Lost Highway – Rezension von Johannes Kösegi

David Lynchs mysteriöser Thriller erstmals in HD-Qualität

Wieder einmal zeigt das Arthaus-Label unter dem Dach von StudioCanal seinen Sinn für Extravagantes und bringt nach „Eraserhead“ (1977) mit „Lost Highway“ (1997) einen weiteren vom Surrealismus beeinflussten Film David Lynchs erstmals in HD-Qualität heraus. Er wirkt wie eine Vorstudie des 2001 veröffentlichten „Mulholland Drive“ und trägt unverkennbar David Lynchs eigene Handschrift.

Die Musik stammt von Angelo Badalamenti, der auch die unvergleichliche melodische Begleitung von „Twin Peaks“ schuf. Zur reinen Laufzeit von 135 Minuten kommen noch zahlreiche Extras, die bei einem derartig geheimnisvollen und ungewöhnlichen Erzählstil nahezu unabdingbar sind. So gibt es neben acht Kurzfilmen der „The Dumbland Series“ ein Interview „10 Fragen an David Lynch“ (2005) und die Dokumentation „Hinter den Kulissen“.

David Lynch, Jahrgang 1946, gilt unter den amerikanischen Filmregisseuren als Meister des Bizarren, der zahlreiche Kultthriller der Postmoderne wie „Blue Velvet“ oder „Wild at Heart“ schuf, die Publikum und Filmkritik immer wieder polarisierten. In seinen bevorzugten Filmgenres Thriller, Horror, Film noir und Surrealismus spielen immer wieder Albträume, Verwandlungen oder das Unbewusste eine entscheidende Rolle. Lynch bekam 1990 in Cannes die Goldene Palme für „Wild at Heart“, 2006 in Venedig einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk und wurde viermal für den Oscar nominiert. Trotz dieser Erfolge waren viele irritiert und sahen in dem Regisseur eine gespaltene Künstlerseele, die er auf seine Filme projiziere. Ein markantes Beispiel dafür ist „Lost Highway“.

Unter dem Motto „Das Ende der Straße ist erst der Anfang“ erzählt „Lost Highway“ von der Verwandlung des Jazzsaxophonisten Fred Madison in den Automechaniker Pete Dayton. In den Hauptrollen sind Bill Pullman („Independence Day“, „Der Fluch – The Grudge“) Patricia Arquette („Boyhood“, „True Romance“) und Balthazar Getty („Herr der Fliegen“, Feast“) zu sehen. Die Ehe des Jazzsaxophonisten Fred Madison (Bill Pullman) ist am Abgrund. Als er nach einer Party festgenommen wird und des Mordes seiner Frau Renee (Patricia Arquette) beschuldigt wird, landet er in der Todeszelle. Geplagt von starken Kopfschmerzen und Visionen des Mystery Man, verwandelt sich Fred in den Automechaniker Pete Dayton. Die Wärter, die den unschuldigen Fremden in der Zelle finden, müssen Pete gehen lassen. Doch es stellt sich bald raus, dass alle, gefangen in ihrem eigenen Schicksal, verloren sind auf dem Lost Highway. Allein diese verworrene und kaum durchschaubare oder einem logischen Ablauf folgende Geschichte ließe sich auch so erzählen: Ein Mann ermordet seine Frau und wird dafür zum Tod verurteilt. Im Gefängnis wird aus ihm ein anderer jüngerer Mann, der ebenfalls einen Mord begeht, ehe er sich in den ersten Mann zurückverwandelt, welcher nun mit Hilfe eines Geistes einen dritten Mann ermordet, dessen Ende schon am Anfang des Films bekannt wurde. „Dick Laurent ist tot“ sagt eine Stimme in der Sprechanlage. Daraufhin kommen zwei Polizisten, und es beginnt eine wilde Verfolgungsjagd des flüchtenden Fred. Wie am Anfang sieht man wieder den Highway. Es scheint noch einmal eine Verwandlung zu erfolgen, doch Freds Leben endet scheinbar auf dem elektrischen Stuhl.

„Lost Highway“ ist mit seiner Bild- und Tonsprache die logische Fortführung von Lynchs Debütfilm „Eraserhead“ (1977) und „Blue Velvet“ (1986). Zur surrealistischen bis schizophrenen Erzählweise gesellt sich eine Bildkomposition ohne räumliche und zeitliche Kontinuität und eine fast zwanghafte körperliche und seelische Zerstörung mit Wahnvorstellungen, Gewalt, Sex und Tod.

Viele Motive in diesem Film sind Lynch-Kennern bekannt, darunter eine dunkle Straße aus „Mulholland Drive“ (2001) oder der Mystery Man aus der Fernsehserie „Twin Peaks“ (1991). Neben den vielen unlogischen teilweise kafkaesken Momenten scheinen auch immer wieder an der Realität angelehnte Stränge durch, darunter die Ehehölle zu Beginn mit einer glänzenden Patricia Arquette, die hier gleich mehrere Frauenrollen gleichzeitig verkörpert: Mädchen, Lady, Hure und Hexe. (01.12.2018)