Terra X: Der Dreißigjährige Krieg – Rezension von Johannes Kösegi

Anlässlich des 400. Jahrestages zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges brachte das Fernsehen mehrere Beiträge zu dieser historischen Katastrophe ungekannten Ausmaßes, die über ein Drittel der deutschen Bevölkerung auslöschte. Besonders gelungen war der 90-minütige ZDF-Zweiteiler „Der Dreißigjährige Krieg“ (2018) in der Reihe „Terra X“, der jetzt bei Studio Hamburg auf Blu-ray Disc erscheint.

Tagebücher und Briefe ermöglichen einen neuen Zugang zu den verheerenden Ereignissen aus der Sicht der einfachen Menschen. Als Bonus gibt es die 135-minütige dreiteilige ZDF-Dokumentation „Mit Gottes Segen in die Hölle – Der Dreißigjährige Krieg“ (2003).

Was 1618 mit dem Prager Fenstersturz als lokaler Konflikt in Böhmen begann, entwickelte sich zu einem Krieg von bis dahin unbekannter Dimension. Alle wichtigen Mächte Europas waren an ihm beteiligt. Schlachten, Misshandlungen der Zivilbevölkerung, Hungersnöte und Seuchen entvölkerten weite Teile Deutschlands. Erst 1648 wurde der Krieg durch den Westfälischen Frieden beendet. Auf der einen Seite standen der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, einige Reichsfürsten und das verbündete Spanien, auf der anderen Seite verbündeten sich deutsche Landesfürsten, die Niederlande, sowie zeitweise Frankreich, Dänemark und Schweden in einer europäischen Allianz, die der drohenden Übermacht des Kaisers die Stirn bieten wollte. Der Dreißigjährige Krieg war kein reiner Religionskrieg, es ging mehr um die Macht in Europa. Ausgetragen wurde er auf deutschem Boden, auf Kosten der Zivilbevölkerung. Riesige Söldnerheere zogen marodierend durch Deutschland. Erst als das Land völlig ausgeblutet war, fand die Vernichtung ein Ende.

In neu entdeckten Ego-Dokumenten berichten einfache Menschen von ihrem Leben im Dreißigjährigen Krieg, daher lautet der Titel des ersten Teils „Tagebücher des Überlebens“. Ego-Dokumente sind Selbstzeugnisse, in denen Menschen ihre persönlichen Wahrnehmungen niedergeschrieben haben in Tagebüchern, Briefen, Strafprozessakten oder Chroniken. Der Schuster Hans Heberle sah bei Ulm einen Kometen als ein Vorzeichen schrecklichen Unheils. Etwa zur gleichen Zeit im Jahr 1618 gab der Prager Fenstersturz den Zündfunken zum großen Krieg. Wenig später erlebte Heberle die wohl erste galoppierende Inflation der mitteleuropäischen Geschichte und erlebte, wie überall Söldner angeworben wurden. Unter ihnen war Peter Hagendorf, der genauso wie Heberle Tagebuch führte. Er war in Stade lange im Lager und musste zeitweise hungern.

Mit dem Eingreifen des schwedischen Königs Gustav II. Adolf trat der Krieg in eine neue Phase ein. In Magdeburg erlebte der zwölfjährige Daniel Friese 1631 die Einnahme der Stadt durch die Kaiserlichen. „Magdeburgisieren“ war noch bis ins vergangene Jahrhundert ein geläufiger Ausdruck für Plündern, Brandschatzen und Morden ohne Gnade. Ein weiterer Zeitzeuge, Pater Caspar Wiltheim, war bemüht, die entfesselte Gewalt der Söldner in Magdeburg zu bremsen. Einer Frau, die bei ihm Schutz vor Vergewaltigung suchte, half er aber erst, nachdem sie sich mit einem „Ave Maria“ zum katholischen Glauben bekannte. Der Söldner Peter Hagendorf wurde beim Kampf um Magdeburg verwundet. In Schwabach bei Nürnberg erlebte die 30-jährige Müllerin Anna Wolf den Angriff der kaiserlichen Streitmacht. Aus Angst vor Vergewaltigung versteckte sie sich auf dem Dachboden ihrer Mühle.

Mit Hans Heberle, dem schwäbischen Schuster, und seiner Familie beginnt der zweite Teil „Verwüstung und Versöhnung“. Heberle muss mehrfach fliehen, zunächst in den Wald. Später suchte die Familie Schutz hinter den vermeintlich sicheren Mauern der Stadt Ulm, wo sie jedoch die schrecklichen Auswirkungen der Pest aus nächster Nähe erlebte. Bei Lützen trafen die Schweden und die Kaiserlichen zu einer großen Schlacht aufeinander. Gustav II. Adolf, der schwedische König, wurde dort tödlich getroffen. In der Schlacht bei Nördlingen wurden die Schweden vernichtend geschlagen. Doch durch das Eingreifen Frankreichs sollte der Krieg noch verheerende vierzehn Jahre lang weitergehen. Am Ende des zweiten Teils stehen die Friedensverhandlungen von Münster und Osnabrück. Daniel Friese, der als Kind die Einnahme von Magdeburg miterleben musste, war als Mitglied einer kleinen Delegation dabei. 1648 waren die jahrelangen Verhandlungen endlich erfolgreich und es wurde Frieden geschlossen.

Der Bonus-Dreiteiler „Mit Gottes Segen in die Hölle – Der Dreißigjährige Krieg“ (ZDF 2003) mit den Folgen „Mythos Wallenstein“, „Kampf der Giganten“ und „Ende eines Rebellen“ basiert auf wissenschaftlichen Untersuchungen und zeigt bewegende dokumentarische Bilder. Militärhistoriker rekonstruieren die Schlachten, die Bedeutungen der einzelnen Kampfgruppen, ihre Waffen und Strategien. Im ersten Teil „Mythos Wallenstein“ sterben Millionen Menschen durch Gewalt, Seuchen und Hunger während des Dreißigjährigen Kriegs, der mit dem „Prager Fenstersturz“ 1618 seinen Anfang nimmt. 1618 ist auch das Geburtsjahr einer unglaublichen Karriere, die einen einfachen böhmischen Adeligen zum mächtigsten Mann seiner Zeit befördert: Albrecht von Wallenstein. Er wird zum Schwertarm des Kaisers und seiner Katholischen Liga. Er führt sein mehrere 100.000 Mann starkes Heer von Sieg zu Sieg, sammelt Titel und Fürstentümer. Der zweite Teil „Kampf der Giganten“ stellt die Wirklichkeit der einfachen Soldaten und ihrer Familien dar. Er endet mit der Schlacht von Lützen, dem letzten Duell zwischen dem kaiserlichen General und dem königlichen Feldherrn. Als mit Magdeburg eine Hochburg des Protestantismus untergeht, fordern die Anhänger des reformierten Glaubens Vergeltung. Eine alte Prophezeiung kündet von einem Helden aus dem Norden, der den Kaiser besiegen wird. Sie scheint mit dem schwedischen König Gustav II. Adolf Wirklichkeit zu werden. Seine Anhänger feiern ihn als einen Messias, als Retter des Protestantismus, seine Gegner fürchten ihn als genialen Feldherrn. Nichts scheint seinen Triumphzug stoppen zu können. Die Schweden erobern Deutschland bis nach Bayern. Nur Wallenstein kann das Haus Habsburg retten. An der Spitze der größten Streitmacht, die das Deutsche Reich jemals sah, tritt er dem schwedischen Usurpator entgegen. In der mächtigen Reichsstadt Nürnberg kommt zum Kampf der Giganten. Der dritte Teil „Ende eines Rebellen“ zeigt das alltägliche Elend der Menschen und die wachsende Furcht von Wallensteins Gegnern. Dessen Truppen und Kanonen eröffnen ihm auf dem Zenit seiner Macht alle Möglichkeiten, selbst die Kaiserkrone. Doch ein seltsamer Wahn ergreift den Mann, der seine Macht dem Krieg verdankt, er verhandelt für den Frieden. Und um ihn beginnt ein Intrigenspiel. Seine Gegner kennen keine Gnade, Wallenstein stirbt durch die Hand seiner früheren Getreuen. Fast 400 Jahre nach seinem Tod wird die Krankenakte Wallenstein wieder geöffnet. Ein pathologisches Gutachten liefert die Hintergründe für die seltsame Verwandlung des Feldherrn, er litt unter Syphilis.