„Die durch die Hölle gehen“ von Michael Cimino – Rezension von Johannes Kösegi

Mehr als ein Kriegsfilm

Fast zeitgleich feierten Ende der 1970er Jahre zwei vielbeachtete amerikanische Filmepen über den Vietnam-Krieg Kinopremieren. Ebenso in kurzen Abständen erscheinen sie jetzt nach aufwändigen 4K-Restaurierungen auf Blu-ray Discs. Nach Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ in der neuen Schnittversion „Final Cut“ folgt jetzt bei Weltkino im Vertrieb von Universum Film Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“, im Originaltitel „The Deer Hunter“ von 1978. Neben dem dreistündigen Film ist auf der Blu-ray Disc über 300 Minuten Bonusmaterial enthalten, darunter Audiokommentare von Regisseur Michael Cimino, Kameramann Vilmos Zsigmond und Journalist Bob Fischer, Filme über Realisation, Dreharbeiten und Schauspiel von „Die durch die Hölle gehen“, außerdem ein Interview mit dem Filmkritiker David Thomson, Michael Ciminos Southbank Show Interview von 1979 sowie Deleted und Extended Scenes.

Während Coppolas exzessives Epos sich ganz auf den Wahnsinn des Dschungelkrieges konzentriert, gibt Cimino seinen Hauptdarstellern eine soziale und individuelle Kontur. Hier zerstört der Krieg mit seinen fatalen Konsequenzen auch das Leben der Überlebenden. In der kleinen Provinzstadt Clairton in Pennsylvania stehen Michael (Robert De Niro), Nick (Christopher Walken) und Steven (John Savage) kurz vor dem Abflug nach Vietnam. Als Abschied wird Stevens Hochzeit gefeiert. Im Dschungel Vietnams dann wird Michael als einziger Überlebender eines Angriffs der Vietkong von einer Einheit gerettet, zu der Nick und Steven gehören. Als der Gegner zurückkommt, geraten die Drei in Gefangenschaft. Hier werden sie gezwungen, gegeneinander Russisches Roulette zu spielen. Dabei gelingt ihnen die Flucht, nachdem sie ihre Bewacher getötet haben. Nick hat bei der Tortur sein Gedächtnis verloren. In Saigon wird er drogensüchtig und zu einem professionellen Russisch-Roulette-Spieler. Auch die beiden anderen Kameraden kommen schließlich nach Saigon. Dabei kommt es zu einer gemeinsamen Zuneigung zu Linda (Meryl Streep). Bei einem Russisch-Roulette schießt sich Nick in den Kopf, nachdem er das Bewusstsein verloren hat. Die Schlusssequenz führt wieder nach Clairton zurück, wo nach Nicks Begräbnis Michael, Linda und Steven beim Essen sitzen und „God bless America“ singen.

Die drei Protagonisten sind Arbeiter und Durchschnittsamerikaner mit russischen Vorfahren, für die der Vietnam-Krieg eine patriotische Pflicht ist. Auch hier in der amerikanischen Provinz gehören Rivalitäten und Gewalt zum Alltag. Für Michael hat die Jagd fast mythischen Charakter. Mit dem Ortswechsel nach Vietnam wandeln sich die Bilder einer gewissen ländlichen Idylle mit zelebrierten Jagdszenen zu schnelleren Schnittfolgen der Kriegsszenerie. Statt der ruhigen Jagd herrscht jetzt nur noch die Gewalt. Die Szenen vom Russisch-Roulette wirkt auch für die Betrachter wie ein Trauma. Daneben spielt die äußerst vielschichtige menschliche Beziehung zwischen Michael und Nick eine bedeutende Rolle. De Niro und Walken glänzen mit sparsamen Gesten und markanten Blicke. Beide werden durch Liebe verbunden, und beide lieben Linda, Nicks Freundin.

„Die durch die Hölle gehen“ ist mehr als ein Kriegs- oder Vietnam-Film. Anlässlich der Aufführung des Films bei der Berlinale 1979 kam es zu politischen Querelen wegen angeblichem Rassismus und Herabwürdigung des vietnamesischen Volkes. Der amerikanische Jagdmythos mit Erinnerungen an James Fenimore Coopers Erzählungen und die Gräuel in Vietnam können beide mit Gewalt in Verbindung gebracht werden. Trotz dieser impliziten Kritik des Regisseurs bekam „Die durch die Hölle gehen“ fünf Oscars, darunter als bester Film und beste Regie. Dieser Kriegsfilm nimmt eine subjektive Perspektive ein mit direkten und schonungslosen Bildern. Cimino zeigt nicht die Bedeutung des Vietnamkrieges, sondern was er aus einigen Amerikanern macht, die mit der Absicht losgezogen sind, fern der Heimat die Ideale ihrer Zivilisation verteidigen zu müssen. „Die durch die Hölle gehen“ wird somit zu einem der wichtigsten Kriegsfilme aller Zeiten, weil er den Krieg nicht mit dessen eigenen Mitteln wie Granatfeuern darstellt, sondern eindrucksvoll eine Klage erhebt über dessen psychische und physische Folgen.