„Orlacs Hände“ von Robert Wiene – Rezension von Johannes Kösegi

Ein Meilenstein des expressionistischen Stummfilms

Mit „Orlacs Hände“ erscheint ein seltenes filmisches Juwel aus der Stummfilmzeit in der arte Edition bei absolut Medien erstmals in erstaunlich guter Bild- und Tonqualität auf Blu-ray Disk. Der 1873 in Breslau geborene deutsche Filmregisseur Robert Wiene wurde vor allem durch seinen expressionistischen Stummfilmklassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1919) weltberühmt. In den nächsten Jahren inszenierte er noch weitere Filme dieses Genres, wobei „Orlacs Hände“ (1924) einen weiteren Meilenstein darstellt. Von den über 90 Filmen Wienes existieren heute nur noch etwa 20. Bereits sein Vater Karl Wiene war Theaterschauspieler und auch Robert widmete sich nach einem in Wien absolvierten Jurastudium zunächst der Bühnenarbeit, eher er sich dann ganz dem neuen Medium Film zuwandte.

Nach seiner expressionistischen Phase schuf er auch Unterhaltungsfilme und eine „Rosenkavalier“-Verfilmung nach der Oper von Richard Strauss. Wie viele andere Künstler und Wissenschaftler musste auch Robert Wiene vor den Nationalsozialisten fliehen und landete schließlich nach Aufenthalten in Budapest und London schließlich in Paris, wo er 1938 verstarb.

Dem psychologischen Thriller „Orlacs Hände“ merkt man deutlich die Ähnlichkeit mit dem berühmteren „Caligari“ an. Es ist eine Mischung aus Horrorfilm und Psychothriller mit einem psychisch labilen Künstler auf einem Horrortrip im Mittelpunkt. Die beiden als Antipoden wirkenden Stummfilmikonen Conradt Veidth und Fritz Kortner sorgen für eine hochkarätige Besetzung. Bei einem Zugunglück verliert der berühmte Konzertpianist Paul Orlac beide Hände. Um ihm weiterhin das Klavierspielen zu ermöglichen, transplantiert man ihm die Gliedmaßen des gerade hingerichteten Raubmörders Vasseur. Operation und Heilung verlaufen reibungslos, doch als Orlac erfährt, von wem seine neuen Hände stammen, wird er von großer Angst ergriffen. Besonders quält ihn die Vorstellung, dass er „Mörderhände“ trägt und unter dem Einfluss des Verbrechers steht. Was würde passieren, wenn sich mit den Händen auch der Geist des anderen auf ihn übertragen hat? Als schließlich sein Vater tot aufgefunden wird – erstochen mit einem Dolch, der Vasseurs Fingerabdrücke aufweist – droht Orlac, wahnsinnig zu werden. Nebenbei spielen auch noch Existenzängste und Erpressung mit, die die Dramatik weiter anheizen. Als schließlich der wahre Mörder entlarvt wird, feiert der von seinen Seelenqualen befreite Orlac wieder erste künstlerische Erfolge. Als Zuschauer dieser Geschichte steht man auch heute noch 95 Minuten unter Hochspannung.

Dieser spätexpressionistische Stummfilm verbindet Elemente des Kriminalfilms mit der damals noch jungen Wissenschaft der Psychologie zur Erklärung von Geheimnissen der Seele und gespaltenen Persönlichkeit. Im Zentrum steht das „Techniktrauma“ dieser Zeit, das Regisseur Robert Wiene in einem Spiel aus Licht und Schatten auf die Leinwand zaubert. Die Vorlage für „Orlacs Hände“ stammt vom französischen Fantasy-Autor Maurice Renard. Sein Buch erschien 1920 und erlebte vier weitere Verfilmungen, 1935 unter dem Titel „Mad Love“ mit Peter Lorre, drei weitere in den 1960er und 1990er Jahren. Wie so oft reicht auch hier keines dieser Remakes an das Original von 1924 heran.

Die neukomponierte Musik von Johannes Kalitzke will nicht nur die Bilder illustrieren, sondern auch die psychologischen Hintergründe der Angstneurosen des Protagonisten kommentieren. Im Auftrag des Stuttgarter Kammerorchesters und arte entstand 2018 eine „Partitur der Ängste“, die den Seelenzustand des Protagonisten in Töne setzt. Die Musik beschreibt die psychologische Entwicklung des Pianisten Paul Orlac durch ein auf drei Instrumente verteiltes Klavier. Neben dem klassischen gibt es ein präpariertes Klavier als dunkles Schattenklavier und einen elektronischen Sampler.