Güher & Süher Pekinel – Treasures – Rezension von Johannes Kösegi

Ein Kompendium der vierhändigen Klaviermusik mit über 14 Stunden Musikvergnügen

Das weltbekannte Klavierduo Güher und Süher Pekinel veröffentlicht sein Lebenswerk mit den bedeutendsten Werken der Literatur für zwei Klaviere. Im Alter von 67 Jahren treten die beiden türkischen Zwillingsschwestern zwar in das offizielle Rentenalter ein, bleiben aber hoffentlich der Musikwelt noch lange mit ihren begeisternden Auftritten erhalten. Dennoch war es ihnen ein Anliegen, ihr bisheriges Repertoire retrospektiv in Bild- und Tondokumenten bei Arthaus Musik vorzulegen. Die umfangreiche Edition „Treasures“ mit 2 Blu-ray Discs, 4 DVDs und 7 CDs präsentiert die größten interpretatorischen Schätze der Pekinel-Schwestern und bietet die wichtigsten Werke für Klavierduo von Bach bis Bernstein in perfekten Referenzaufnahmen, die im Studio und bei Livekonzerten entstanden. Mehrere renommierte Labels sind an dieser exklusiven Sammlung beteiligt. Die Videodokumente stammen alle aus dem aktuellen Jahrhundert und entstanden bei Konzerten in Istanbul, Florenz, London, Schwetzingen und Ludwigsburg.

Neben den Konzerten ist auch ein Gespräch aus dem Jahr 2009 und die Dokumentation „Double Life“ (2003) von Hanno Rinke enthalten. Sie erzählt den erstaunlichen Werdegang der am 29. März 1951 in Istanbul geborenen eineiigen Zwillingssschwestern Güher und Süher Pekinel. Von ihrem Vater, der zuvor in Belgien gewesen war, wurden sie in ein katholisches Internat in Istanbul geschickt, wo bei Strafe verboten war, türkisch zu sprechen. Somit der französischen und deutschen Sprache mächtig führte ihr weiterer Weg über Paris nach Deutschland. Nach der Schulzeit in der später durch Skandale in die Schlagzeilen geratenen Odenwald-Schule kamen die Pekinel-Schwestern zum Studium nach Frankfurt am Main. Hier erlebten sie hautnah die Studentenproteste der 68er mit, ließen sich aber dadurch von ihrem musikalischen Weg nicht abbringen und schlossen beide mit Einzeldiplomen ab. Rudolf Serkin wurde auf sie aufmerksam und lud sie an das Curtis Institute in Philadelphia ein. Später folgten Studien an der berühmten Juilliard School in New York, wo sie auch die russische Klaviertechnik vermittelt bekamen und ihnen empfohlen wurde, künftig als Duo aufzutreten. Schließlich ebnete ihnen Herbert von Karajan durch die Einladung zu den Salzburger Festspielen 1984 den Weg zu ihrer Weltkarriere. Seitdem genießt das Klavierduo Güher und Süher Pekinel in der internationalen Musikwelt höchstes Ansehen. Die Pianistinnen sind regelmäßig zu Gast bei renommierten Orchestern wie den Berliner und Wiener Philharmonikern, dem New York Philharmonic, Israel Philharmonic, London Philharmonia, Royal Concertgebouw Orchestra, Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Philadelphia Orchestra, Leipziger Gewandhausorchester mit international gefeierten Dirigenten wie Zubin Mehta, Sir Colin Davis oder Marek Janowski. Auf ihren ausgedehnten Tourneen, die sie in alle bedeutenden Konzertsäle Europas, des Fernen Ostens und der Vereinigten Staaten von Amerika führen, werden sie für ihre poetische Musikalität und pianistische Perfektion sowie die Stilsicherheit ihrer Interpretationen gefeiert. Nach weiten Reisen um die ganze Welt besinnen sich die beiden Schwestern auch auf ihre türkischen Wurzeln, indem sie hier kulturelle Projekte fördern und unterstützen.

Ob ihre unvergleichliche musikalische Einheit mit ihrer Zwillingsgeburt zusammenhängt, darüber kann nur spekuliert werden. Im Gegensatz zu anderen Klavierduos haben sie beim gemeinsamen Musizieren meistens keinen Blickkontakt, sondern sitzen versetzt und schauen in dieselbe Richtung. Somit können die Deckel beider Flügel wie bei einem Solokonzert aufgestellt werden und das Publikum bekommt einen besseren akustischen Eindruck, während sich die Solistinnen über ihr Gehör verständigen. Das Klavierduo Güher und Süher Pekinel zeichnet sich nicht nur durch Perfektion, Virtuosität und Ausdruck aus, es beherrscht auch alle Stufen der Anschlagstechnik vom zarten Streicheln der Tasten bis zur Nutzung des Klaviers als Schlaginstrument, wie es von Bartók oder Strawinsky verlangt wird. Obwohl beide Schwestern mehrere Sprachen perfekt beherrschen, sehen sie doch die Musik als die eigentliche „transzendierende Weltsprache, die mit ihrem Reichtum jede Seele umarmt.“

Das Repertoire der Box umfasst alle wichtigen Klavierwerke und -konzerte für zwei Klaviere vom Barock bis ins 20. Jahrhundert. Es reicht alphabetisch von Bach, Bartók über Liszt, Lutosławski, Penderecki, Poulenc bis zu Saint-Saëns und Strawinsky. Erstmals auf Blu-ray und DVD verfügbar ist ein Konzert aus Istanbul aus dem Jahr 2015. Gemeinsam mit den Perkussionisten der Berliner Philharmoniker Simon Rössler und Raphael Haeger interpretieren die Pekinels die von Bernstein eigens für sie adaptierte Version der West Side Story sowie eine Adaption der Ciaccona für zwei Klaviere von Penderecki und weitere Werke von Bartók, Gershwin und Lutosławski. Neben dem Konzert vom Borusan American Festival enthält die Edition einen Mitschnitt des Bartók-Konzerts mit Zubin Mehta vom Maggio Musicale in Florenz (2012) sowie ein Konzert von den Ludwigsburger Schlossfestspielen (2010) mit der großartigen f-moll-Fantasie von Franz Schubert und Mozarts D-Dur-Sonate KV 448, Mitschnitte einiger Bach-Konzerte in Jazz-Manier, zusammen mit dem Jacques Loussier Trio bei den Schwetzinger Festspielen (2001) und Konzerte aus der Cadogan Hall London (2007), der Tonhalle Zürich und dem Luzern Klavierfestival (2006).

Auf den sieben Audio-CDs sind zehn Klavierkonzerte (Bach, Mozart, Mendelssohn, Bruch, Poulenc, Bartók) sowie eine Jazz Version des Bach-Konzertes für drei Klaviere und viele bedeutende Werke für zwei Klaviere enthalten. Alle Aufnahmen sind so einzigartig, dass es schwerfällt, einzelne besonders hervorzuheben. Besondere Höhepunkte sind die Sonate f-moll von Brahms, die hier viel schwungvoller erscheint als in der bekannten Fassung für Klavierquintett, außerdem impressionistische Werke von Debussy und Ravel (Rhapsodie Espagnole, La Valse), spanische Folklore, großartige Klangfeuerwerke von Rachmaninow, Strawinsky (Le Sacre du Printemps) und Saint-Saëns (Karneval der Tiere). Es gibt auch Raritäten zu entdecken, wie Klavierkonzerte von Mendelssohn und Bruch oder originelle Variationen von Saint-Saëns über das Trio-Thema der Klaviersonate op. 31 Nr. 3 von Beethoven.

Das Begleitbuch bietet auf über 100 Seiten exklusive Fotos auch aus dem Privatarchiv, interessante Texte zu Werken und Interpretinnen sowie Interviews. Somit gibt es einen persönlicheren Zugang zu den Ausnahmetalenten, die seit ihrem sechsten Lebensjahr gemeinsam auf der Bühne stehen. Auf den Innenseiten der CD-Hüllen sind abstrakte Gemälde der beiden Schwestern zu sehen. Die Gesamtlaufzeit beträgt über 14 Stunden und teilt sich folgendermaßen auf die einzelnen Medien auf: 2 Blu-ray Discs (189 Minuten), 4 DVDs (333 Minuten), 7 Audio-CDs (512 Minuten). 2 Blu-ray Discs und 2 DVDs sind mit identischem Inhalt, weil Blu-ray-Spieler noch nicht in jedem Haushalt verfügbar sind. Es gibt insgesamt wenige Redundanzen, die sich für Interpretationsvergleiche anbieten.

Blu-ray Disc 1/DVD 1: Bernstein: West Side Story, Sinfonische Tänze für zwei Klaviere und zwei Percussions; Penderecki: Ciaccona; Bartók: Sonate für zwei Klaviere und Percussion; Gershwin: 3 Präludien für zwei Klaviere; Lutosławski: Paganini-Variationen für zwei Klaviere und zwei Percussions (Borusan American Festival Istanbul 2015); Blu-ray Disc 2/DVD 2: Bartók: Konzert für zwei Klaviere, Percussion und Orchester (Teatro del Maggio Musicale Fiorentino 2012); Schubert: Fantasie für vier Hände f-Moll, Mozart: Sonate für zwei Klaviere D-Dur, Debussy: En blanc et noir, Infante: 3 Andalusische Tänze, Poulenc: Élégie (en accords alternés), Brahms: Ungarischer Tanz Nr. 5 fis-moll (Ludwigsburger Schlossfestspiele 2010); DVD 3 (Schwetzinger Festspiele 2001): Bach-Jazz mit dem Jacques Loussier Trio; Bach klassisch: Konzert c-Moll für zwei Klaviere und Streicher BWV 1062; DVD 4: Mozart: Konzert Es-Dur für zwei Klaviere und Orchester (Cadogan Hall, London 2007); Poulenc: Konzert d-Moll für zwei Klaviere, Milhaud: Scaramouche Suite (Tonhalle Zürich 2007); Brahms: Sonate f-Moll für zwei Klaviere (1. Satz), Rachmaninow: Fantaisie-tableaux Suite Nr. 1 für zwei Klaviere (2. Satz), Lutosławski: Paganini Variationen (Luzern Piano Festival 2006)

4 Audio-CDs mit Klavierwerken von Bach (Choralbearbeitung „Jesus bleibet meine Freude“), Bartók, Bernstein, Brahms, Gershwin, Granados (Goyescas Nr. 4), Infante, Lecuona, Liszt (Mephisto-Walzer Nr. 1), Lutosławski, Mozart (Fantasie f-moll für eine Orgelwalze, zwei Fugen), Penderecki, Poulenc, Rachmaninow (Suiten-Sätze), Ravel (Rhapsodie Espagnole, La Valse), Saint-Saëns (Beethoven-Variationen), Strawinsky (Le Sacre du Printemps); 3 Audio-CDs mit 10 Klavierkonzerten: Bach: Konzerte für zwei Klaviere und Streicher c-moll BWV 1060, C-Dur BWV 1061, c-moll BWV 1062, Konzert d-Moll für drei Klaviere und Streicher BWV 1063 (klassisch und Jazz-Version); Mozart: Konzert Es-Dur für zwei Klaviere und Orchester; Mendelssohn: Konzert E-Dur für zwei Klaviere und Orchester; Bruch: Konzert as-Moll für zwei Klaviere und Orchester; Poulenc: Konzert d-Moll für zwei Klaviere und Orchester; Bartók: Konzert für zwei Klaviere, Percussion und Orchester; Saint-Saëns: Karneval der Tiere; Milhaud: Scaramouche (Brazileira) (27.11.2018)