David Lynch – Complete Film Collection – Rezension von Johannes Kösegi

Alle Kinofilme vom Meister des Bizarren

Spätestens nach seinen Erfolgsfilmen „Blue Velvet“ (1986) und „Wild at Heart“ (1990) gilt der 1946 geborene amerikanische Ausnahmeregisseur David Lynch als Meister des Bizarren. Auch vor und nach diesen Klassikern schuf er einige Filme mit abstoßenden Schockeffekten und skurrilen Momenten. Eine Blu-ray-Edition von StudioCanal bietet nun erstmals die Möglichkeit, Lynchs nahezu komplettes filmischesSchaffen mit Werken aus der Zeit

von 1977 bis 2006 in bester Bild- und Tonqualität und viel Bonusmaterial zu bestaunen. Die „David Lynch Complete Film Collection“ zehn Blu-ray Discs mit einer Gesamtlauflänge von 1305 Minuten und über fünf Stunden Bonusmaterial, darunter die beiden Kurzfilmreihen „The Dumbland Series“ und „Dynamic: One“, zahlreiche Interviews, Gespräche und Featurettes, Aufnahmen hinter den Kulissen, geschnittene Szenen und Trailer.

Die eigentliche Provokation in Lynchs Kinouniversum ist oft gar nicht direkt sichtbar. Oft wird der Überlebenskampf des menschlichen Individuums aufgegriffen. Klassische Erzählmuster und gegenständliche Bildlichkeit sind oft aufgelöst. Hinzu kommen alptraumhafte bis angsterzeugende Tonkulissen. So wird die Erfahrung des Lynch-Imperiums für den Zuschauer oft zum Horrortrip, und Happy Ends entpuppen sich als Klischee. David Lynch hat eine besondere Begabung, die alptraumhaften Seiten der menschlichen Existenz in eindringlichen Bildern und Tönendarzustellen. Die mehrfach Oscar-nominierten Filme lassen sich nicht in besondere Klischees oder Genres einordnen. Die Kunst bewegt sich zwischen progressiver Moderne und spannender Unterhaltung, zwischen Kammerspiel und spektakulärer Aktion. Obwohl oder weil Lynch ein teilweise umstrittener Künstler ist, erhielt er 2006 in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk und soll dafür auch einen Ehren-Oscar bekommen. Bisher gab es noch keine derartige Filmesammlung, mit der man sich umfangreich mit dem faszinierenden Lynch-Universum vertraut machen kann. Viele Hollywood-Stars sind darin zu bestaunen, darunter Naomi Watts, Anthony Hopkins und John Hurt.

David Lynchs Debütfilm „Eraserhead“ (1977) zählt mit seinen surrealen Bildern bis heute zu den eindrucksvollsten Filmen überhaupt. Er bedeutet Lynchs Eintrittskarte ins internationale Filmgeschäft und ist einer der Lieblingsfilme nicht nur von Star-Regisseur Stanley Kubrick, dessen Film „Shining“ davon beeinflusst wird. Bis heute ist „Eraserhead“ immer wieder auf internationalen Filmfestivals zu sehen, nach wie vor steht er auf Platz zwei der Liste der 100 Best First Feature Films of All Time der Online Film Critics Society (OFCS), direkt hinter „Citizen Kane“ von Orson Welles. Multitalent David Lynch  ist nicht nur Produzent und Regisseur, sondern steuert außerdem das Drehbuch und die Soundeffekte bei. Der erwachsene Protagonist von „Eraserhead“ durchlebt eine traumatische Familiensituation, besonders eindrucksvoll übermittelt durch die suggestive Wirkung der surrealen Bilder und eine maschinenartige industrielle Tonspur, die zum festen Bestandteil von Lynchs Filmen gehört und bis „Blue Velvet“ von Alan Splet gestaltet wurde. Nach anfänglichen Misserfolgen avancierte der mit spärlichen finanziellen Mitteln produzierte Film schnell zum Geheimtipp und Kultfilm. Erzählt wird eine eigentlich simple Geschichte einer ungewollten Schwangerschaft und erzwungenen Beziehung. Der Zuschauer wird dabei jedoch mit vielen befremdlichen Sequenzen konfrontiert. Bis heute ist „Eraserhead“ ein Film ohne eigenes Genre und jenseits des vertrauten Realitätsprinzips, wie man es vom klassischen Erzählkino kennt.   

Lynchs zweistündiges Drama „Der Elefantenmensch“ (1980) avancierte in seinem Herstellungsland zum Kassenerfolg, spielte 26 Millionen US-Dollar ein, und wurde 1981 für acht Oscars nominiert. Das zu Herzen gehende Schwarzweiß-Melodram über die Leiden des John Merrick, einer Kreatur mit einem missgebildeten, abstoßenden Körper und der reinen, verletzlichen Seele machte den eigenwilligen Tüftler David Lynch über Nacht zum neuen Wunderkind der Filmszene. Der schrecklich entstellte Mann wird auf einen Jahrmarkt 1881 in London als Attraktion ausgestellt und dort von dem Chirurgen Frederick Treves entdeckt. John Merrick sieht in ihm einen Freund, doch kann dieser ihn nicht von seinem Leiden befreien. Nach einem Theaterbesuch begibt sich John in sein Bett zum Schlafen, doch anstatt sich wie sonst zu setzen, legt er sich flach auf den Rücken und erstickt im Schlaf. Dieser aufrüttelnde Film ist ein eindringliches Plädoyer für die Würde jedes Menschen, gleich wie sein Äußeres ist. Trotz mancher Sentimentalitäten wurde. „Der Elefantenmensch“ von Publikum und Kritik positiv aufgenommen, weil er auch ein realistisches Gesellschaftsporträt des viktorianischen Zeitalters in Großbritannien darstellt. 

Ähnlich wie in diesem Film bedient sich Lynch in „Dune – Der Wüstenplanet“ (1984) ausnahmsweise eher dem konventionellen Filmemachen des klassischen Erzählkinos. Trotz der Investitionen von etwa 52 Millionen Dollar wurde der Science-Fiction-Film zum Misserfolg und begleitet von vielen höhnischen Kritiken. Richtig amerikanische Schauspieler und Regisseur Sydney Pollack (geboren 1934) Weltruhm erlangt. 20 Jahre danach greift er mit dem Film „Die Dolmetscherin“ (2005) wie andere liberale Regisseure (John Boorman, Jonathan Demme) zu Beginn des neuen zum Kultregisseur wurde Lynch dann mit „Blue Velvet“ (1986). Der Film beginnt mit irritierend künstlichen Bildern einer Kleinstadt und einem grausigen Fund, einem abgeschnittenen verwesenden Ohr, und endet mit einem Kameraschwenk aus einem Ohr heraus. Und das alles spielt sich unter der Pseudokulisse einer Familienidylle ab, die viele individuelle Interpretationsmöglichkeiten bietet.

„Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula“ (1990) wurde mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. Auch hier werden über weite Strecken Hässlichkeit und Gewalt aufdringlich und surrealistisch ins Bild gesetzt. Die Geschichte von Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern) wird in einer Abfolge verschiedener Genremuster wie Romanze, Roadmovie, Melodram in überstilisierten Bildern unter dem Einfluss von Werbung und Popkultur und vielen intertextuellen Verweisen erzählt.„Twin Peaks – Der Film“ (1992) ist eine Retrospektive auf die berühmte Kult-Fernsehserie, von denen Lynch einige Folgen inszeniert hat.

Spätestens mit den Kultthrillern der Postmoderne wie „Blu Velvet“ und Wild at Heart“ hat David Lynch Publikum und Filmkritik immer wieder polarisiert. Viele waren irritiert und sahen in dem Regisseur eine gespaltene Künstlerseele, die er auf seine Filme projiziere. Ein markantes Beispiel dafür ist „Lost Highway“ (1997). Unter dem

Motto „Das Ende der Straße ist erst der Anfang“ erzählt der Film von der Verwandlung des Jazzsaxophonisten Fred Madison in den Automechaniker Pete Dayton. „Lost Highway“ ist mit seiner Bild- und Tonsprache die logische Fortführung von Lynchs Debütfilm „Eraserhead“ (1977) und „Blue Velvet“ (1986). Zur surrealistischen bis schizophrenen Erzählweise gesellt sich eine Bildkomposition ohne räumliche und zeitliche Kontinuität und eine fast zwanghafte körperliche und seelische Zerstörung mit Wahnvorstellungen, Gewalt, Sex und Tod.Viele Motive in diesem Film kommen Lynch-Kennern bekannt vor, darunter ähnlich wie in „Lost Highway“ eine 

dunkle Straße in „Mulholland Drive“ (2001) oder der Mystery Man aus der Fernsehserie „Twin Peaks“ (1991). Vervollständigt wird die empfehlenswerte Collection mit dem Roadmovie „The Straight Story – Eine wahre Geschichte“ (1999) und „Inland Empire“ (2006), einer StudioCanal-Produktion mit Laura Dern in der Hauptrolle.