Zu Ehren von Bertolt Brecht – Rezension von Johannes Kösegi

Neues Dokudrama und historischer Spielfilm „Die Dreigroschenoper“ von 1931

Bertolt Brecht (1898-1956) ist in diesen Tagen im wahrsten Sinne auf vielen Kanälen zu bestaunen. Nach Thomas Mann, den Buddenbrooks und Albert Speer wendet sich der mehrfach preisgekrönte Regisseur Heinrich Breloer mit Bertolt Brecht einem großen Dramatiker des 20. Jahrhunderts zu. Nach der Premiere auf der Berlinale 2019 und der Ausstrahlung in arte und der ARD erscheint das zweiteilige insgesamt dreistündige Dokudrama „Brecht“ in einer Special Edition. Sie enthält den zweiteiligen Film auf DVD und Blu-ray Disc, eine Bonus-DVD und ein 40-seitiges Booklet mit Fotos, Interviews und Hintergrundinformationen.

Die Bonus-DVD umfasst zwei hochwertige, bislang unveröffentlichte Dokumentationen: „Bi und Bidi in Augsburg: Erinnerungen an den jungen Brecht“ (Heinrich Breloer, 1978, 88 Minuten) und „My Name is Bertolt Brecht – Exil in USA“ (Norbert Bunge, 1989, 92 Minuten) über eine Lebensphase Brechts, die im Dokudrama nicht vorkommt, außerdem ein halbstündiges Making-of und einen Trailer.

Das spannende Dokudrama „Brecht“ erhellt sein Leben mit vielen Widersprüchen und Ambivalenzen. Über eine Zeitspanne von 40 Jahren wird das von Kunst, Frauen und Zeitgeschichte beeinflusste Leben des meistgespielten deutschen Dramatikers des 20. Jahrhunderts vorgestellt, dessen Ideen heute so aktuell sind wie vor einem halben Jahrhundert. Wunderbar gespielt von einem hochkarätig und namhaft besetzten Ensemble wird der Mensch Bertolt Brecht („Die Dreigroschenoper“, „Mutter Courage und ihre Kinder“, „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“) von einer sehr persönlichen Seite gezeigt. Wie bei „Thomas Mann“ gelingt auch hier die kurzweilige Mischung aus fiktionalen DramaElementen, historischem Film- und Bildmaterial aus unzähligen Archiven sowie Interviews mit Menschen, die Brecht nahegestanden haben. Dabei stehen eher seine vielen Affären und zwischenmenschlichen Probleme im Vordergrund als literaturwissenschaftliche Abhandlungen zum epischen Theater oder Lyrik und Prosa.

Bereits Ende der 1970er Jahre hatte sich Heinrich Breloer in der im Bonusmaterial enthaltenen Fernsehdokumentation der Figur Brecht angenähert und dafür viele Gespräche mit Zeitzeugen geführt. So konnte er noch mit Brechts erster Liebe Paula Banholzer, mit seinen Mitschülern und Jugendfreunden sprechen. Für den aktuellen Film kamen zahlreiche Interviews mit Mitarbeitern und Wegbegleitern Brechts aus den letzten Jahren hinzu. Zusammen mit dokumentarischem Material aus den Archiven und intensiven Recherchen vervollständigen sie Breloers Zweiteiler, der die Zuschauer im Sinne von Brechts epischem Theater zum kritischen Mitdenken auffordert.

Brechts Anliegen sind nach wie vor hochaktuell, und seine Stücke und Lebensgeschichte berühren noch heute. Tom Schilling („Oh Boy“, „Unsere Mütter, unsere Väter“) spielt den jungen Brecht, Burghart Klaußner („Das weiße Band“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“) den Schriftsteller und Dramatiker nach seiner Rückkehr aus dem USA-Exil. Brechts Ehefrau Helene Weigel in jungen Jahren wird vom Bühnenstar des Düsseldorfer Schauspielhauses, Lou Strenger, in späteren Jahren von der Theater- und Fernsehschauspielerin Adele Neuhauser („Tatort“) dargestellt. Trine Dyrholm („The Cut“, „Die Kommune“) ist Brechts dänische Geliebte und Mitarbeiterin Ruth Berlau, Ernst Stötzner („Was bleibt, Frantz“) und Franz Hartwig („A Most Wanted Man“) spielen Brechts Freund und Bühnenbildner Caspar Neher, Mala Emde verkörpert Paula Banholzer, Brechts erste Liebe und Mutter seines Sohnes Frank.

Nach Brechts bewegten Jugendjahren in Augsburg und München erlebt er die Kommunistenaufstände in Berlin hautnah. Mit dem Machtantritt der Nazis findet seine Karriere 1933 ein abruptes Ende. Nach Aufenthalten in der Schweiz und in Dänemark findet er über Schweden, Finnland und die Sowjetunion schließlich im kalifornischen Santa Monica Zuflucht. 1948 kehrt er nach Europa zurück. Die Schweiz will Brecht, den staatenlosen Rückkehrer aus dem Exil, nicht behalten, Westdeutschland ihn anscheinend nicht haben. Da kommt ein Angebot aus dem sowjetischen Sektor Berlins gerade recht. Der Staat will ihm großzügig ein eigenes Ensemble finanzieren, mit dem er sein Theater der Zukunft spielerisch erproben kann. Allerdings betrachtet die SED-Kulturbürokratie das Brecht-Projekt mit Misstrauen, denn wie Sozialistischer Realismus nach Moskauer Art sieht das nicht aus, was sich da auf der Bühne abspielt. So ist Brechts Theater gefährdet. Am 17. Juni 1953 demonstrieren Bauarbeiter gegen die willkürlich erhöhten Arbeitsnormen, die schlechten Lebensbedingungen und die Regierung. Brecht sieht mit Sorge die Kluft zwischen den Arbeitern und diesem Staat, der ihnen doch angeblich gehört. Nachdem der Kalte Krieg Brecht und seinen Schulfreund, den Bühnenbildner Caspar Neher getrennt hat, wollen sie für „Leben des Galilei“ wieder zusammenarbeiten. Ein letztes Treffen der immer noch engvertrauten Freunde gerät zum Abschied. Die „Galilei“-Aufführung erlebt Brecht nicht mehr. Er stirbt am 14. August 1956 an Herzversagen. Helene Weigel organisiert das Begräbnis nach seinem Willen, im Stahlsarg, ohne Reden und Musik.

Neben dieser aufwendigen Neuproduktion gibt es für cineastische Brecht-Fans ein weiteres Highlight. Die Verfilmung seines zentralen Werkes „Die Dreigroschenoper“ (1931) von Georg Wilhelm Pabst ist nach einer Neurestaurierung durch das Bundesfilmarchiv mit umfangreichem Bonusmaterial erhältlich. Trotz eines Konfliktes zwischen der Produktionsfirma und dem Autor inszenierte Pabst das weltbekannte Theaterstück mit der eingängigen Musik von Kurt Weill. Das Mediabook mit dem rekonstruierten Filmplakatmotiv der Uraufführung als Cover enthält neben einer Blu-ray Disc und DVD ein umfangreiches Booklet mit Informationen zur Entstehungsgeschichte und zeitgenössische Pressestimmen zum Gerichtsprozess. Das Booklet zeigt außerdem Fotografien vom Set des Films aus dem Archiv der Deutschen Kinemathek.

Ende der 1920er Jahre verliebt sich Mackie Messer (Rudolf Forster), der Boss der Londoner Unterwelt und Frauenheld, unsterblich in die schöne Polly Peachum (Carola Neher), die Tochter des Londoner Bettlerkönigs. Trotz des entschiedenen Widerstands ihres Vaters heiratet er sie noch in derselben Nacht. Zusammen mit Polizeichef Tiger-Brown (Reinhold Schünzel) spinnt Peachum (Fritz Rasp) daraufhin eine Intrige, um Mackie Messer endlich hinter Gitter zu bringen. Der Film wurde anfangs vor allem durch den erfolglosen Prozess bekannt, den Brecht und Weill gegen die Produzenten führten. Insgesamt ist er weniger aggressiv als die Vorlage. Das gelingt durch eine Änderung des Schlusses und den Stil der Inszenierung mit fantastischen und traumhaften Dekors und Betonung der bizarren und skurrilen Aspekte der Satire. Trotz dieser Abwandlungen bleibt der Brecht’sche Geist in künstlerischer Hinsicht gewahrt, im Gegensatz zu Wolfgang Staudtes Neuverfilmung von 1963 mit Curd Jürgens und Hildegard Knef, einem eher oberflächlichen Musical. (Rezension 25.03.2019)