Babys – Ihre wunderbare Welt – Rezension von JOhannes Kösegi

Menschliches Verhalten in den ersten beiden Lebensjahren

Vor einiger Zeit faszinierte der Kinofilm „Babys“ in den Kinos. Regisseur und Autor Thomas Balmès dokumentierte den Werdegang von vier Neugeborenen von der Geburt bis zum 18. Lebensmonat. Sie wuchsen in unterschiedlichen Regionen der Erde auf, wobei ihre Kulturen und Lebenswelten völlig verschieden sind. Hauptdarsteller warenPonijao aus Opuvo, vom Volk der Himba aus Namibia, das Mädchen Hattie aus San Francisco, die kleine Mari aus Tokio und Bayar, ein Junge aus der Mongolei. Die Eltern von Ponijao und Bayar sind nomadisierende Viehhirten und leben in freier Natur. Hier haben die Kinder viel Entwicklungsspielraum und leben mit Geschwistern und Tieren eng zusammen. Sie sind oft sich selbst überlassen, weil ihre Eltern hart arbeiten und sich auch um die Tiere kümmern.

Dagegen wachsen die beiden anderen Kinder in westlich geprägten Zivilisationen als wohlbehütete Einzelkinder auf, Hattie in San Francisco in einem Haus mit Swimmingpool, Mari in einer kleinen Hochhauswohnung in der Millionenmetropole Tokio. Beide Kinder werden in Spiel- und Krabbelgruppen gefördert und sind medizinisch gut versorgt.

Diese interessante Idee der Entwicklung von Babys in ihrer ersten Lebensphase hat die britische BBC aufgegriffen und die Beobachtungen etwas wissenschaftlicher untersucht. Das Ergebnis ist eine interessante Dokumentation von insgesamt 150 Minuten Länge. Nach der Ausstrahlung im österreichischen Privatsender„Servus TV“ bringt polybandMedien diesen interessanten Dreiteiler auf DVD heraus.

Die Dokumentation wurde angeregt von einer umfassenden Studie angesehener Kinderärzte aus der ganzen Welt, wie sich Babys in den ersten beiden Lebensjahren entwickeln. Im Auftrag der BBC stellt die Londoner Kinderärztin Dr. Guddi Singh die Methoden der Studie mit über 200 Babys in Dutzenden von Familien nach und erklärt an vielen Beispielen, warum Babys lachen, wann sie wütend werden, Empathie zeigen und wie sie lernen. Dabei werden unter anderem auch die Gehirnaktivitäten der Babys erforscht. Am Ende geht es darum herauszufinden, was einen Menschen zu dem macht, was er ist.Die Hauptfragestellungen sind dabei: Wie verändern die ersten Erfahrungen von Babys ihre Persönlichkeit? Wann entwickeln sie die ersten emotionalen Bindungen, die sie ihr gesamtes Leben beibehalten? Wie beeinflusst zunehmenderKontakt mit anderen die Entwicklung von Babys?

Die Forscher untersuchten das Verhalten der neuen Erdenbürger, von Wutanfällen und Lachen, über Empathie und die Lernfähigkeit, wie Babys Interessen entwickeln und Talente entfalten und was dabei im Gehirn passiert. Es ist die umfassendste Studie, die bisher über die ersten beiden Lebensjahre bei Menschen durchgeführt wurde.Die Wissenschaftler konnten aufzeigen, was uns zu den Menschen macht, die wir schließlich werden. Zum Verständnis von Gefahr wurde einegroße visuelle Klippe konstruiert, um die Bedeutung des Krabbelns beim Erlernen von Gefahren zu ergründen. Wann verstehen Babys, dass andere anders als sie denken können? Das wurde mit einer Schüssel Chips und etwas Broccoli getestet. Zur Überprüfung der Selbstkontrolle bei Babys sollte ein Experiment zeigen, was in ihren Gehirnen passiert, wenn sie versuchen, einer Versuchung zu widerstehen.

Die erste Episode „Persönlichkeit“ zeigt, wie Veränderungen in den ersten beiden Lebensjahren uns zu Individuen machen und woher unsere Neigungen kommen. Bei Laborexperimenten fanden die Forscher die drei Grundtemperamente Ruhe, Erregbarkeit und Vorsicht. Bei der Suche nach der frühen Sprachentwicklung wurden 2000 Familien nach den ersten Worten ihrer Babys befragt. Man fand heraus, dass es eine schlagartige Entwicklung beim Erlernen der Sprache im Alter von 18 Monaten gibt und die ersten gebrauchten Worte sozial bedingt Mama, Papa oder Oma sind, je nachdem wo sie leben. Ein weiteres Experiment wollte herausfinden, ob das Sprachenlernen beschleunigt werden kann, wenn man mehr Worte mit den Babys redet. Die Ergebnisse zeigten durch Auszählen der Wörter, dass damit eine Steigerung von dreizehn Prozent erreicht werden kann. Weitere Experimente gingen der Frage nach, wie Babys ihre verschiedenen Interessen entwickeln. Dafür wurde zuhause in den Familien aufgenommenes Filmmaterial ausgewertet, das zeigte, dass die Wiederholung derselben Tätigkeiten besondere Aktivitäten im Gehirn verstärkt. Das Ergebnis zeigte, dass Kinder immer besser in ausgeübten Tätigkeiten werden, weil ihr Gehirn für den Rest ihres Lebens geprägt wird. Auch der Einfluss von Technik auf die Entwicklung von Babys wurde untersucht. Für die Testung der feinmotorischen Entwicklung und der Grobmotorik wurden spezielle Touchscreens verwendet. Außerdem wollte man erfahren, wie frühe Erfahrungen individuelle Einstellungen und Meinungen beeinflussen. Persönliche Vorlieben und Neigungen wurden getestet, indem die Babys als Spielpartner auswählen konnten zwischen einer eher unsympathischen weißen Person, die ihnen ähnlichsah und einer netten asiatischen Person, die anders als sie aussah. Sie entschieden sich für die weißen Personen, was zeigt, dass Menschen schon in sehr frühem Stadium viele soziale Informationen sammeln. Dies bestärkt die Vorstellung, dass die Vorstellung von Verschiedenheit schon in jungen Jahren wichtig ist und wie Babys stark von ihrer Umgebung beeinflusst werden. Die Selbstkontrolle wurde untersucht, indem die Babys der Versuchung eines aufregenden Spielzeugs ausgesetzt wurden. Dabei wurde der präfrontale Kortex im Gehirn bildlich dargestellt. Es zeigte sich, dass die Babys verschiedene Grade an Selbstkontrolle haben und einige Ablenkung als Unterstützung benutzen. Schließlich wurde das Geschlechterverständnis geprüft. Dafür bekamen sie Mama- und Papapuppen und sollten wählen, welche Tätigkeiten die Puppen machen sollten, von Staubsaugen und Kinderbetreuung bis zur Arbeit am Auto.

Die zweite Folge beschäftigt sich mit dem Miteinander, also der sozialen Entwicklung, und wie wir unabhängig werden. Dazu werden wieder viele interessante psychologisch-medizinische Experimente vorgestellt. Dabei geht es um die Fragen, wie Babys auf Gesichter reagieren, warum sie lachen und wie sie lernen, sich in andere einzufühlen. Die letzte Folge zeigt, wie wir krabbelnd die Welt mit ihren Gefahren kennenlernen, wie unser Gedächtnis sich entwickelt und wie wir Sprache erlernen.

Als ideale Ergänzung gibt es ebenfalls bei polyband Medien die 50-minütige BBC-Dokumentation „Babys – Wie Kinder die Welt sehen“ (2017), die man als idealen Bonus zu dem Dreiteiler betrachten kann. Hier geht es um die früheste Zeit, die Menschen auf der Welt verbringen. Sie ist prägend für unser ganzes Leben, aber keiner kann sich später genau daran erinnern, was er in diesem Lebensabschnitt alles erlebt und gelernt hat. Hier kann man es verständlich und unterhaltsam nachvollziehen. Mit der Kamera wurden dafür viele Babys beobachtet und kleinen Experimenten unterzogen. Was sehen und hören Neugeborene und wie entdecken sie die Welt? Wie lernen sie Kommunikation und Sprache? Warum durchlaufen Kleinkinder eine Trotzphase? Diese und viele andere Fragen werden beantwortet mit oft erstaunlichen Erkenntnissen.Die ersten drei Jahre sind für die Entwicklung eines Menschen von entscheidender Bedeutung.Es ist die Zeit, in der wir mit unseren Sinnen die Welt „begreifen“, sprechen und laufen lernen und erste Beziehungen aufbauen. Neueste Forschungserkenntnisse bringen uns in dieser sehenswerten Dokumentation die geheime Welt der Babys näher.