„Messer im Kopf“ und „Der Kandidat“ – Rezension von Johannes Kösegi

Zwei Raritäten aus dem Filmverlag der Autoren erstmals auf Blu-ray Disc

Der Filmverlag der Autoren war der wichtigste Verleih für den Neuen Deutschen Film. Durch ihn wurden Regisseure wie Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Margarethe von Trotta, Percy Adlon, Hans W. Geißendörfer, Volker Schlöndorff, Wolfgang Petersen, Hark Bohm, Luc Bondy, Markus Imhoof und Michael Verhoeven berühmt. 2009 veröffentlichte Kinowelt in einer luxuriösen Edition 50 der besten Filme dieses renommierten Filmverlags auf DVD.

Inzwischen wurde das deutsche Cineasten-Label in den französischen Medienkonzern StudioCanal integriert und veröffentlich weiterhin hochklassige und anspruchsvolle Filme aus Gegenwart und Vergangenheit. Einige Filme aus dem Filmverlag der Autoren gibt es nach 4K-Restaurierung bereits auf Blu-ray Disc. Nach bekannten Klassikern wie „Paris, Texas“ von Wim Wenders, „Aguirre, der Zorn Gottes“ von Werner Herzog oder „Angst essen Seele auf“ von Rainer Werner Fassbinder erscheinen jetzt auch zwei weniger bekannte, aber qualitativ hochwertige Filme bei StudioCanal, darunter der Dokumentarfilm „Der Kandidat“ (1980) und das Drama „Messer im Kopf“ (1978).

Darin wird Der 35-jährige Biogenetiker Berthold Hoffmann (Bruno Ganz) bei einer Polizeirazzia in einem Jugendzentrum angeschossen. Als er nach langer Bewusstlosigkeit erwacht, hat er seine Erinnerung und Sprache verloren. Keiner weiß, ob er ein Opfer des Polizeiterrors oder ein gefährlicher Terrorist ist, der seinen Beruf nur zur Tarnung ausübt. Nach einem klug konstruierten Drehbuch von Peter Schneider zeichnet Regisseur Reinhard Hauff Hoffmanns mühsamen Weg zurück ins Bewusstsein nach. Eine exzellente Besetzung ist vor allem Bruno Ganz als Mann in der Mühle zwischen Rufmord und Märtyrertum. Noch bewusstlos gerät er als Spielmaterial zwischen die eskalierenden Fronten von Gewalt und Gegengewalt, ein Opfer des Polizeiterrors für die einen, Terrorist, der mit einem Messer auf einen Beamten eingestochen haben soll, für die offizielle Öffentlichkeit. Ähnlich wie „Deutschland im Herbst“ will dieser Film eine heikle Episode der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte aufarbeiten, aber nicht dokumentarisch, sondern ähnlich wie „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ mit den Mitteln des Spannungskinos. „Messer im Kopf“ lässt die Geschichte eines Mannes physisch und psychisch hautnah miterleben und erinnert nicht ganz ungewollt an Rudi Dutschke, der ebenfalls mit einer Kugel im Kopf leben musste. Das spannende Drama wurde mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnet und 1978 mit dem FIPRESCI-Preis sowie der Antenne d’or prämiert. Ein Jahr später folgte das Filmband in Silber, für Frank Brühne außerdem das Filmband in Gold für die beste Kamera. Hans Christian Blech wurde für seine schauspielerische Leistung 1979 mit einem Bambi geehrt. Als Extras gibt es Interviews mit Reinhard Hauff und Produzent Eberhard Junkersdorf.

Wer nur die heutigen Politiker mit ihren aalglatten politisch korrekten nichtssagenden Formulierungen kennt und es nicht mehr selbst erlebt hat, kann kaum glauben, dass es auch in Deutschland einmal großartige Politikerpersönlichkeiten gab, die das ganze Land polarisierten. Einer der größten Vertreter dieser ausgestorbenen Politikerspezies war in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts der Bundesminister in verschiedenen Ämtern und langjährige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Egal was man von ihm hielt, es gab wohl keinen, dem er gleichgültig war. Besonders ins Rampenlicht trat er 1980 als Kanzlerkandidat, der es wagte, den überaus beliebten amtierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt herauszufordern. Unter dem Titel „Der Kandidat“ schufen 1980 die vier Regisseure Stefan Aust, Alexander von Eschwege, Alexander Kluge und Volker Schlöndorff eine über zweistündige Dokumentation mit einem einzigartigen politischen Stimmungsporträt der Bundesrepublik vor dem Hintergrund der Bundestagswahl 1980. Obwohl die Regisseure eher dem linksintellektuellen Spektrum zuzuordnen sind, bleiben sie weitgehend sachlich, sodass sich die Zuschauer eine eigene Meinung bilden können. Die verschiedenen Blickwinkel der Filmemacher lassen keine Langeweile aufkommen. So wird Strauß beim politischen Aschermittwoch 1980 in Passau gezeigt, dann als Protagonist der „Spiegel“-Affäre oder als Ziehsohn des Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Auch andere politische Strömungen dieser Zeit werden erwähnt. Während im Januar 1980 in der Karlsruher Schwarzwaldhalle die Bundesluftwaffe das Tanzbein schwingen lässt, treffen sich unweit davon in der Stadthalle die Grünen zu ihrem Gründungsparteitag. Gleichzeitig macht sich Franz Josef Strauß auf, Deutschlands neuer Bundeskanzler zu werden. Lange hat er diesen Schritt vorbereitet, den er in früheren Interviews kategorisch abgelehnt hatte, vorher würde er Ananas in Alaska anbauen. Er machte Schlagzeilen zunächst als Sonderminister, später als Atomminister und schließlich als Verteidigungsminister. Die „Spiegel“-Affäre war ihm 1962 zum Verhängnis geworden, er musste zurücktreten. Fast zwanzig Jahre später will er es noch einmal als Kanzlerkandidat wissen. Der spätere „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust hatte zuvor für das NDR-Magazin „Panorama“ einen kurzen Film mit Redezitaten von Strauß produziert. Für den Beitrag zu diesem Dokumentarfilm hatte er sich ein halbes Jahr beurlauben lassen und zusammen mit Alexander von Eschwege umfangreich über Dokumentationsmaterial zu Franz Josef Strauß und dreißig Jahre Bundesrepublik recherchiert. So kam auch Bildmaterial zum Einsatz, das die öffentlich-rechtlichen Sender wegen des politischen Drucks nicht herausgaben, darunter nicht verwendetes Schnittmaterial aus Wochenschauarchiven und von ausländischen Fernsehsendern.