„Tess“, „Bitter Moon“, „Die neun Pforten“ – Rezension von Johannes Kösegi

Nach einer Sonderedition des Historiendramas „Der Pianist“ erscheinen bei StudioCanal jetzt drei weitere Einzelveröffentlichungen mit Filmen von Roman Polanski. Sie stammen aus der Zeitspanne von 1978 bis 1992 und zeigen einmal mehr die Genrevielfalt in Polanskis filmischem Werk, die vom Psychodrama über Parodie und Farce bis zur Theaterverfilmung und Thriller reicht. Dabei spielen immer wieder die menschlichen Urängste, Schuld, Gewalt und Zerstörung eine wichtige Rolle. Dies hängt auch mit Polanskis eigener Biografie zusammen. Geboren 1933 in Paris als Sohn staatenloser, jüdischer Migranten floh die Familie 1937 vor dem aufkommenden Antisemitismus und kehrte nach Krakau zurück.

1940 musste der siebenjährige Roman Polanski miterleben, wie seine Mutter verhaftet wurde und viele Familienmitglieder in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Mit viel Glück, aber schwerverletzt überlebte er den Naziterror. Gewalt, Not und Elend gehörten wie der allgegenwärtige Tod zu seinem Alltag. Nach diesen furchtbaren Kriegserlebnissen erlebte er ein weiteres Trauma, als 1968 seine hochschwangere Frau Sharon Tate, die in „Tanz der Vampire“ ein Jahr zuvor die weibliche Hauptrolle gespielt hatte, von Mitgliedern einer okkulten Hippie-Kommune grausam ermordet wurde. All diese Erlebnisse spiegeln sich mehr oder weniger in vielen seiner Filme wider.

Aber es gibt immer wieder auch lichtere Momente, so etwa in dem fast dreistündigen romantischen Drama „Tess“ (1979). Polanskis Verfilmung des 1891 veröffentlichten Romans „Tess von den d’Urbervilles: Eine reine Frau“ von Thomas Hardy wurde 1981 mit drei Oscars ausgezeichnet, für das Szenenbild, die beste Kamera sowie das Kostümdesign, und konnte außerdem zahlreiche weitere Preise gewinnen. Für die Hauptdarstellerin Nastassja Kinski („Tatort – Reifezeugnis“, „Paris, Texas“, „Katzenmenschen“, „Tödliche Geschwindigkeit“) war dieses Filmepops der Durchbruch als Schauspielerin. Die Geschichte spielt im 19. Jahrhundert in Südengland. Die schöne Tess, Tochter der verarmten Bauernfamilie Durbeyfield, wird von ihrem Vater zu ihren reichen Verwandten der Familie d’Urbervilles geschickt, um für sie zu arbeiten. Nach einem Tanzabend wird sie vom Sohn der Familie, Alec d’Urbervilles, vergewaltigt und erwartet ein Kind von ihm. Verzweifelt kehrt Tess zu ihrer Familie zurück, wo das Kind schließlich stirbt. Trost findet die junge Frau beim Pastorensohn Angel Clare, bis dieser unter unglücklichen Umständen von ihrer Vergangenheit erfährt.

Stilistisch ganz anders ist Polanskis romantisch und gefühlvoll inszenierter Erotikthriller „Bitter Moon“ (1992; 139 Minuten) mit Hugh Grant („Paddington 2“, „Mitten ins Herz – Ein Song für dich“, „Tatsächlich … Liebe“) und Emmanuelle Seigner („Nach einer wahren Geschichte“, „Die Lebenden reparieren“, „Venus im Pelz“) in den Hauptrollen. Eine Mittelmeerkreuzfahrt soll der monoton gewordenen Ehe von Nigel (Hugh Grant) und Fiona (Kristin Scott Thomas) neuen Schwung verleihen. An Bord trifft das junge britische Paar auf den gelähmten Schriftsteller Oscar (Peter Coyote) und seine deutlich jüngere Frau Mimi (Emmanuelle Seigner). Nigel kann sich der Faszination von Mimis mysteriöser Schönheit nicht entziehen, zumal ihm Oscar in stundenlangen Gesprächen intime Details aus seiner Ehe offenbart. Häppchenweise erzählt er die Geschichte ihrer Liebe, die mit Leidenschaft begann und über sexuelle Obsessionen in zerstörerischem Hass endete. Nigel gerät mehr und mehr in den Bann der verführerischen Mimi und ihres zynischen Mannes, und auch Fiona wird in das bizarre Spiel hineingezogen.

Neben Theaterstücken („Macbeth“) hat Polanski öfters literarische Vorlagen für seine Filme verwendet. Die bildgewaltige Verfilmung „Die neun Pforten“ (1999; 133 Minuten) nach dem spanischen Bestseller „Der Club Dumas“ von Arturo Pérez-Reverte mit einem brillanten, mysteriösen Johnny Depp („Mord im Orient-Express“, „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, „Fluch der Karibik“) in der Hauptrolle bietet Hochspannung bis zum Schluss. Für den Film erhielt Polanski im Jahr 1999 den European Film Award. Buchspezialist Dean Corso (Johnny Depp) soll für den reichen Sammler Boris Balkan (Frank Langella) die letzten drei Exemplare eines okkulten Buches miteinander vergleichen. Es ist ein brisanter Auftrag, denn angeblich hat Mephisto persönlich das Buch mitverfasst und als Schlüssel zu seinem Reich benutzt. Auf der Suche wird Corso hartnäckig von der Witwe des Mannes verfolgt, den das Buch in den Selbstmord getrieben hat. Mysteriöse, unerklärliche Vorfälle führen den rationalen Wissenschaftler immer wieder in die Irre, und eine geheimnisvolle junge Dame scheint jeden seiner Schritte genau zu überwachen. Dieser Film enthält einiges Bonusmaterial, darunter „Inside Roman Polanski“, Making-of, ein Gespräch mit Roman Polanski, weitere Interviews, einen Audiokommentar von Roman Polanski und einen Trailer. (12.01.2019)