„St. Pauli-Landungsbrücken“ – Rezension von Johannes Kösegi

Erstmals komplett alle 60 Folgen in einer Box – neu auf DVD

Die Landungsbrücken im Hamburger Stadtteil St. Pauli sind das Herzstück des alten Hamburger Hafens und bilden eine Nahtstelle zwischen S-Bahn, U-Bahn, Bus und Fährbetrieb. Sie wurden 1839 als Anlegeplatz für die großen Dampfer errichtet, und ihnen verdankt Hamburg seinen Beinamen „Tor zur Welt“.

Hier verließen Millionen Menschen ihre Heimat, heute starten dort die Hafenrundfahrten und es schlägt der Puls der Zeit in der geschäftigen Metropole. In den Jahren 1979 bis 1982 entstand dort die 60-teilige Fernsehserie „St. Pauli-Landungsbrücken“, die von Studio Hamburg für den Norddeutschen Rundfunk produziert und in den Regionalsendern der ARD im Vorabendprogramm ausgestrahlt wurde. Erstmals ist jetzt die komplette Serie digital restauriert in Bild und Ton auf 8 DVDs in einer einzigen Box unter der Lizenz von Studio Hamburg bei Pidax erschienen. Die 60 Folgen haben eine Gesamtlaufzeit von 1471 Minuten, was etwas mehr als einem vollen 24-Stunden-Tag entspricht.

Trotz dieser epischen zeitlichen Dimensionen kommt bei „St. Pauli-Landungsbrücken“ keine Langeweile auf, auch nicht, wenn man eine Folge nach der anderen betrachtet. Immer wieder neue Gesichter, mehr oder wenig bekannte, treten in Erscheinung und erzählen Geschichten von ganz normalen Bürgern der Mittel- und Unterschicht. Kriminalität und Polizeieinsätze sind äußerst selten, denn Krimiserien gibt es im Fernsehen mehr als genug. Eine Millionenstadt hat genügend andere Probleme, die nichts mit Verbrechen zu tun haben. Eine Konstante in der Serie ist lediglich die mütterliche Blumenverkäuferin Lenchen Ebelmann, verkörpert von Inge Meysel, als die sie ironischerweise von einigen handelnden Personen wirklich gehalten wird. In Vertretung tritt in mehreren Episoden ihre Schwester auf, dargestellt von Eva Maria Bauer.

Rolf Beckers Off-Stimme im Vorspann jeder Folge macht deutlich, um was es in den einzelnen Folgen geht: „Landungsbrücken, Tor zur Welt, aber auch Schnittpunkt von Bahn und Straße, Bus- und Schiffslinie, Durchgangsstation für Touristen und viele Menschen, die im Hafen arbeiten. Unterschiedliche Schicksale, unterschiedliche Geschichten, die im Häusermeer der Großstadt im Verborgenen bleiben.“ Vielfältig wie die Darsteller wechseln auch die Regisseure, darunter Dieter Kehler und Dieter Wedel („Die Affäre Semmeling“). Unter den Schauspielern sind viele, die bereits aus Film und Fernsehen bekannt waren und solche, die ihre große Karriere noch vor sich hatten, darunter Evelyn Hamann, Helga Feddersen, Witta Pohl, Walter Richter, Barbara Sukowa, Elisabeth Volkmann, Iris Berben, Jan Fedder, Gerda Gmelin, Hans Häckermann, Klaus Löwitsch, Arthur Brauss, keiner war sich zu schade für diese Kurzepisoden.

Diese Serie, die in kurzer Zeit spannende abgeschlossene Geschichten erzählt, erfordert schauspielerische Leistungen und talentierte Drehbuchautoren und Regisseure. Hier, wo viele Nationen, Sprachen und Bildungsschichten zusammentreffen, kann der Alltag nicht ohne kleine und auch einmal etwas größere Probleme ablaufen. Es geht um die nicht erfüllte Liebe, pubertierende Mädchen im Konflikt mit ihren Eltern, Geldprobleme in der Haushaltskasse, missglückte Geburtstagsfeiern oder Frauen, die sich im Beruf selbst verwirklichen wollen und von ihren traditionell denkenden Männern daran gehindert werden. Schließlich hat ein Mann seine Familie zu ernähren. Obwohl Hamburg schon immer weltoffener und liberaler war als andere deutsche Städte, etwa München, war man damals noch lange nicht so weit wie heute. Die Serie beweist auch, dass München und Berlin zwar größere Filmstudios haben, aber Hamburg mit Hafen, Landungsbrücken, altem Elbtunnel, Docks, Speicherstadt und der Silhouette mit dem „Michel“ als Außenkulisse einfach unschlagbar ist.

Diese Serie aus der Kinderstube des deutschen Fernsehens mit Geschichten und Schicksalen aus dem Häusermeer einer Großstadt beweist einmal mehr den hohen Rang des monopolistisch geführten öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens in einer Zeit, als es noch kein Kommerzfernsehen gab. Welche Qualität haben diese kleinen abgeschlossenen Episoden von 25 Minuten Dauer im Vergleich zu der heute produzierten Massenware an seichten Endlosserien mit Gelegenheitsdarstellern und Hunderten von Folgen.