Amerika von oben – Süd- und Mittelatlantik – Rezension von Johannes Kösegi

Vier neue US-Bundesstaaten und zwei Bonusfolgen

Für alle, die sich für Land und Geschichte der USA interessieren bietet eine Fernsehreihe des amerikanischen Privatsenders Smithsonian Channel sämtliche US-Bundesstaaten aus einem neuen Blickwinkel. Bislang sind im amerikanischen Original „Aerial America“ über 60 Episoden erschienen.

In dem ehrgeizigen Projekt werden die abwechslungsreichen Landschaften aller Bundesstaaten aus der Vogelperspektive betrachtet. Die Luftbildtour zeigt einzigartige Aufnahmen mit einer stabilen Cineflex V14HD und ist mit einem lehrreichen Kommentar unterlegt. Dabei werden historische Meilensteine ebenso erwähnt wie Nationalparks und berühmte Gebäude. Der produzierende Dokumentationssender Smithsonian Networks hebt sich angenehm von den meisten amerikanischen Kommerzsendern ab und ist im Themenspektrum vergleichbar mit arte oder 3sat. Nur etwa 30 Prozent aller Fernsehhaushalte in den USA empfangen ihn.

Studio Hamburg hat die deutsche Bearbeitung von „Aerial America“ übernommen und bringt nach der Veröffentlichung der Staaten der Westküste, der Neu-England-Staaten, der Ostküste, der Südstaaten, der Gebirgsstaaten, den Staaten um die Großen Seen, dem Südwesten und dem mittleren Westen nun als neunte Folge vier Staaten im am südlichen und mittleren Atlantik sowie als Bonus Washington D.C. und die Wildnis. Die beiden Blu-ray Discs bieten 300 Minuten atemberaubende Luftaufnahmen, die mit neuester Kameratechnik aufwendig produziert wurden. Geboten werden beeindruckende Bilder von einzigartigen Landschaften, historischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten sowie belebten Großstädten und dicht besiedelten Ballungsgebieten. Man sieht wieder einmal, wohl kein anderes Land der Welt hat derart viele Kontraste in allen Bereichen zu bieten wie die USA: unberührte Natur und endlose Weite, hohe Gebirge und von Flüssen durchzogene Wälder, daneben unzählige Whiskybrennereien im „Bluegrass State“ Kentucky, die ehemalige Hauptstadt Philadelphia, Fort Knox sowie breite Prachtstraßen, beeindruckende Architektur und imperialistische Monumente in Washington D.C., außerdem den Ankunftsort, von dem aus die Einwanderer aller Herren Länder in ihr neues Leben starteten.

New Jersey gehört zu den 13 Gründerstaaten und spielte eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika. Felder grenzen an ausgedehnte Pinienwälder, Flusstäler beschwören die Geschichte herauf und wilde Strände erstrecken sich kilometerweit. Vielen ist New Jersey wegen seiner Highways, Tunnel und die Fernsehserie „Die Sopranos“ bekannt. Aber der „Garden State“ hat weitaus mehr zu bieten. Ein reißender Wasserfall trug zur Entstehung der ersten amerikanischen Industriestadt bei. Einige der großen Hollywood-Filmstudios wurden hier gegründet, und es war ein Fernfahrer aus New Jersey, der die Idee hatte, Güter in großen Stahlbehältern um die Welt zu transportieren. Die Container machten ihn reich und veränderten den Handel weltweit. Aber die Bürger New Jerseys erlebten auch schwere Zeiten. Der Zeppelin „Hindenburg“ verunglückte bei seiner Landung in Lake Hurst. Casinos in der Spielerhochburg Atlantic City durchlebten Aufschwung und Abstieg, und Hurrikan Sandy zwang 2012 Millionen Menschen dazu, ihre Häuser zu verlassen und hinterließ eine katastrophale Verwüstung. Es wird Jahre dauern, bis sich der Küstenstaat erholt hat, aber die Bürger New Jerseys sind zäh. Das gilt auch für eine Frau, die während des Revolutionskriegs ihre persönliche Niederlage in einen Sieg für alle Frauen verwandelte, oder den Musiker Bruce Springsteen aus New Jersey, auch bekannt als „The Boss“, der half, Millionen für die Opfer der Naturkatastrophe aufzubringen. New Jersey gilt als einer der vielfältigsten Staaten seit der Gründung der USA und ist eine treibende Kraft für Amerikas Wirtschaft seit dem Tag, an dem die ersten Entdecker die Küste erreichten.

Pennsylvania war Schauplatz historischer Schlachten. Hier trafen die Armeen im großen Bürgerkrieg auf ihrem letzten großen Gefecht aufeinander, erlangte ein Boxer aus Hollywood weltweiten Ruhm und kommen Football-Fans voll auf ihre Kosten. Eins besiedelt von Flüchtlingen und Pionieren haben alte Traditionen hier noch immer ihren Platz. Für Milton Snavely Hershey waren Milch und Kakao alles, was er brauchte, um Milliarden zu scheffeln, während andere mühsam wertvolle Rohstoffe kilometertief aus der Erde holen. Hier sah Amerika einer nuklearen Katastrophe ins Auge, und auch hier bleibt die Tragödie vom 11. September 2001 unvergessen. Die Reise führt auch in zwei der bedeutendsten Städte Amerikas, die eine ist geprägt von hochgesteckten Zielen, die andere von Glas und Stahl. Pennsylvania spielte eine entscheidende Rolle spielte bei der Gründung Amerikas und heißt deshalb Keystone State, der Grundpfeiler aller Staaten.

West Virginia ist der einzige Staat der USA, der durch eine Volksabstimmung aus einem anderen Staat hervorgegangen ist. Hier findet man neblige Gipfel in den Appalachen, kleine Städte und tiefe Schluchten, geformt von einem der ältesten Flüsse der Welt. Schwere Kämpfe und brutale Schlachten wurden in West Virginia geführt. Ein Angriff, der im Namen der Freiheit unternommen wurde, ging in die Geschichte ein. Er gilt als einer der Auslöser für den Bürgerkrieg. Heute werden Szenen dieses Krieges mit Begeisterung nachgespielt. In prähistorischer Zeit hinterließen uralte Regenwälder wertvolle Bodenschätze tief im Boden West Virginias. Seit mehr als 150 Jahren werden diese abgebaut. Männer und Maschinen ließen so ganze Berggipfel einfach verschwinden. Drei große Gebirgszüge der USA treffen in diesem Bundesstaat aufeinander. In fast jedem Tal wartet eine neue Überraschung. Es gibt hier ein Luxushotel, das jahrzehntelang des Versteck eines streng gehüteten Regierungsgeheimnisses war, ein futuristisch anmutendes Institut, in dem Astronomen das Rätsel der Entstehung des Universums zu lösen versuchen und ein Bauwerk das als Tadsch Mahal Amerikas bekannt ist. Auch sportlich Aktive kommen auf ihre Kosten, von Bergsteigern auf den Gipfeln bis zum Rafting auf tosenden Stromschnellen.

Kentucky ist der Inbegriff des ursprünglichen Amerika. Es gibt viele Gründe, um diesen US-Bundesstaat zu entdecken. Schnelle Rassepferde, vollmundig schmeckender Bourbon Whiskey und nostalgische Erinnerungen prägen hier den Alltag. Die Landschaft gilt seit Jahrhunderten als paradiesisch. Die Schönheit der Täler lobte schon der legendäre Pionier Daniel Boone, der die Wilderness Road schuf und damit Tausenden von Siedlern neue Hoffnung gab. Kentucky hat zahlreiche Künstler hervorgebracht. Aus einem kleinen Dorf in den Appalachen stammt eine Bergarbeitertochter, die zum Countrymusik-Star aufsteigen sollte. Kohleabbau prägt das Land, das riesige Maschinen mit der Zeit stark veränderten. Ganze Berge wurden abgetragen, um an das schwarze Gold im Inneren zu gelangen. Während des Bürgerkriegs legte Kentucky politisch kein klares Bekenntnis ab. Hier wächst das Blue Grass noch immer prächtig, schmücken amerikanische Oldtimer die Straßen und fordern Zehntausende das Glück während der sogenannten schnellsten zwei Minuten des Pferdesports heraus.

Washington D.C. repräsentiert als Hauptstadt die ganze Nation als ein Ort voller denkwürdiger demokratischer Einrichtungen mit großen öffentlichen Plätzen und eleganten Straßenzügen. Heute wurde aus der einstigen Vision Realität, die aus Washington eine der außergewöhnlichsten Städte der USA macht. Doch bis hierhin war es ein langer, schwerer Weg. Nur knapp 25 Jahre nach der Gründung brannte Washington bis fast auf die Grundmauern nieder. Später im Bürgerkrieg war sie eine der am besten befestigten Städte der Welt. Über die Jahre erschütterten Attentate, Skandale, Massenproteste und politische Kämpfe die Stadt bis ins Mark. Doch Washington hielt all dem stand, mit seinen Sehenswürdigkeiten, einigen der meistbesuchten Museen der Welt, Denkmälern zum Gedenken Zehntausender US-Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg kämpften, bis hin zu einem Präsidenten, der die geteilte Nation einte, und Martin Luther King, der für die Bürgerrechte von Millionen Menschen kämpfte. Aber diese Stadt hat noch mehr zu bieten als nur Gedenkstätten. Sie ist auch Heimat eines Footballteams mit dem umstrittenen Namen „Redskins“. Ein bekannter Schriftsteller nannte sie einst „Stadt der großartigen Absichten“.

Die Bonusfolge „Wildnis“ zeigt einige Regionen, in denen einzig die Natur herrscht und der Mensch lediglich Besucher ist. Es sind die ursprünglichsten Gebiete des Landes, geschützt durch ein bahnbrechendes Gesetz namens Wilderness Act. Seit 50 Jahren werden dadurch Landschaften geschützt, die die Geschichte Amerikas erzählen, von den Ureinwohnern über die Ausbreitung gen Westen bis hin zum heutigen Umweltschutz für Amerikas Wildnis. (01.12.2018)