Sechsteilige zweite Staffel von „Charité“ – Rezension von Johannes Kösegi

Die berühmte Berliner Klinik in schwierigen Zeiten

Die „Charité“ in Berlin ist Deutschlands größte Krankenanstalt und gilt seit über 100 Jahren als eine der renommiertesten Kliniken der Welt. Hier haben die größten Mediziner und Forscher ihrer Zeit gelehrt, geforscht und geheilt. Nachdem der auf historische Stoffe spezialisierte Filmproduzent Nico Hofmann bereits eine erfolgreiche Staffel mit fiktionalen und auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichten herausgebracht hat, folgt bereits im nächsten Jahr die zweite Staffel ebenfalls mit sechs 50-minütigen Folgen.

Nach der Zeit im 19. Jahrhundert in der ersten Staffel mit großen Forschern wie Rudolf Virchow und Robert Koch, steht in der aktuellen TV-Miniserie der berühmte gleichsam charismatische wie cholerische Chirurg Ferdinand Sauerbruch während den bewegten Zeiten des Dritten Reiches im Zentrum des Geschehens. Weniger Medizingeschichte als in den früheren Folgen, dafür mehr Zeitgeschichte im Spiegel eines großen Krankenhauses werden hier gezeigt. Nach der Ausstrahlung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit überaus großen Sehbeteiligungen bringt Universum Film die komplette zweite Serie auf Blu-ray Disc heraus.

Das französische Wort „Charité“ bedeutet Nächstenliebe oder Barmherzigkeit und gilt als Sinnbild für das bekannteste Krankenhaus Deutschlands. Die berühmte medizinische Einrichtung blickt auf eine bewegte Geschichte zurück und ist in ihrer über 300-jährigen Vergangenheit vom Lazarett am Stadtrand über eine DDR-Vorzeigeklinik bis heute zu einer der bedeutendsten medizinischen Einrichtungen Europas herangewachsen und hat viele Nobelpreisträger und große Persönlichkeiten hervorgebracht. Leider gab es während des Dritten Reiches unter den Halbgöttern in Weiß auch schwarze Schafe, denen der Eid des Hippokrates nicht viel bedeutete. Der Verfall der ärztlichen Berufsethik zeigte sich etwa in Impfversuche an behinderten Kindern oder dem Euthanasieprogramm. In der Ambivalenz der Charaktere steht stellvertretend für die Guten der renommierte Chirurg Professor Sauerbruch (Ulrich Noethen) und die meisten seiner Studenten, die unter schwierigsten Bedingungen für ihre Patienten kämpfen und spektakuläre medizinische Leistungen vollbringen. Viele der jungen Ärzte befinden sich im permanenten Zwiespalt zwischen Hippokratischem Eid und nationalsozialistischer Ideologie. Im Zentrum steht ein fiktives junges Ärzteehepaar, das zunächst treu zum Nationalsozialismus hält und in größte Gewissensnöte gerät, als es selbst ein behindertes Kind bekommt.

Auch diese Produktion basiert wie die Vorgängerstaffel auf Drehbüchern des Autorenduos um die Grimme-Preisträgerin Dorothee Schön sowie die Ärztin und Medizinjournalistin Dr. Sabine Thor-Wiedemann. Inszeniert wurde „Charité II“ von Anno Saul („Nord Nord Mord“, „Die Tür“), der ein neues Schauspielerensemble für die Fortsetzung gewonnen hat. In den Hauptrollen überzeugen Mala Emde („Meine Tochter Anne Frank“), Ulrich Noethen („Deutschland 83“), Jannik Schümann („Die Mitte der Welt“), Frida-Lovisa Hamann („Zwischen Himmel und Hölle“), Jacob Matschenz („Babylon Berlin“) und Artjom Gilz („Milk & Honey“).

Anni studiert während des Zweiten Weltkriegs Medizin an der Charité und ist überzeugt von der Rassen-Ideologie der Nazis. Sie erwartet freudig ein Kind des angesehenen Kinderarztes Dr. Artur Waldhausen. Als sich jedoch ausgerechnet das Baby des „arischen Vorzeigepaares“ nach der Geburt nicht normal entwickelt, stehen schwierige Entscheidungen an. Professor Sauerbruch führt spektakuläre Operationen durch, assistiert von seiner deutlich jüngeren Frau Margot und dem zwangsverpflichteten Franzosen Dr. Adolphe Jung. Sauerbruch wird immer wieder um Hilfe gebeten, auch vom Psychiater Karl Bonhoeffer, dessen Schwiegersohn Hans von Dohnanyi in der Charité Schutz vor der NS-Justiz sucht. Gleichzeitig treibt der Leiter der Psychiatrie, Max de Crinis, das Euthanasieprogramm voran. Je mehr der Krieg sich Berlin nähert, desto dramatischer wird die Situation an der Charité, bis schließlich alles in der letzten Folge „Stunde Null“ eskaliert. Nach dem Ende des Krieges entspannt sich die Lage in der Klinik allmählich. Ärzte und Patienten sehen nach Wochen in Bunkern und Kellern zum ersten Mal wieder das Tageslicht. Erschöpft übergibt Sauerbruch die Klinik den Russen. Bis zuletzt hat er unermüdlich Verletzte operiert. Man darf gespannt sein, ob es eine dritte Staffel geben wird, dann vielleicht über die Zeit während der zweiten deutschen Diktatur im letzten Jahrhundert, als das SED-Regime die Charité zu einem Vorzeige-Krankenhaus entwickelte.

Leider ist auf der Blu-ray Disc außer den 300 Filmminuten kein Bonusmaterial enthalten. Ideal wäre die Dokumentation „Medizin unterm Hakenkreuz“ gewesen, die im Fernsehen gezeigt wurde. Sie füllt die Wissenslücken, die in der historisch unterlegten fiktionalen Story der Miniserie zu kurz kommen. Viele Ärzte wie Sauerbruch waren 1933 noch begeistert vom neuen Regime, denn die national-konservative Gesinnung war unter den Ärzten vorherrschend. 1945 operiert er rund um die Uhr Kriegsverletzte im engen Bunker unter seiner Klinik, während darüber in den Trümmern der Häuserkampf tobt. In diesen 12 Jahren ist Ungeheuerliches geschehen. Ärzte, die aus Beruf und Berufung angetreten sind, Leben zu retten, werden Vordenker und Ausführende der NS-Rassengesetze, Mittäter und Wegebereiter einer verbrecherischen Medizin. Keiner der international hoch geachteten Professoren wie Ferdinand Sauerbruch, Walter Stoeckel oder Georg Bessau werden Parteimitglieder, doch sie dienen den Nazis als Aushängeschilder. Von den 20 Ärzten, die im Nürnberger Ärzteprozess nach dem Krieg angeklagt wurden, waren sieben Berliner Hochschulmediziner, darunter auch Ärzte der Charité. (Rezension 25.03.2019)