Drei frühe Hamburger Polizeiserien erstmals komplett auf DVD – Rezension von Johannes Kösegi

Willkommener Kontrast zum heutigen Krimi-Einerlei

Viele Vorläufer der aktuellen Serien und Reihen von Fernsehkrimis sind heute bei vielen in Vergessenheit geraten oder sie haben sie gar nicht mitbekommen. Dabei lagen sie oft näher an der Realität als zum Beispiel die heute bis ins Lächerliche verzeichneten Krimisatiren, Western- oder Horrorfilm-Parodien vieler neuer „Tatort“-Folgen. Damals entstammten die Drehbücher nicht der Fantasie eines mehr oder weniger originellen Erfinders fiktionaler Geschichten, sondern direkt aus der Zusammenarbeit mit der Polizei. Neben dem „Kriminalmuseum“ im ZDF, einem Vorläufer von „Der Kommissar“, entstanden unter der Obhut des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg an realen Fällen orientierte Polizeiserien, die jetzt erstmals komplett in drei DVD-Boxen unter der Lizenz von Studio Hamburg bei Pidax erschienen sind.

Die insgesamt 20 DVDs haben eine Gesamtlaufzeit von 3547 Minuten, das sind fast 60 Stunden. Erfreulich an allen drei Serien ist neben den schönen Hamburger Außenkulissen, dass nicht wie bei „Tatort“ oder anderen Formaten besonders Mord und Totschlag im Zentrum des Geschehens stehen, sondern eher Delikte wie Drogenhandel, Umweltverschmutzung oder Diebstahl. Dieser Kontrast zum heutigen Krimi-Einerlei macht den besonderen Reiz dieser Schätze aus der Fernsehtruhe aus. Die drei Serien entstanden in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren in den 1960er und 1970er Jahren. In diese Zeit fällt auch der Übergang vom Schwarzweiß- zum Farbfernsehen, der ab der 14. Folge der mittleren Serie zu beobachten ist. Im Gegensatz zum „Kommissar“, der aus dramaturgischen Gründen auch nach der Umstellung beim Schwarz-Weiß-Format blieb, hielt man sich beim NDR an die neuen technischen Errungenschaften des elektronischen Mediums Fernsehen.

Den Auftakt macht „Hafenpolizei“ (1963-1966) mit 37 Folgen auf 6 DVDs. Zu Beginn erklingt immer dieselbe Erkennungsmelodie, dazu erklärt eine männliche Stimme für neu Hinzugekommene, um was es in den nächsten 25 Minuten gehen wird: „Schiffe, Werften, Menschen, Energie, das ist die Hafenstadt, Heimat für Millionen. Hier kreuzen sich Schicksalswege aus aller Welt, hier liegen Gut und Böse dicht beieinander, Tag und Nacht. Eine erfahrene Polizei wacht über die Sicherheit der Stadt und ihrer Menschen. Moderne Technik steht in ihrem Dienst. Nach Unterlagen der Hamburger Wasserschutzpolizei entstand die Sendereihe „Hafenpolizei“. Sie sehen heute…“ Kommissar Peters (Til Kiwe) und seine Mitarbeiter sind für die Sicherheit am Hamburger Hafen zuständig. Sie fahnden nach flüchtigen Verbrechern, kommen Schmugglern und Menschenhändlern auf die Spur oder suchen nach einem ausgerissenen Jungen. Die Polizeibeamten haben es mit den wirklichen Straftaten zu tun, die in einem Welthafen an der Tagesordnung sind und nicht mit fiktionalen Mordgeschichten in einem Milieu von Millionärsvillen in einem Münchner Nobelvorort wie in „Der Kommissar“, „Derrick“ oder „Der Alte“. Regie bei „Hafenpolizei“ führte der 1965 während der Dreharbeiten zu dem legendären Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ verstorbene John Olden, der wie bei diesem Film und wie bei „Gestatten, mein Name ist Cox“ mit Heinz Funk als Komponist erneut zusammenarbeitete. Die dritte Staffel wurde von Hermann Leitner inszeniert. In Gastrollen spielen unter anderen Günther Stoll, Vadim Glowna, Doris Kunstmann, Richard Münch, Heidi Kabel und Bruno Dietrich. Die Box mit 6 DVDs und einer Laufzeit von 984 Minuten erhält als Bonus die Folgen „Betriebsausflug“ und „Abenteuer am Sonnabend“.

Die nahtlose Fortsetzung bildet die Serie „Polizeifunk ruft“ (1966-1970). Auf 7 DVDs sind alle 52 Folgen mit einer Gesamtlaufzeit von 1289 Minuten enthalten. Als Bonus enthält diese Box die siebte Episode „Der Pferdenarr“ in Farbe. Das Material lag nur noch Hans Schaffner vor, der es für die DVD-Veröffentlichung zur Verfügung stellte. Ab der 14. Folge „Auf schiefer Bahn“ wurde dann nur in Farbe ausgestrahlt. Auch hier gibt es noch einen einleitenden Spruch, der aber kürzer ausfällt als bei „Hafenpolizei“: „Großstadt, Menschen, Technik, Gefahr. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Polizei entstand die Serie „Polizeifunk ruft“. Sie sehen heute…“ Kriminalkommissar Koldehoff (Josef Dahmen) und sein Team sind Tag für Tag damit beschäftigt, die Straßen Hamburgs etwas sicherer zu machen. Sie haben es mit Raub und Einbruch ebenso zu tun wie mit entflohenen Strafgefangenen oder einer diebischen Anhalterin. Hauptwachtmeister Hartmann (Karl-Heinz Heß) arbeitet zunächst als Motorradpolizist für Koldehoff, doch später wird auch er in die Kriminalpolizei befördert. In der zweiten Staffel darf Hartmann an zwei polizeilichen Austauschprogrammen teilnehmen und so löst er mit seinen ausländischen Kollegen fünf Fälle in Frankreich und zwei Fälle sogar in Japan. In den Gastrollen spielen unter anderen Gisela Uhlen, Günther Ungeheuer, Harald Juhnke, Eva Pflug, Rolf Schimpf, Charles Brauer, Judy Winter, Klaus Löwitsch, Gert Haucke, Witta Pohl, Dietmar Schönherr, Henry Vahl, Doris Kunstmann, Ellen Schwiers, Uwe Friedrichsen, Rolf Zacher, Volker Kraeft, Bernd Herzsprung, Eva Maria Bauer und Peter Neusser.

Den Abschluss der Hamburger Krimi-Trilogie nach „Hafenpolizei“ und „Polizeifunk ruft“ bildet die Serie „Hamburg Transit“ (1970-1974). Auf sieben DVDs sind alle sämtliche 52 Folgen mit einer Gesamtlaufzeit von 1274 Minuten enthalten. Hamburg ist als Hafenstadt ein idealer Umschlagpunkt für Waren und Menschen. Viele sind nur auf der Durchreise, die meisten mit guten Absichten, aber einige wenige mit kriminellen Plänen. Dabei geht es um mörderische Erpressung, schweren Raub, internationale Falschgeldaffären, Körperverletzung und Unterschlagung. Das alles geschieht in der wunderbaren atmosphärisch dichten Großstadt-Kulisse Hamburgs. In Gastrollen sind viele bekannten Stars aus Film und Fernsehen zu sehen, darunter Götz George, Horst Janson, Jan Fedder, Judy Winter, Anita Kupsch, Rolf Schimpf, Charles Brauer, Günter Lamprecht, Dieter Prochnow, Edgar Hoppe und Klausjürgen Wussow. Immer wieder, jedoch nicht in jeder Folge, treten die bekannten Kripobeamten Walter Hartmann (Karl-Heinz Hess) und Schlüter (Eckart Dux) auf den Plan. Weitere Ermittler sind die Kommissare Castorp (Heinz-Gerhard Lück) und John (Gert Haucke). Hamburg Transit kommt in manchen Fällen sogar ohne Ermittler aus. Dieser ständige Wechsel sorgt für Abwechslung und lässt nie Langeweile aufkommen. So sind diese drei Serienklassiker bei aller Nostalgie auch heute noch so aktuell und spannend wie bei ihrer Erstausstrahlung vor über vierzig Jahren. (3.1.2019)