„Die Räuber“ und „Die Weber“ – Rezension von Johannes Kösegi

Klassische Theaterinszenierungen des DDR-Fernsehens

Immer wieder neue Schätze aus dem DDR-Fernseharchiv kommen als DVD ans Tageslicht. Besondere Verdienste haben sich dabei die Medienunternehmen Icestorm aus Berlin und Studio Hamburg gemacht. Bei Studio Hamburg erscheinen jetzt erstmals zwei Theaterinszenierungen des DDR-Fernsehens aus den 1960er Jahren.

Es sind Raritäten der Fernsehgeschichte mit prominenter Besetzung. Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“, 1782 in Mannheim uraufgeführt, wurde 1967 aufwendig vom DDR-Fernsehen unter der Regie von Gerd Keil aufgezeichnet. Das während der Zeit des Sturm und Drang entstandene Schauspiel hat eine Dauer von 162 Minuten und ist in fünf Akte gegliedert, welche jeweils in mehrere Szenen unterteilt sind. Die Hauptrollen verkörpern Dieter Mann und Eberhard Esche als die Brüder Franz und Karl Moor, die im 18. Jahrhundert gegen die kleinstaatliche Enge und den feudalen Despotismus in der Gesellschaft aufbegehren. Dies tun sie jedoch nicht gemeinsam, sondern als Rivalen mit unterschiedlichen Absichten und Zielen. Franz ist der zweitgeborene Sohn und hat sich zeitlebens ungeliebt gefühlt, im Gegensatz zu seinem Bruder Karl, der sich zum Studium in Leipzig aufhält. Franz versucht durch Intrigen seinen Bruder auszuspielen, um an das Erbe seines Vaters, des Grafen Maximilian von Moor, heranzukommen. Während es Franz um die Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse, um Macht und Reichtum geht, hat Karl die Vision einer neuen, besseren Gesellschaft. Die dazu notwendige Unterstützung findet er in einer Räuberbande, deren Anführer er wird. Bald muss er allerdings erfahren, dass man mit Anarchie weder die Massen hinter sich bringen noch die bestehende Ordnung anfechten kann. Am Ende scheitern beide Brüder. Franz, der zuletzt als gewissenloser Herrscher über das Familienschloss von den Räubern bestürmt wird, sieht keinen Ausweg und richtet sich selbst. Karl, der wegen seiner räuberischen Taten zunehmend in Gewissenskonflikte gerät, liefert sich der Justiz aus, nachdem er keine andere Lösung mehr sieht. Von den übrigen Darstellern ist heute noch Gunter Schoß bekannt.

Gut hundert Jahre später als „Die Räuber“ wurde Gerhart Hauptmanns fünfaktiges Sozialdrama „Die Weber“ 1893 in Berlin uraufgeführt. Auch davon gibt es jetzt eine beispielhafte Inszenierung des DDR-Fernsehens unter der Regie von Hubert Hoelzke aus dem Jahr 1962 erstmals auf DVD. Das Drama um die spontanen Weberaufstände von 1844 in den schlesischen Provinzen hat eine Laufzeit von 69 Minuten und ist hochkarätig besetzt mit Günter Naumann, Manfred Borges, Wolfgang Sasse, Sabine Thalbach und vielen anderen bekannten DDR-Schauspielern. Die ausgemergelten Weber liefern beim Fabrikanten Dreißiger ihre Heimarbeiten ab und erhalten ihren Lohn, von dem sie nicht leben und nicht sterben können. Vom Hunger getrieben bitten sie um mehr Geld, doch ohne Erfolg. Nur der junge Bäcker und der Reservist Jäger wehren sich, und es gelingt beiden, eine große Schar der Weber zur Auflehnung gegen den Fabrikanten zu ermutigen. Sie dringen in sein Haus ein und verwüsten es, worauf hin er die Flucht ergreift. Die Revolte geht weiter, die Weber ziehen durch die umliegenden Dörfer, in denen sich ihnen weitere Menschen anschließen. Wenig später kommt das Militär, um gegen die aufgebrachte Menge einzuschreiten und die alte Ordnung wiederherzustellen.

Ähnlich wie Schillers „Die Räuber“, das zunächst anonym veröffentlicht werden musste, stieß auch Hauptmanns „Die Weber“ wegen seiner Gesellschaftskritik auf Widerstand bei der Obrigkeit. Gerhart Hauptmanns berühmtes Drama wurde 1892 von der Zensurbehörde in Berlin zunächst verboten. Dies beweist die anhaltende Brisanz des Themas noch 50 Jahre nach dem wahren Aufstand. Hauptmann zeichnet ein erschütterndes Bild der Lebensbedingungen als Folge der Industrialisierung und des beginnenden Kapitalismus. Dabei gelingt es ihm, den Aufstand gleichsam dokumentarisch und objektiv darzustellen, was das Drama bis heute spannend und aktuell macht. Diese beiden mustergültigen Inszenierungen eignen sich wegen ihrer zeitlosen klassischen Darstellung auch bestens für den Deutschunterricht in Schulen. (23.11.2018)