dem Chirurgen Frederick Treves entdeckt. Der interessiert sich für Merrick und bringt ihn in ein Hospital. Die Reaktionen auf den durch jahrelange Misshandlungen völlig verstörten Elefantenmenschen reichen von Entsetzen und Furcht bis Neugier und Mitleid, so auch, als Treves ihn einer akademischen Gesellschaft vorführt. Merricks Rücken ist von Tumoren übersät, der rechte Arm stark deformiert und unbrauchbar, der Kopf ist stark vergrößert. Der Chirurg möchte ihn im Hospital behalten, und stellt bald fest, dass Merrick nicht wie von einigen Kollegen vermutet schwachsinnig ist, sondern ein freundlicher, intelligenter und sensibler Mann.Treves bringt ihm die Sprache und handwerkliche Tätigkeiten bei. Mittlerweile wird die Geschichte des Elefantenmenschen auch in der Londoner Gesellschaft bekannt. Eine berühmte Theaterschauspielerin besucht Merrick und unterhält sich mit ihm über eine Stelle aus „Romeo und Julia“. Sogar Königin Victoria interessiert sich für den Fall und gewährt ein lebenslanges Bleiberecht im Krankenhaus.Doch die Neugier an Merricks Schicksal erfasst nicht nur die gehobene Gesellschaft. Ein Nachtarbeiter des Krankenhauses nutzt die Gelegenheit aus und lässt Menschen aus den Gassen Londons gegen Geld einen Blick auf Merrick werfen. Eines Nachts eskaliert die Belustigung und Zurschaustellung. Die Gaffer stürmen in sein Zimmer, verwüsten es und verhöhnen Merrick. Unter den Schaulustigen ist auch sein ehemaliger Herr, der ihn wieder entführt und nach Paris auf einen Jahrmarkt verschleppt. Doch John Merrick gelingt mit Hilfe der anderen Artisten und Clowns die Flucht, und er kehrt mit dem Schiff wieder ins Hospital nach London zurück.

John Merrick sieht in dem Chirurgen Frederick Treves einen Freund, doch kann dieser ihn nicht von seinem Leiden befreien. Als er und Treves gemeinsam in ein Theater gehen, wird er von den Besuchern mit Applaus bejubelt, da die Schauspielerin ihm nach dem letzten Akt ihren Dank ausspricht.Nach dem Theaterbesuch begibt sich John in sein Bett zum Schlafen, doch anstatt sich wie sonst zu setzen, legt er sich flach auf den Rücken und erstickt im Schlaf. Gegenüber Treves hatte er einmal geäußert, dass es sein größter Wunsch sei, in einem Bett zu schlafen „wie normale Menschen“.David Lynchs aufrüttelnder Film ist ein eindringliches Plädoyer für die Würde jedes Menschen, gleich wie sein Äußeres ist. Trotz mancher Sentimentalitäten wurde der Film von Publikum und Kritik positiv aufgenommen, weil er auch ein realistisches Gesellschaftsporträt des viktorianischen Zeitalters in Großbritannien darstellt.