Best of Volker Schlöndorff – Rezension von Johannes Kösegi

Sechs Meisterwerke des Oscar-Preisträgers als Blu-ray Edition zum 80. Geburtstag

Anlässlich des 80. Geburtstages von Volker Schlöndorff erscheint bei Arthaus die Blu-ray-Edition „Best of Volker Schlöndorff“. Sie enthält sechs seiner größten Meisterwerke aus der Zeit von 1966 bis 1991 mit einer Gesamtlauflänge von 679 Minuten.

Der mit seiner damaligen Frau Margarethe von Trotta inszenierte Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wurde neu in 4K restauriert, außerdem gibt es mit „Der junge Törless“ und „Tod eines Handlungsreisenden“ zwei Blu-ray-Premieren. Viele deutsche Charakterdarsteller wie Katharina Thalbach, Barbara Sukowa, Otto Sander, Hanna Schygulla, Walter Sedlmayr und Mario Adorf wirken mit.

Der am 31. März 1939 in Wiesbaden geborene Arztsohn Volker Schlöndorff gilt als einer der erfolgreichsten Nachkriegsregisseure in Deutschland. Höhepunkt seiner Karriere war der Oscar für die Verfilmung von „Die Blechtrommel“ nach dem Roman Günther Grass. Schlöndorff hat eine Vorliebe für Verfilmungen deutscher und internationaler Literaturklassiker. Als Mittler zwischen Autoren- und Publikumsfilm widmet er sich gern jenen Vorlagen, die gemeinhin als unverfilmbar gelten und macht sie einem breiten Zuschauerkreis zugänglich. Dabei schließen sich Tiefgang, politische Aussage und Unterhaltung nicht aus. Die hier präsentierten Filme zeigen beispielhaft die Vielseitigkeit und Konsequenz, mit denen er seine Ideen umsetzte. Schlöndorffs Eloquenz und Bildung kommen immer wieder im Bonusmaterial zum Ausdruck. Neben zahlreichen Dokumentationen und Interviews gibt es PDF-Dokumente mit Presseheften und Drehbüchern, was die Edition zu einer wahren Fundgrube für Schlöndorff-Fans und Freunde anspruchsvoller Filme macht.

Angefangen hat Schlöndorffs Karriere mit einem Schüleraustausch 1956 in Frankreich. Aus dem Kurzaufenthalt werden zehn Jahre. In Paris studiert er politische Wissenschaft und lernt am Institut des hautes études cinématographiques (IDHEC) Louis Malle kennen. Schlöndorff arbeitet nun als dessen Regie-Assistent, außerdem mit Alain Resnais, Jean-Pierre Melville und seinem Schulfreund Bertrand Tavernier zusammen. Für sein Drehbuch zu „Der junge Törless“ (1966), dem frühesten Film in dieser Edition nach dem Roman von Robert Musil, erhält Schlöndorff eine Prämie von 200.000 DM und beginnt 1965 mit den Dreharbeiten. Thomas Törless kommt auf ein Internat für Jungen aus wohlhabenden Kreisen. Schnell durchschaut er die Machtstrukturen, hält sich aber bewusst im Hintergrund. Mit zwei Schülern gründet er eine Art Geheimbund. Als der Außenseiter Basini des Diebstahls überführt wird, zeigen sie ihn nicht bei der Internatsleitung an, sondern quälen und missbrauchen ihn. Törless ist von Gewalt fasziniert und angewidert zugleich. Das Regiedebüt von Volker Schlöndorff wurde mit drei Deutschen Filmpreisen und dem FIPRESCI-Preis in Cannes 1966 ausgezeichnet.

Bis Mitte der 1970er Jahre behandeln seine Filme oft das Thema der Rebellion und beziehen sich damit auf die aktuelle gesellschaftliche Situation. In „Baal“ (1969) nach Berthold Brechts Bühnenstück kann man Rainer Werner Fassbinder in der Titelrolle auf unnachahmliche Weise erleben. Nicht zuletzt angeregt von seiner Lebensabschnittspartnerin Margarethe von Trotta hat Schlöndorff auch immer wieder starke Frauenrollen aufgegriffen. Die Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) wird der erste wirkliche Kassenerfolg des Jungen Deutschen Films. Auf einer Karnevalsparty lernt die junge Katharina Blum den attraktiven Ludwig Götten kennen und verliebt sich. Sie ahnt nicht, dass Ludwig als Deserteur und Anarchist gesucht wird. Die Nacht, die sie mit ihm verbringt, verändert ihr Leben für immer. Ihre Wohnung wird durchsucht, sie wird verhaftet, verhört und erniedrigt. Die Boulevardpresse, allen voran der Sensationsjournalist Tötges, startet eine gnadenlose Hetzkampagne gegen die einfache Frau, veröffentlicht Details aus ihrem Privatleben und stilisiert sie zur Verbrecherin. Gedemütigt und ihrer Ehre beraubt, wird Katharina zur Mörderin. In der exzellenten Besetzung glänzt Angela Winker in der Titelrolle, sie wurde dafür mit dem Filmband in Gold geehrt.

Die Verfilmung von Günter Grass‘ Roman „Die Blechtrommel“ (1978) wird Schlöndorffs größter Erfolg, der ihm die Goldenen Palme in Cannes und einem Oscar einbringt, was ihm den Weg zu internationalen Großproduktionen ebnet. Der frühreife Oskar ist 1927 in Danzig gerade erst drei Jahre alt geworden. Und doch ist ihm bereits klar, dass er das kleinbürgerliche Leben der Erwachsenen nicht akzeptieren will. Er hört auf zu wachsen und protestiert auf seiner Blechtrommel gegen fanatische Nazis und deren feige Mitläufer. Erst als nach dem Krieg eine menschlichere Zeit beginnt, beschließt Oskar wieder am Leben teilzunehmen und wächst weiter.

Später arbeitet Schlöndorff in den USA und verfilmt mit Dustin Hoffman in der Titelrolle 1985 Arthur Millers Bühnenstück „Tod eines Handlungsreisenden“ mit großer Detailtreue und exzellenter Besetzung. Seit fast vier Jahrzehnten arbeitet Willy Loman ziemlich erfolglos als Handlungsreisender. Als ihm plötzlich gekündigt wird, versucht er weiterhin, seinen unerschütterlichen Glauben an den amerikanischen Traum und die damit verbundene Scheinwelt gegenüber seiner Familie aufrecht zu erhalten. Sein Sohn Biff (John Malkovich) führt ihm die Realität vor Augen und löst damit eine folgenschwere Reaktion bei seinem Vater aus. Dustin Hoffman wurde für seine herausragende Darstellung mit dem Golden Globe und dem Emmy Award ausgezeichnet.

Schlöndorffs Verfilmung von „Homo Faber“ (1991) nach Max Frischs Roman ist der jüngste Film in der Edition. Auf einer Flugreise trifft der UNESCO-Ingenieur Walter Faber auf den Bruder seines Studienfreundes Joachim Henke. Dieser hat Fabers Jugendliebe Hannah geheiratet, doch bevor er ihn besuchen kann, begeht Joachim Selbstmord. Auf einer Schifffahrt nach Europa lernt Faber die junge Sabeth kennen und verliebt sich in sie. Als sie später verunglückt, erfährt er, dass sie seine Tochter ist. Trotz einer großartigen Inszenierung und glänzenden internationalen Darstellern kann Schlöndorff mit diesem ersten Film nach seiner Rückkehr aus den USA nicht an frühere Erfolge anknüpfen.