Der Kontrakt des Zeichners – Rezension von JOhannes Kösegi

Peter Greenaways genialer Debütfilm erstmals auf Blu-ray Disc

Den Briten Peter Greenaway „nur“ als großen Filmkünstler zu bezeichnen, ist untertrieben. Er ist Schriftsteller, Maler, Illustrator, Experimentalkünstler und Regisseur in einem. Seine Vorbilder sind die größten der Branche wie Ingmar Bergman, Jean-Luc Godard oder Federico Fellini. Bildende Künste, Architektur, Literatur, Musik und Mathematik vereinen sich in Greenaways Schaffen zu einem beeindruckenden multimedialen Gesamtkunstwerk voller Eigensinn, Komplexität, raffinierter Bildkomposition und Symbolik.

In seinen vielschichtigen Experimentalfilmen beschäftigt er sich in immer neuen Variationen mit Strukturen und Ordnungssystemen. Die Spielfilme kennzeichnen lange Totaleinsteilungen und Kamerafahrten, durchkomponierte Arrangements und der innovative Einsatz von musikalischerBegleitung.

Bis heute gilt „Der Kontrakt des Zeichners“ (1982, 107 Minuten) als einer der besten und aufgeschlossensten Filme Peter Greenaways. Mit der Geschichte eines begabten Zeichners, der Ende des 17. Jahrhunderts in ein tödliches Intrigenspiel gerät, erreichte der britische Avantgarde-Künstler erstmals ein breites Publikum und begeisterte weltweit die Kritiker. Dieser Film markiert in Greenaways Schaffen eine Wende vom Experimentalfilm zum anspruchsvollen Erzählkino. Im Gewand eines Kostümdramas inszeniert er ein kunstvoll-kriminalistisches Filmrätsel über die Scheinheiligkeit der englischen Barockgesellschaft.Erstmals erscheint dieser Geniestreich bei StudioCanal auf Blu-ray Disc mit vielen Extras, darunter die Featurettes „Die Restaurierung“, „Hinter den Kulissen“, Einführung und Audiokommentar von Peter Greenaway, Interview mit Michael Nyman, Kurzfilmen,geschnittenen Szenen und Trailer.

Der junge, selbstverliebte Landschaftszeichner Neville (Anthony Higgins) bekommt im Sommer 1694 von Mrs. Herbert (Janet Suzman) den Auftrag, in zwölf Tagen zwölf Skizzen ihres Herrensitzes Compton Anstey anzufertigen, mit deren Hilfe sie angeblich die Liebe ihres Mannes zurückgewinnen will. Ein Kontrakt garantiert Neville einen guten Preis, Kost und Logis für zwei Wochen und, dass Mrs. Herbert dem Zeichner täglich sexuell zur Verfügung steht. Dasselbe Vergnügen genießt Neville bald auch bei Mrs. Herberts verheirateter Tochter Mrs.Talmann (Anne Louise Lambert). Die geforderten Skizzen verfertigt er pünktlich. Als Verfechter des Realen integriert Neville Tag für Tag neue merkwürdige Gegenstände in seine Bilder, wie ein über einem Busch hängendes Hemd, herumstehende Reiterstiefel, eine Leiter unter einem Fenster. Dies seien Indizien für einen Mord, redet ihm Mrs.Talmann ein, und von diesem Moment an ist nichts mehr wirklich, was real schien. In einem Teich wird nämlich die Leiche von Mr. Herbert gefunden. Und die Details auf den Bildern scheinen darauf hinzudeuten, dass es sich hierbei nicht um einen Unfall, sondern um Mord handelt. Als Neville im Herbst zum Herrensitz zurückkehrt, um eine dreizehnte Skizze vom Fundort der Leiche anzufertigen, erfährt er endlich die ganze Wahrheit in diesem Kostümthriller. Die beiden Damen haben ihn nur benutzt, um einen Erben zur Welt bringen zu können. Der Künstler war somit nur eine Marionette in einer raffiniert eingefädelten Erbschaftsintrige. Und am Ende wird er als zweites Opfer selbst ermordet.

Das trügerische Spiel im Spiel bietet dem Zuschauer ein anspruchsvolles, vielschichtiges und visuell anregendes Vergnügen und nebenbei einen ironischen Blick hinter die Fassade der britischen Adelsgesellschaft. Greenaway vermeidet bewusst die Konventionen des klassischen Erzählkinos, indem er Form und Inhalt zu einem ironischen Spiel um Schein und Sein vereint. Der Regisseur kombiniert scharfzüngige und hintergründige Dialoge mit einem symbolreichen Arrangement und der bildlichen Opulenz typischer Historienfilme. Der Ausnahmekomponist Michael Nyman („Das Piano“) steuerte die Filmmusik bei.

Diese gelungene Mischung aus Intelligenz, Unterhaltung und schwarzem Humor ist typisch für britische Filme. Darüber hinaus zeigt Greenaway hier auf ironische Weise das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit sowie von Künstler und Gesellschaft. Leider kann auch hier die Kunst die Wirklichkeit nicht entlarven, sodass am Ende wieder Macht und Geld regieren. Durch dieses Geflecht von Stimmungen und Ereignissen ist der „Kontrakt des Zeichners“ ein moderner Film im historischen Gewand. Und das offene Ende mit einem nicht gelösten Rätsel bleibt zurück. Die Zeichnungen, die Neville von dem Herrensitz anfertigt, stammen von Peter Greenaway selbst.